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Montag, 19. Januar 2015

Hylemorphismus versus Atomismus

Die antiken Atomisten glaubten, dass man jede Art der Veränderung durch die Anordnung und Neugruppierung fundamentaler Teilchen erklären könne. Nach dieser Auffassung sind ein Hund, ein Baum oder Wasser auf der fundamentalen Ebene ein- und dieselbe Sache, nämlich eine Ansammlung fundamentaler Teilchen. Ihr Unterschied besteht nur darin, dass diese Teilchen unterschiedlich angeordnet sind. Ihre Unterschiede sind demnach nur akzidentell und nicht substanziell und dementsprechend sind auch die fundamentalsten Veränderungen dieser Dinge, wie der Tod des Hundes, die Verbrennung des Baumes und die Zerlegung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff keine substanziellen, sondern nur akzidentelle Veränderungen. Der Hylemorphist unterscheidet zwischen akzidenteller Veränderung, wie der Änderung der Farbe des Hundefells oder der Erhitzung von Wasser und substanzieller Veränderung, wie dem Tod des Hundes oder die Zerlegung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff.




Die modernen reduktiven und eliminativen Materialisten sind natürlich nicht ganz so ungehobelt wie die antiken Atomisten, aber im Wesentlichen sind sie demselben Weltbild verpflichtet, d.h. sie sind zu der Auffassung verpflichtet, dass es „nichts anderes gibt als Fermionen und Bosonen und Kombinationen derselben (Rosenberg 2011). Zur Begründung dieser Auffassung verweisen diese Materialisten auf die moderne Physik und Chemie.

Allerdings gibt es einige gravierende Probleme mit der atomistischen Weltauffassung, die die gesamte neuzeitliche Philosophie durchzieht. Natürlich würde auch ein Thomist nicht bestreiten, dass es einen bestimmten Sinn gibt, nach dem Wasser eine Zusammensetzung von Wasserstoff und Sauerstoff ist, aber er würde zugleich sagen, dass beide Bestandteile im Wasser nur potenziell oder virtuell und nicht aktual existieren. Ähnliches kann man auch von anderen chemischen Elementen sagen und von Quarks und anderen Teilchen, die in anorganischen und organischen Substanzen vorhanden sind.

Dies bedeutet zugleich, dass im Gegensatz zu denjenigen, die eine einzige substanzielle Form bestreiten, es keine Vielfalt substanzieller Formen in einer Substanz gibt. Wasser hat nur die substanzielle Form von Wasser und nicht die substanziellen Formen von Wasserstoff und Sauerstoff, von Quarks usw.; diese Bestandteile sind nur virtuell oder potentiell im Wasser vorhanden. Und in einem Lebewesen, insofern dieses Wasser enthält, ist auch das Wasser nur virtuell vorhanden und nicht aktual.

David Oderberg hat diese Zusammenhänge folgendermaßen zusammengefasst: „Die substanzielle Form durchdringt die Ganzheit der Substanz, die sie besitzt, nicht nur horizontal in ihren Teilen – es ist ebenso viel Hundheit in Fidos Nase und Schwanz wie in Fido als einem Ganzen – sondern auch vertikal bis hinunter zu den chemischen Elementen, die Fidos lebendiges Fleisch konstituieren…“ (Oderberg: Real Essentialism, S. 70).


Deshalb kann man auch nicht sagen, dass die Teile, aus denen eine Substanz besteht, auf diese reduzierbar ist, noch dass diese Teile realer sind als das Ganze. Vielmehr ist es genau umgekehrt: Es sind die Teilchen, bzw. Teile in einem Ganzen, die weniger real sind als das Ganze. Natürlich würden die Atomisten oder deren moderne Nachfolger diese Behauptung mit Verweis auf die Naturwissenschaften bestreiten. Allerdings fällt diese Frage nicht in den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaft und kann deshalb auch nicht durch diese entschieden werden.

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