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Montag, 21. Dezember 2015

Nur Eins ist notwendig



Der dritte thomistische Gottesbeweis geht, wie alle „fünf Wege“, von einer alltäglichen Erfahrung aus. Wir sehen, dass bestimmte Dinge in unserer Welt kontingent sind, d.h. dass sie nicht notwendigerweise existieren müssen. Dies zeigt sich schon daran, dass sie irgendwann einmal nicht existiert haben und dass sie auch irgendwann aufhören zu existieren. Niemand wird diese Tatsache ernsthaft in Frage stellen.


Donnerstag, 10. Dezember 2015

„Ein Wochenende mit Thomas von Aquin“



Passend zu den letzten Blogbeiträgen veranstaltet das vor fast genau einem Jahr gegründete Institut für Thomistische Philosophie iTP im Mai 2016 ein Studienwochenende zu den Gottesbeweisen bei Thomas von Aquin. Das Wochenendseminar mit dem in der Überschrift genannten Titel wird im Schwarzwald stattfinden und richtet sich an philosophisch interessierte Laien und Studierende aller Studienfächer. Wie die Website des Instituts meldet, ist eine Anmeldung bereits möglich. Es stehen nur 20 Teilnehmerplätze zur Verfügung.


Samstag, 5. Dezember 2015

Wesenheit – Existenz – Gott



Der zweite Gottesbeweis von Thomas von Aquin geht von der Voraussetzung aus, dass in allen Entitäten die Wesenheit oder das Sosein, also das, was etwas ist, und die Existenz verschieden sind. Diese Voraussetzung ist nicht besonders schwer zu akzeptieren. Deshalb hat Gaven Kerr in seinem jüngsten Buch auch diesen Gottesbeweis wegen seiner geringen ontologischen Voraussetzungen, als den am meisten überzeugenden der „fünf Wege“ bezeichnet. Dieser Gottesbeweis aus der Summa theologiae ist zudem der einzige, den Thomas in seinem Frühwerk De Ente et Essentia bereits vorgestellt hat.

Montag, 16. November 2015

Wenn sich etwas verändert, dann gibt es eine Ursache: Gott



Der erste der sogenannten „fünf Wege“, - der fünf Gottesbeweise Thomas von Aquins – geht von einer Tatsache in unserer Erfahrung aus, die von niemandem ernsthaft bestritten wird. Es gibt Veränderung, Bewegung in der Welt. Es ist nicht nötig anzunehmen, dass sich alles verändert. Es reicht, wenn wir davon überzeugt sind, dass es mindestens eine Entität gibt, die sich verändert.


Dienstag, 3. November 2015

Warum überhaupt Gottesbeweise?



In einer Reaktion auf meinen letzten Beitrag zum Thema Atheismus und Gottesbeweise hat ein Leser einen Kommentar auf Google+ veröffentlicht, der eher typisch für die Haltung heutiger ernsthafter Christen zu diesem Thema ist. Insbesondere Protestanten, und hier besonders die frommen Protestanten in den Freikirchen, aber seit einigen Jahrzehnten auch Katholiken, sind der Überzeugung, dass Gottesbeweise mehr oder weniger überflüssig sind, dass durch sie niemand zum christlichen Glauben findet und dass der Gott der Gottesbeweise kein Gott ist, "vor dem man niederfallen kann" und "den man anbeten kann". Diese Auffassung ist nicht nur falsch, sie führt sogar zu einem oft falschen Gottesverständnis. Daher möchte ich einige Worte zu dem Thema sagen, warum eine philosophische Analyse des Gottesbegriffs und die rationalen Beweise für die Existenz Gottes nicht nur hilfreich und sinnvoll, sondern sogar notwendig sind.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Warum Atheisten gegen einen Strohmann kämpfen



Verschiedene Atheisten, darunter bekannte Namen wie Bertrand Russell, Daniel Dennett und Richard Dawkins glauben, sie hätten ein starkes Argument gegen die verschiedenen kosmologischen Gottesbeweise gefunden. Doch spricht ihr Argument mehr für die völlige Unkenntnis der kosmologischen Argumente, was für einen Philosophen (zu denen Dawkins freilich nicht gehört) eher ein Armutszeugnis ist. So führt Daniel Dennett, einer der führenden analytischen Philosophen gegen die kosmologischen Argumente an: „Das kosmologische Argument … in seiner einfachsten Form behauptet, dass weil alles eine Ursache haben muss, auch das Universum eine Ursache haben muss, nämlich Gott“ (eigene Übersetzung von: D. Dennett, Breaking the Spell, S. 242).

Dienstag, 20. Oktober 2015

Neuerscheinungen für Scholastiker



Die Situation für scholastische Philosophen, was die Publikationen angeht, hat sich in den vergangenen zehn Jahren erheblich verbessert. Während vor zehn Jahren pro Jahr einige, wenige Neuerscheinungen zur scholastischen Philosophie zu verzeichnen waren und dies vor allem historisch orientierte Titel, erscheinen derzeit fast monatlich ein bis zwei neue Titel. Leider fast ausschließlich auf Englisch. Wie auch sonst ist die systematische Philosophie in Deutschland leider fünf bis zehn Jahre hinter der internationalen (d.i. angelsächsischen) Entwicklung hinterher. Heute möchte ich Ihnen zwei interessante Neuerscheinungen vorstellen.


Donnerstag, 8. Oktober 2015

Erste Thomistische Sommerakademie


Das Institut für Thomistische Philosophie hat die konkreten Daten für die vom Institut durchgeführte Erste Thomistische Sommerakademie bekanntgegeben. Ab sofort ist auch eine Anmeldung möglich. Da die Plätze, wie es auf der Website des Instituts heißt, begrenzt sind, empfiehlt sich vermutlich eine rechtzeitige Anmeldung. Das Thema ist jedenfalls sehr ansprechend und hochaktuell: Dualismus und Hylemorphismus in der Philosophie des Geistes.
Hier die Daten der ersten Sommerakademie:




Samstag, 26. September 2015

These 16: Substantielle Einheit von Leib und Seele



Die 16. These der 24 bestätigten Thesen der derThomistischen Philosophie bezieht sich auf den sogenannten Hylemorphismus. Entsprechend dieser aristotelisch-thomistischen Theorie ist jeder materielle Gegenstand aus Materie (griechisch: hylé) und Form (griechisch: morphé) zusammengesetzt. Dies gilt auch für den Menschen. Beim Menschen ist die Seele die Form des Körpers. Diese Seele bestimmt somit den Körper bis in seine letzten Bestandteile und macht den Körper zu dem, was er ist, zu einem menschlichen Leib. Der menschliche Leib ist nicht als solcher die Materie. Was wir wahrnehmen, wenn wir einen Menschen sehen, ist der „geformte“ Leib, der Körper, der bereits durch die Form, d.i. die Seele bestimmt ist. Die eigentliche Materie ist immer die materia prima, die völlig unbestimmte, reine Materie, die ohne Form nie existiert. Im Unterschied zur Pflanze oder zum Tier ist aber die menschliche Form, also die Seele des Menschen, in einem gewissen Sinne ohne den Körper existenzfähig.


Freitag, 11. September 2015

These 15: Subsistenz der menschlichen Seele



Schon vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, die sogenannten 24 bestätigten Thesen der Thomistischen Philosophie der Reihe nach zu erläutern. Damals war ich bis zur 14. Thesevorgedrungen, bei der es um die Philosophie der Biologie geht. Die 15. These bezieht sich auf die menschliche Seele, von der hier behauptet wird, dass sie „an sich“ besteht. Das hört sich wie eine dualistische These an, wie sie von René Descartes und anderen neuzeitlichen und modernen Philosophen vertreten wird, ist aber nicht so gemeint.

Montag, 31. August 2015

Der Bundespräsident und die Definition



Am vergangenen Samstag veröffentlichte der in Bonn erscheinende „Generalanzeiger“ ein Interview mit dem deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Der Bundespräsident ist in der DDR aufgewachsen und wurde dort zum evangelischen Pfarrer ausgebildet. Ob zur Ausbildung von Pfarrern in der DDR ein Studium der Philosophie gehörte, kann ich nicht sagen, aber nach den Äußerungen des Bundespräsidenten im Generalanzeiger würde ich das eher bezweifeln. Bestenfalls könnte ein Studium des Marxismus-Leninismus Teil des Studiums gewesen sein. Dies schließe ich aus der Äußerung von Herrn Gauck, man müsse den Begriff der „Nation“ heute umdefinieren.


Montag, 24. August 2015

Warum existiere ich heute?

Vor einigen Jahrzehnten wurde ich geboren. Meine Existenz begann mit der Befruchtung der Eizelle. Danach hat sich der Körper entwickelt, ich wurde geboren und existiere seither mehr oder weniger selbständig. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde von Minute zu Minute dauert meine Existenz fort. Aber warum? Gibt es eine Ursache oder ein Prinzip in mir selbst, durch die ich meine Existenz erhalte? Während die Frage nach dem Anfang der Existenz in der Philosophie von je her größere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist die Frage nach der Dauerhaftigkeit der Existenz kaum beachtet worden. Um diese Dauerhaftigkeit der Existenz zu erklären, müsste es eine Ursache in einer Entität geben, durch die sie fortdauert. Gibt es eine solche Ursache?

 

Samstag, 8. August 2015

Neuer Essentialismus



Nach jahrhunderterlanger Abstinenz vom Essentialismus, also der Theorie, dass es Wesenheiten gibt, die in der Realität selbst und nicht nur im Bewusstsein existieren, gibt es seit einiger Zeit nun auch in der analytischen Philosophie wieder ein neues Interesse an Wesenheiten. Allerdings unterscheidet sich dieses neue Verständnis ganz erheblich vom klassischen Essentialismus der aristotelisch-scholastischen Tradition. Die neuen Essentialisten stehen im Zusammenhang mit den Weiterentwicklungen in der modernen Logik, insbesondere der Modallogik, und gehen teilweise zurück auf Hilary Putnam und Saul Kripke.


Dienstag, 28. Juli 2015

Wirklich möglich



Nach Auffassung scholastischer Philosophen gründet das, was „wirklich möglich“ ist und das, was notwendig und unmöglich ist, in der Wirklichkeit. Der Teilbereich der Metaphysik, der sich mit dem beschäftigt, was möglich, unmöglich oder notwendig ist, heißt Modalontologie. Wie in vielen anderen Bereichen der Philosophie vertritt auch hier die aristotelisch-thomistische Philosophie einen Ansatz, der sich von allem unterscheidet, was heute in der Modalontologie so gang und gäbe ist. Die scholastische Modalontologie ist vor allem realistisch. Realität aber beinhaltet, dass etwas sowohl „im-Akt“ als auch „in-Potenz“ ist und diese beiden Arten des Seins werden weiter spezifiziert durch die sogenannten vierUrsachen

Sonntag, 19. Juli 2015

Wie wir Wesenheiten erkennen



Im Blog-Beitrag vom 2. Juli wurden Gründe für die Notwendigkeit der Unterscheidung von Wesenheiten und Eigenschaften genannt. Ein weiterer Grund zu dem im Beitrag genannten Grund besteht in der Erkenntnis von Wesenheiten. Die scholastische Philosophie ist nicht der Auffassung, dass diese Erkenntnis eine einfache Sache ist, beispielsweise durch eine sogenannte „Wesensschau“, ein bestimmtes Vermögen, mit dessen Hilfe man sozusagen auf einen Schlag die Wesenheit einer Sache erkennt. Ganz im Gegenteil ist es in vielen Fällen recht schwierig eine Wesenheit zu erkennen. Doch gerade zur Erkenntnis der Wesenheit ist die Unterscheidung derselben von Eigenschaften oder allgemeiner, von den Attributen erforderlich.

Freitag, 10. Juli 2015

Neo-Scholastic Essays: Eine Buchempfehlung



Der populärste analytische Thomist oder Neoscholastiker, Edward Feser, hat eine Sammlung seiner wichtigsten Aufsätze und Vorträge aus den vergangenen Jahren veröffentlicht. Während Feser in Deutschland weniger bekannt ist, gehört er in den USA zu den renommiertesten Philosophen aus dem Umfeld des sogenannten Neoaristotelismus (das ist der allgemeinste Begriff unter dem alle Richtungen fallen, angefangen von Philosophen, die bestimmte Aspekte der aristotelischen Philosophie aufgreifen, bis hin zu Neothomisten und Neoscholastikern). Besonders weit verbreitet ist sein Internet-Blog, in dem Feser mehrere Beiträge pro Woche veröffentlicht. Feser schreibt sehr gut verständlich und streng argumentativ. In deutscher Übersetzung ist von ihm bisher nur das Buch Der Letzte Aberglaube erschienen.


Donnerstag, 2. Juli 2015

Wesenheiten und essentielle Eigenschaften



In gegenwärtigen Diskussionen über den Essentialismus, also die Auffassung, dass es Wesenheiten gibt, gibt es ein Missverständnis, dass sich sowohl bei den Gegnern als auch bei den modernen Befürwortern des Essentialismus findet. Das Missverständnis betrifft die Beziehung zwischen Wesenheiten und Eigenschaften. Insbesondere in der analytischen Philosophie werden Wesenheiten als essentielle Eigenschaften analysiert. Alle charakteristischen Bestimmungen einer Entität werden heute unter dem Begriff „Eigenschaft“ subsummiert, wobei Essentialisten zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften unterscheiden. Hier unterscheidet sich die scholastische Position deutlich von diesen Analysen.

Dienstag, 23. Juni 2015

Moderater Realismus



Die scholastische Philosophie vertritt einen moderaten Realismus, der sich vom Nominalismus, dem Konzeptualismus bzw. Rationalismus einerseits und vom radikalen, bzw. platonischen Realismus andererseits unterscheidet und gewissermaßen eine Zwischenposition darstellt. Unter einer realistischen Philosophie versteht man eine solche, die davon ausgeht, dass Wesenheiten mehreren Dingen gemeinsam zukommen. Das Wesen von Wasser ist etwas, dass der Michigan See mit dem Wasser aus Ihrem Wasserhahn oder dem Wasser auf einem Jupitermond gemeinsam hat.

Freitag, 12. Juni 2015

Poppers und Wittgensteins Anti-Essentialismus

Der Anti-Essentialismus ist die vorherrschende Strömung in der Gegenwartsphilosophie. Daher verwundert es nicht, dass nicht nur Quine, sondern auch andere Philosophen gegen Wesenheiten argumentiert haben. Die Argumente zweier weiterer Philosophen, nämlich Karl Popper und Ludwig Wittgenstein, möchte ich noch vorstellen.

Samstag, 6. Juni 2015

Quines Anti-Essentialismus 2


W.V.O. Quine hat weitere Argumente für seine Auffassung geliefert, dass es keinerlei Modalitäten gibt, insbesondere dass es nichts gibt, dass notwendig ist. Dies gilt selbst, nach Quine, für mathematische und logische Wahrheiten. Seine Argumente gegen die Notwendigkeit sind aber immer auch gegen die Theorie der Wesenheiten gerichtet, denn eine Entität hat ihre Wesenheit notwendigerweise. Dass Sokrates ein Mensch ist, ist eine notwendige Bestimmung Sokrates‘. Quine hingegen behauptet, dass irgendeine Proposition, die wir für notwendig halten, nichts anderes bedeutet, als das wir eine solche Proposition für wichtig erachten und dass dann, wenn wir sie als nicht notwendig preisgeben, dies bedeutende Konsequenzen hätte. Doch im Prinzip könnten auch logische Wahrheiten, wie der Satz vom Widerspruch als nicht-notwendig betrachtet werden.

 

Freitag, 22. Mai 2015

Quines Anti-Essentialismus. Teil 1

Antiessentialismus ist die Auffassung, dass es keine Wesenheiten oder Naturen gibt. Diese Auffassung ist so alt wie die Philosophie selbst, wurde aber in der neuzeitlichen Philosophie die vorherrschende Theorie und zwar unabhängig davon, ob es sich um Vertreter der Rationalismus, Konzeptualismus oder Nominalismus handelt. Während der Nominalismus rundweg bestreitet, dass es überhaupt Wesenheiten gibt und selbst Begriffe als bloße Worte versteht, behaupten Rationalisten bzw. Konzeptualisten, dass es in der Realität keine Wesenheiten oder Naturen gibt, dass wir aber in unserem Denken Allgemeinbegriffe bilden können, denen allerdings in der Welt nichts entspricht. Für die analytisch orientierte Gegenwartsphilosophie sind die Argumente des strengen Nominalisten Willard van Orman Quine (1908-2000) sehr einflussreich geworden.

Dienstag, 12. Mai 2015

Wesenheiten in der Wissenschaftstheorie



Argumente für die bewusstseinsunabhängige, also objektive Realität von Wesenheiten werden seit einiger Zeit auch von Vertretern einer Wissenschaftstheorie geliefert, die als „Neue Essentialisten“ (New Essentialists) bezeichnet werden. Bekannte Vertreter dieser wissenschaftstheoretischen Richtung sind Nancy Cartwright oder Brain Ellis. Neue Essentialisten vertreten die Auffassung, dass es die Aufgabe der Naturwissenschaften ist, Wesenheiten und kausale Kräfte (Dispositionen) zu entdecken und zu erforschen. Kausale Kräfte sind dieser Auffassung entsprechend Kräfte, die Dinge aufgrund ihrer Wesenheiten besitzen, bzw. die die Dinge wesentlich besitzen. Hierfür wurden von den Neuen Essentialisten weitere Argumente für die Objektivität von Wesenheiten genannt.

Mittwoch, 29. April 2015

Die Realität der Wesenheiten



Die Wesenheit einer Sache ist ihre Natur, das, wodurch sie das ist, was sie ist. Die Wesenheit ist das, was wir intellektuell erfassen, wenn wir die Gattung und den spezifischen Unterschied einer Sache erfassen. Das klassische Beispiel zur Erläuterung der Wesenheit ist die Definition der Wesenheit des Menschen bei Aristoteles als rationales Sinneswesen. In dieser Definition wird Sinneswesen als Gattung betrachtet, unter die der Mensch fällt und Rationalität als das, was den Menschen als Art von der Gattung unterscheidet. Wenn die Definition richtig ist, dann gibt sie uns das Wesen des Menschen an.

Mittwoch, 22. April 2015

Der Neoaristotelismus breitet sich aus



Wenn man unter dem Begriff „Neoaristotelismus“ alle philosophischen Positionen zusammenfasst, die sich mehr oder weniger stark auf Aristoteles und die aristotelische Tradition in der Philosophie beziehen (dazu gehören insbesondere die neuen Scholastiker und Thomisten, die oft auch als analytische Scholastiker oder Thomisten bezeichnet werden), dann gibt es eine sehr erfreulich Entwicklung. Im aktuellen Heft der Zeitschrift RATIO. An international Journal for analytic philosophy, eines der führenden philosophischen Fachzeitschriften für analytische Philosophie, sind soeben gleich zwei ausgezeichnete Beiträge von Neoaristotelikern erschienen, die ich kurz vorstellen möchte. Der erste Beitrag von Travis Dumsday zeigt die „ontologischen Konsequenzen des Atomismus“ auf und zieht daraus die Konsequenz, dass diese Position unhaltbar ist. Der zweite Beitrag von Nicah Newman verteidigt auf der Grundlage eines naturalistischen Ansatzes die klassische Auffassung zur Sexualethik.
Dass solche Aufsätze in einem führenden Organ für analytische Philosophie erscheinen, wäre noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen.

Dienstag, 21. April 2015

Das Leib-Seele Problem: Grundkurs IV erschienen



Der vierte Band des Grundkurs Philosophie von Rafael Hüntelmann ist jetzt lieferbar. Thema dieses vierten Bandes ist „Das Leib-Seele-Problem“, eines der derzeit meistdiskutierten Themen in der Philosophie. Wie für alle Bände dieser Reihe üblich, werden nicht nur die wichtigsten Theorien und Argumente der Gegenwartsphilosophie zum Thema Philosophie des Geistes vorgestellt, sondern insbesondere die aristotelisch-thomistische Theorie zum Leib-Seele-Problem.


Donnerstag, 16. April 2015

Identität: Eine nicht-reduktionistische Analyse


Nachdem verschiedene Versuche dargestellt wurden, die Identität einer Entität durch Reduktion zu erklären, folgt heute eine nicht-reduktive Analyse der Identität, die dem „gesunden Menschenverstand“ näher steht, als die bisherigen Erklärungsversuche. Es ist die Analyse, wie sie von den scholastischen Philosophen entwickelt wurde, nach der Identität primitiv, d.h. einfach ist. Dies bedeutet nun auch wieder nicht, dass man nichts weiter darüber sagen kann. Identität beruht nach scholastischer Auffassung auf der substantiellen Form einer Entität, die die charakteristischen Eigenschaften, Kräfte, Vermögen, Dispositionen und anderes bestimmt.

Dienstag, 7. April 2015

Diachrone Identität oder Persistenz. Teil 2



Gegen die Theorie der zeitlichen Teile bzw. den Vierdimensionalismus wurden verschiedene Einwände vorgebracht. Die Theorie behauptet, wie im letzten Blogbeitrag dargestellt, dass ein persistierendes Objekt ein vierdimensionaler Raumzeitwurm ist. Ähnlich wie jedes materielle Objekt räumliche Teile hat, soll es dieser Theorie entsprechend auch zeitlichen Teile haben. Solche zeitlichen Teile sind z.B. „früher als“, „später als“ oder „gleichzeitig mit“. Dementsprechend ist jedes Stadium eines Objekts ein zeitlicher Teil des Objekts und das Objekt selbst ist entsprechend eine Zusammensetzung zeitlicher Teile, der selbst ein zeitlicher Teil ist, der die anderen zeitlichen Teile „überlappt“.

Mittwoch, 1. April 2015

Diachrone Identität oder Persistenz



Während die synchrone Identität einer Entität durch die vorbezeichnete Materie bestimmt wird, handelt es sich bei diachronen Identität um die Beständigkeit einer Entität im Wandel der Zeit. Synchrone Identität bedeutet, dass eine Entität genau diese Entität und keine andere zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Eine Entität verändert sich aber im Verlauf der Zeit. Alle Körperzellen eines Menschen werden im Verlauf von etwas sieben Jahren durch neue Zellen ersetzt. Trotzdem gehen wir davon aus, dass wir es mit derselben Person zu tun haben, die wir vor sieben Jahren getroffen haben. Worin diese Art der Identität besteht, ist die Frage nach der diachronen Identität.

Dienstag, 24. März 2015

Individuation



Was ist dafür verantwortlich, dass etwas Allgemeines wie Gold oder eine bestimmte Farbschattierung oder auch das allgemeine Wesen des Menschen individuiert wird? Nun, diese Frage habe ich schon einige Male in diese Blog thematisiert. Die Antwort lautet, ganz allgemein: die Materie. Nach scholastischer Auffassung ist die Materie das Prinzip der Individuation. Die Form, also z.B. die Form oder das Wesen von Gold ist etwas Allgemeines, eine Universalie. Ein bestimmtes Stück Gold, wie z.B. eine Unze (eine in diesen unsicheren Zeiten sicher gute Geldanlage), ist individuiert. Und in der Welt in der wir leben gibt es nur solche individuierten Dinge, keine abstrakten Dinge. Abstraktes Gold, die Form Gold, ist sicher keine gute Geldanlage und wenn Ihnen jemand so etwas zum Kauf anbietet, werden Sie sicher nichts dafür bezahlen. Nun ist es zwar richtig, dass die Materie das Prinzip der Individuation ist, aber nicht die Urmaterie, die materia prima, denn diese ist ja selbst völlig unbestimmt und somit nicht individuiert.


Montag, 16. März 2015

Sind Dinge Ereignisse?

Es gibt Philosophen, zu denen z.B. der späte Bertrand Russell, Whitehead und andere gehören, die der Auffassung sind, dass aufgrund der Erkenntnisse der modernen Physik die Dinge unserer Alltagswelt, die von der aristotelisch-scholastischen Philosophie, aber auch von vielen anderen Philosophen, als Substanzen analysiert werden, als Ereignisse zu analysieren sind. Ereignisse sind daher fundamentaler als Substanzen. Wie auch in zahlreichen anderen Fällen, in denen behauptet wird, dass die Ergebnisse der modernen Physik eine grundsätzliche Änderung der Philosophie erforderlich machen, zeigt sich bei einem genaueren Blick, dass sich die Ergebnisse der Physik auch alternativ interpretieren lassen.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Bündel, Tropes oder Substanzen

Eine Konstante in der neuzeitlichen und modernen Kritik der Scholastik ist die Ablehnung des Substanzbegriffs. Substanzen sind nach Aristoteles und Thomas von Aquin unabhängige Entitäten, das bedeutet, Entitäten, die in sich sind und nicht in einem Anderen und als solche Träger von Eigenschaften. Die empiristische Kritik am Substanzbegriff richtet sich vor allem gegen die fehlende empirische Gegebenheit von Substanzen. Substanzen sind nicht sichtbar und was nicht sinnlich gegeben ist, existiert für einen Empiristen nicht. Was gegeben ist sind Sinnesdaten oder allgemeiner gesagt, Eigenschaften. So geht bereits David Hume davon aus, dass gewöhnliche Dinge sich als Bündel von Eigenschaften analysieren lassen. Ein Stück Gold ist nach dieser Theorie nichts anderes als das Gelb, die Verformbarkeit, die Festigkeit, die Schmelzbarkeit, das bestimmte Gewicht usw., die zusammen „gebündelt“ vorkommen. Es gibt nichts an Gold, das darüber hinaus noch besteht, oder das diesen Eigenschaften zugrunde liegt, kein Substrat, das Träger dieser Eigenschaften ist. Dieser Gedanke liegt den modernen Trope-Ontologien zugrunde, die eine Weiterentwicklung dieser Idee Humes darstellen.

Freitag, 13. Februar 2015

Struktureller Hylemorphismus

Kathrin Koslicki
In den letzten Jahren hat es zumindest im angelsächsischen Raum eine Renaissance des Hylemorphismus gegeben. Außer Philosophen, die den klassischen Hylemorphismus von Aristoteles und Thomas von Aquin weiterführen, gibt es auch eine neue Theorie des Hylemorphismus, die Oderberg als „strukturellen Hylemorphismus“ bezeichnet hat und der sich deutlich von der klassischen Theorie unterscheidet. Hauptvertreter dieses strukturellen Hylemorphismus sind Kathrin Koslicki und William Jaworski.

Freitag, 6. Februar 2015

„Nichts anderes als“: Moderner Atomismus

Ein weiteres Problem des Atomismus besteht darin, dass auch ihre modernen Vertreter nicht in der Lage sind, die fundamentalsten Unterscheidungen in der Natur zu erklären, wie sie vom Hylemorphismus angenommen werden. Diese Unterscheidungen sind die zwischen der organischen und anorganischen Natur einerseits, und zwischen dem vegetativen und dem sinnlichen bzw. tierischen Leben andererseits. Eine dritte Unterscheidung betrifft die zwischen dem tierischen oder sinnlichen Lebewesen und dem menschlichen Leben. Dass sich die menschliche Rationalität nicht auf eine bloß sinnliche Lebensform reduzieren lässt, ist nicht nur durch Argumente gegenwärtiger Denker in der scholastischen Tradition bewiesen worden, sondern auch durch die wohlbekannten Schwierigkeiten mit denen Gegenwartsphilosophen konfrontiert sind, wenn sie in der Philosophie des Geistes versuchen, eine naturalistische Erklärung für propositionale Einstellungen zu geben.


Montag, 19. Januar 2015

Hylemorphismus versus Atomismus

Die antiken Atomisten glaubten, dass man jede Art der Veränderung durch die Anordnung und Neugruppierung fundamentaler Teilchen erklären könne. Nach dieser Auffassung sind ein Hund, ein Baum oder Wasser auf der fundamentalen Ebene ein- und dieselbe Sache, nämlich eine Ansammlung fundamentaler Teilchen. Ihr Unterschied besteht nur darin, dass diese Teilchen unterschiedlich angeordnet sind. Ihre Unterschiede sind demnach nur akzidentell und nicht substanziell und dementsprechend sind auch die fundamentalsten Veränderungen dieser Dinge, wie der Tod des Hundes, die Verbrennung des Baumes und die Zerlegung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff keine substanziellen, sondern nur akzidentelle Veränderungen. Der Hylemorphist unterscheidet zwischen akzidenteller Veränderung, wie der Änderung der Farbe des Hundefells oder der Erhitzung von Wasser und substanzieller Veränderung, wie dem Tod des Hundes oder die Zerlegung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Ein Streit zwischen Scholastikern

Bezüglich der Natur der substanzielle Form und der prima materia gibt es zwischen den verschiedenen scholastischen Schulen – Thomisten, Scotisten und der Schule von Suarez – einen Streit. Im Unterschied zu Thomas sind Suarez und Duns Scotus der Auffassung, dass die Urmaterie unabhängig von einer substanziellen Form existieren kann. Die Auseinandersetzung über diese Frage hält bis heute an und die Argumente für die Theorien Duns Scotus‘ und Suarez‘ finden sich in einem Werk, das der Verlag editiones scholasticae vor etwa zwei Jahren neu herausgegeben hat. Hier eine kurze Zusammenfassung der Auseinandersetzung, wie sie sich „Scholastic Metaphysics“ von Edward Feser findet.