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Freitag, 13. Februar 2015

Struktureller Hylemorphismus

Kathrin Koslicki
In den letzten Jahren hat es zumindest im angelsächsischen Raum eine Renaissance des Hylemorphismus gegeben. Außer Philosophen, die den klassischen Hylemorphismus von Aristoteles und Thomas von Aquin weiterführen, gibt es auch eine neue Theorie des Hylemorphismus, die Oderberg als „strukturellen Hylemorphismus“ bezeichnet hat und der sich deutlich von der klassischen Theorie unterscheidet. Hauptvertreter dieses strukturellen Hylemorphismus sind Kathrin Koslicki und William Jaworski.



Zunächst besteht der Unterschied zwischen klassischem und strukturellem Hylemorphismus darin, dass der letztere, wie der Begriff der Struktur bereits andeutet, quantitativ ist, denn der Begriff der „Struktur“ ist ein quantitativer Ausdruck. Natürlich gibt es auch im aristotelisch-thomistischen (A-T) Hylemorphismus quantitative Formen, nämlich z.B. die Formen mathematischer Entitäten, aber im Allgemeinen werden die Formen der Entitäten qualitativ verstanden. Daher ist der Begriff der Struktur zumindest nicht dazu geeignet, den Begriff der Form in der A-T Philosophie voll abzudecken.

Darüberhinaus hat Oderberg gezeigt (2014), dass der strukturelle Hylemorphismus mit Problemen konfrontiert ist, die sich aus der Frage ergeben, welche Elemente von der Struktur strukturiert werden. Als Beispiel führt Oderberg die Struktur von Wasser an. Sind es die Atome des Wassers, die durch die Struktur strukturiert werden oder sind es vielmehr grundlegendere Teilchen, aus denen die Atome zusammengesetzt sind? Die strukturellen Relationen in die die Atome in einem Wassermolekül zueinander stehen, unterscheiden sich deutlich von den Relationen, in die die Quarks in einem Wassermolekül zueinander stehen. Wenn man daher sagt, die Atome seien die Elemente, die strukturiert werden, spricht man über eine andere Struktur als wenn man sagt, es seien die Quarks die strukturiert werden. Daher spricht man bei diesen zwei Fällen von zwei verschiedenen Formen bzw. Strukturen, obwohl es sich um ein und dasselbe Wassermolekül handelt. Wenn der strukturelle Hylemorphist darauf antwortet, dass die Antwort jeweils von dem abhängt, was man betrachten will, dann bedeutet das, dass die Form der Dinge (bzw. die Struktur) von unserer Betrachtung, d.h. von subjektiven Faktoren abhängig ist und kein reales Merkmal der Wirklichkeit ist.

Als weitere Probleme des strukturellen Hylemorphismus werden von David Oderberg erwähnt: Wenn jede der beiden in Frage stehenden Strukturen, die atomare Struktur und die Struktur der Quarks, als real gegenwärtig im Wasser verstanden werden (im Gegensatz zu einer bloß von unseren Interessen abhängigen Betrachtungsweise), dann steht diese Auffassung im Gegensatz zur Einheit der substanziellen Form. Wie Thomas und andere Scholastiker betont haben, kann eine Substanz nur eine einzige Form haben, weil sonst die Einheit der Substanz problematisch wird.


Zudem ist es für den scholastischen Begriff des Hylemorphismus ein schwerwiegender Fehler zu behaupten, dass die Komponenten einer Substanz früher als diese selbst existieren und sozusagen darauf warten, strukturiert zu werden. Innerhalb einer Substanz existieren diese Komponenten bestenfalls virtuell, aber nicht aktual, denn was existiert ist die Substanz als Ganze. Daher kommt Edward Feser (2014, 188) zu dem Schluss, dass der strukturelle Hylemorphismus, „ebenso wie der nicht-reduktive Materialismus (…) und der Eigenschaftsdualismus, obwohl nützlich in ihren Angriffen auf den Reduktionismus und eliminativen Materialismus, gleichwohl nur unzureichend radikal sind“.

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