Die Gesellschaft fürAnalytische Philosophie (GAP) schreibt
regelmäßig den sogenannten „GAP Essaypreis“ aus. So auch im Jahr 2017. Die
Ausschreibung richtet sich primär an Studierende der Philosophie. In den
meisten Fällen handelt es sich bei den ausgeschriebenen Themen um solche aus
dem Bereich der Ethik, so auch die aktuelle Frage. Das für 2017 gewählte Thema
ist durchaus aktuell, denn es betrifft u.a., zumindest indirekt, die Frage nach
der Zensur von sogenannten Fake-News,
also Nachrichten, insbesondere in den sozialen Netzwerken, die eindeutig
falsch, also gelogen sind. Der Bundesjustizminister Heiko Maas plant derzeit
ein Gesetz, mit dessen Hilfe die Betreiber von sozialen Netzwerken gezwungen
werden sollen, solche Falschmeldungen zu löschen.
Natürlich gibt es
keinen direkten Schluss von der Beantwortung der Frage, ob die Redefreiheit
Lügen in der Öffentlichkeit gestattet zum Verbot von Fake-News, aber die Beantwortung der Preisfrage liefert zumindest
eine wichtige Voraussetzung zur Antwort auf die Frage nach einem möglichen
Gesetz, dass Betreiber sozialer Netzwerke auffordert, eindeutige
Falschmeldungen zu löschen.
Da Scholastiker sein
Universitätsstudium schon vor vielen Jahren abgeschlossen hat, gehört er nicht
zu der Gruppe von Personen, die einen Essay zu der Preisfrage einreichen
können. Ich möchte gleichwohl einige Anmerkungen zu diesem Thema machen und
zwar, wie immer in diesem Blog, auf der Grundlage der
aristotelisch-scholastischen Philosophie.
Ganz allgemein lässt sich die Frage folgendermaßen
beantworten:
1.
Lügen ist in jedem Fall moralisch verboten
2.
Die Veröffentlichung von Lügen ist daher ebenso
verboten, wie die private Lüge. Öffentliche Lügen können unter Umständen sogar
moralisch verwerflicher sein, als private Lügen, da sie einen weiteren
Personenkreis betreffen und dadurch weitreichendere Folgen haben als private
Lügen.
3.
Also sind Lügen in der Öffentlichkeit in jedem
Fall moralisch verboten
Während die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, zu den
natürlichen Pflichten gehört, ist das Recht auf freie Rede kein natürliches
Recht, sondern Teil des positiven Rechts. Da in der Ordnung der Rechte und
Pflichten die natürlichen Rechte und Pflichten stets den Vorrang vor positiven
Rechten haben, kann die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, nicht durch ein
Recht auf freie Rede eingeschränkt werden.
Soweit die allgemeine Argumentation, die bei einigem
Nachdenken bei den meisten Menschen auf Zustimmung stoßen dürfte. Auch die
kantische Ethik würde dieser Argumentation folgen, wenn auch ohne den Hinweis
auf natürliche Rechte und Pflichten.
Man könnte nun allerdings die 1. Prämisse, dass Lügen in
jedem Fall moralisch verboten ist, in Frage stellen und z.B. Ausnahmen
konstruieren, bei denen diese Prämisse nicht gültig ist (z.B. Situationen im
Krieg oder unter Zwang etc.). Daher bedarf die 1. Prämisse einer weiteren
Begründung.
Unter „Lügen“ versteht man die bewusste Falschaussage. Jemand,
der eine Lüge weitererzählt, allerdings nicht weiß, dass es sich um eine Lüge handelt,
dem also die Lüge als solche nicht bewusst ist, lügt nicht. Mit der bewussten
Falschaussage wird im Allgemeinen eine bestimmte Absicht verfolgt, z.B. wird
gelogen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aus Angst vor Strafe oder um
einer anderen Person zu schaden.
Doch warum ist die Lüge moralisch böse? Ich kann hier in
einem kurzen Blogbeitrag natürlich nicht die ganze Theorie des Guten und die
Negation des Guten, besser die Privation des Guten, wiederholen. Dazu finden
Sie verschiedene Beiträge im Blog. Kurz gesagt besteht das Gute darin, dass es
zur Erfüllung der Wesenheit einer Entität beiträgt. Zur Erfüllung der Wesenheit
eines Menschen trägt die Wahrheit bei. Ohne Kenntnis der Wahrheit würden wir
ständig in die Irre gehen, Fehler machen, uns in Gefahr begeben usw. Die Lüge
ist die bewusste Fälschung der Wahrheit, die dadurch diese negativen Folgen
zeitigt. Und diese negativen Folgen erfährt nicht nur der Belogene, sondern
auch der Lügner selbst, obwohl dies oft nicht unmittelbar sichtbar und
erfahrbar wird. Ausführliche Argumente zu dieser Frage finden Sie in dem in
diesem Jahr erschienen GrundkursPhilosophie VI: Natürliche Ethik,
von Rafael Hüntelmann.
Muss der Lügner bestraft werden? Grundsätzlich gilt, dass
nicht alles, was moralisch böse ist, auch juristisch bestraft werden muss.
Unhöflichkeit ist zweifellos moralisch verwerflich, allerdings wäre es nur
unter einer harten Diktatur, wenn überhaupt, möglich, Unhöflichkeit juristisch
zu verfolgen und zu bestrafen. Daher ist es auch nicht möglich, die Lüge
grundsätzlich juristisch zu verbieten und zu bestrafen. Wer vor Gericht lügt
oder in anderen bestimmten Situationen, der wird zu Recht bestraft, da es vor
Gericht um die Wahrheitsfindung für ein juristisches Urteil geht. Es gibt
allerdings auch andere Situationen, bei denen eine Lüge auch juristische
Konsequenzen hat, z.B. wenn die Lüge eine bestimmte Person eindeutig beleidigt oder
ihr einen Schaden zufügt.
Die Redefreiheit bezieht sich in erster Linie auf die freie
Meinungsäußerung. Eine Meinung ist entweder wahr oder falsch, allerdings steht
dies bei einer Meinung nicht eindeutig fest. Daher ist die Wahrheitsfrage in
Bezug zu Meinungen offen, d.h. es steht nicht fest, welche von verschiedenen
Meinungen über einen Gegenstand wahr ist. Insofern ist eine Meinung weder eine
Lüge, noch eine wahre Aussage. Zur Meinungsbildung ist freilich die Erkenntnis
der Wahrheit eine Voraussetzung, der Wahrheiten, die für die Meinungsbildung
und die Urteilsbildung erforderlich sind. Wer hier lügt, handelt natürlich
moralisch verwerflich, es dürfte aber bis auf wenige und eindeutige Ausnahmen
sehr schwierig bis unmöglich sein, solche Lügen juristisch zu identifizieren
und zu verfolgen. Ausnahmen sind die Fälle, die bereits jetzt vom Gesetz
abgedeckt werden.
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