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Dienstag, 24. März 2015

Individuation



Was ist dafür verantwortlich, dass etwas Allgemeines wie Gold oder eine bestimmte Farbschattierung oder auch das allgemeine Wesen des Menschen individuiert wird? Nun, diese Frage habe ich schon einige Male in diese Blog thematisiert. Die Antwort lautet, ganz allgemein: die Materie. Nach scholastischer Auffassung ist die Materie das Prinzip der Individuation. Die Form, also z.B. die Form oder das Wesen von Gold ist etwas Allgemeines, eine Universalie. Ein bestimmtes Stück Gold, wie z.B. eine Unze (eine in diesen unsicheren Zeiten sicher gute Geldanlage), ist individuiert. Und in der Welt in der wir leben gibt es nur solche individuierten Dinge, keine abstrakten Dinge. Abstraktes Gold, die Form Gold, ist sicher keine gute Geldanlage und wenn Ihnen jemand so etwas zum Kauf anbietet, werden Sie sicher nichts dafür bezahlen. Nun ist es zwar richtig, dass die Materie das Prinzip der Individuation ist, aber nicht die Urmaterie, die materia prima, denn diese ist ja selbst völlig unbestimmt und somit nicht individuiert.





Thomas von Aquin hat diese Materie, die für die Individuation verantwortlich ist, als „materia signata“ bezeichnet, was man etwa mit „vorbezeichnete Materie“ übersetzen könnte. Es handelt sich um eine Materie, die noch frei von jeder Form ist, die aber hinsichtlich der Quantität oder der Dimension vorbezeichnet ist. Diese Theorie gehört zu den besonders schwierigen und auch umstrittensten Teilen der thomistischen Philosophie. Die materia signata ist etwas mehr bestimmt als die materia prima, allerdings so wie diese ohne jede Form.

Es gibt zwei zentrale Punkte zum Verständnis dieser Materie, der materia signata: 1. Was auch immer ein materielles Ding sein mag, es hat bestimmte Dimensionen, bestimmte Abmessungen, eine bestimmte Größe. Wenn die Urmaterie die bestimmte Form einer Substanz, z.B. einer Unze Gold annimmt, dann nimmt sie durch diese Tatsache selbst eine bestimmte Dimension an. 2. Dimension ist durch ihre Natur individuierend. Diese Menge einer bestimmten räumlichen Dimension ist wesentlich von jener räumlichen Dimension verschieden und wenn man die Dimension der Zeit hinzunimmt, haben wir verschiedene individuelle Mengen von Dimensionen, die den Unterschied zwischen individuellen materiellen Substanzen begründen können. So kann man sagen, dass die materia signata, die bezeichnete Materie, die Urmaterie ist, insofern sie bestimmt ist als etwas, dass hier und nicht dort ist und so eine materielle Substanz von einer anderen unterscheidet.

Gegen diese Theorie Thomas von Aquins gab es schon zu dessen Lebzeiten Einwände, die bis heute nicht verstummt sind. Ein möglicher Einwand lautet, dass die Materie, um eine Substanz zu individuieren, die Dimensionen haben muss, d.h. dass sie bereits materia signata sein muss, bevor sie von einer substanziellen Form informiert wird. Doch bevor die Materie von der Form informiert wird, hat die Materie keinerlei Bestimmung, sondern sie ist reine Potenzialität in Bezug auf eine Form.

Dieser Einwand beruht auf einem Missverständnis, bzw. auf eine Verwechslung von formaler und effizienter Kausalität. Die rein potenzielle Urmaterie und die substanzielle Form sind nicht in derselben Weise miteinander verbunden, wie der Ton und die Form eines Gefäßes miteinander verbunden sind, wobei der Ton bereits bestimmte Merkmale und Bestimmungen hat, bevor der Töpfer sie in die Form eines Gefäßes bringt. Die Material- und die Formalursache einer materiellen Substanz, wie die prima materia und die substanzielle Form, arbeiten immer nur zusammen; keine Materie ohne Form und keine Form ohne Materie.

Demgegenüber existiert die prima materia, auch in ihrer bezeichneten Form als materia signata, d.h. durch Quantität „markierte“ Materie, nicht für sich, unabhängig von einer Form, sondern nur als durch eine substanzielle Form informiert.

Der vor fast genau einem Jahr verstorbene englische Philosoph Jonathan Lowe hat einen anderen Einwand vorgebracht. Nach seiner Auffassung genügt eine raumzeitliche Lokalisierung um eine materielle Substanz zu individuieren und die Materie im Sinne von Thomas fügt dazu nichts hinzu. Doch dies trifft nicht zu. Die Materie trägt etwas bei insofern es die Potenz ist, eine Form aufzunehmen und die Materie muss eine Form aufnehmen, um eine raumzeitliche Lokalisierung zu haben.

Bekanntlich haben andere Scholastiker, besonders Duns Scotus und Franz Suárez eine andere Erklärung für das Phänomen der Individuation gegeben und lehnen die thomistische Theorie ab. Während Suárez die Individuation auf die Entität selbst gründet – eine Entität ist individuiert, insofern sie eine Entität ist – hat Scotus eine zusätzliche Entität zur Individuation eingeführt, die er haecceitas nennt, also etwa „Diesheit“. Diese haecceitas verbindet sich gewissermaßen mit einer Universalie und individuiert diese  dadurch. An einem Beispiel: Sokrates und Platon haben beide die gleiche menschliche Natur. Doch durch die Verbindung dieser Natur mit der „Sokratesheit“ und der „Platonheit“ gibt es die individuierten Person Platon und Sokrates. Beide Theorien werden bis heute auch in der analytischen Ontologie vertreten, sind also insofern keineswegs nur von historischem Interesse.

Auf die Kritik dieser Theorien möchte ich hier nicht mehr eingehen. Alles dies findet sich ausführlicher in Edward Feser: ScholasticMetaphysics

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