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Montag, 24. August 2015

Warum existiere ich heute?

Vor einigen Jahrzehnten wurde ich geboren. Meine Existenz begann mit der Befruchtung der Eizelle. Danach hat sich der Körper entwickelt, ich wurde geboren und existiere seither mehr oder weniger selbständig. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde von Minute zu Minute dauert meine Existenz fort. Aber warum? Gibt es eine Ursache oder ein Prinzip in mir selbst, durch die ich meine Existenz erhalte? Während die Frage nach dem Anfang der Existenz in der Philosophie von je her größere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist die Frage nach der Dauerhaftigkeit der Existenz kaum beachtet worden. Um diese Dauerhaftigkeit der Existenz zu erklären, müsste es eine Ursache in einer Entität geben, durch die sie fortdauert. Gibt es eine solche Ursache?

 

Seit einiger Zeit wird diese Frage gelegentlich in philosophischen Fachzeitschriften diskutiert. Hier gibt es zwei Philosophen, die eine ähnliche Theorie vertreten, nach der die Frage nach der fortgesetzten Existenz keiner Erklärung bedarf. Mortimer Adler hat dazu ein „principle of inertia in being“ eingeführt. John Beaudoin spricht von einer „Doctrine of Existential Inertia“. Man könnte das übersetzen mit einem Prinzip oder einer Theorie der existentiellen Trägheit. Nach dieser Theorie neigen kontingente Dinge, Dinge also, die nicht notwendigerweise existieren, dazu, wenn sie einmal existieren, auch weiterhin in der Existenz zu bleiben zumindest so lange keine äußere Einwirkung sie zerstört.

Wenn diese Theorie zutreffen würde, dann müsste die Theorie erklären, wodurch die Dinge in der Existenz beharren. Es müsste ein Prinzip oder eine Ursache in der Entität selbst angegeben werden, durch das oder die eine Entität in der Existenz erhalten wird. Doch diese Theorie gibt keine solche Ursache an. Die Theorie versteht sich als ein Gesetz oder ein allgemeines Prinzip, das die Tatsache der Existenzerhaltung beschreibt aber nicht erklärt.

Edward Feser hat gezeigt, dass es ein solches Prinzip nicht gibt, dass es keine innere Ursache in den Dingen gibt, durch die diese in der Existenz beharren. Ganz im Gegenteil neigen alle materiellen Entitäten dazu, ihre Existenz zu verlieren oder aufzuhören zu existieren. Die Ursache warum diese Neigung besteht ist die Zusammengesetztheit der Dinge. Alles was zusammengesetzt ist, kann nicht dauerhaft bestehen, kann nicht einmal einen Augenblick existieren, wenn es nicht von außen in der Existenz erhalten wird.

Dies lässt sich auf folgende Weise verständlich machen. Alle materiellen Entitäten sind zusammengesetzt aus Materie und Form. Wenn eine Entität also in sich eine Ursache hat, durch die sie sich in der Existenz erhält, dann kann diese Ursache nur die Form oder die Materie sein. Die Formursache einer Entität ist aber, rein für sich betrachtet, nur eine Abstraktion und insofern nicht existierend, außer sie informiert die Materie. Bleibt also die Materie als Ursache für die Erhaltung der Existenz einer Entität. Doch die Materie als solche, rein für sich betrachtet, d.i. die Urmaterie oder die materia prima, existiert nicht. Nur als Bestandteil einer materiellen Entität hat die Materie Realität, nicht aber getrennt von der Form. Also gibt es keine Ursache in einer materiellen Entität, durch die diese sich selbst in der Existenz erhält. Da sich die Entitäten unserer Welt und wir selbst aber in der Existenz erhalten, muss es dafür eine äußere Ursache geben, eine Ursache, die in der Lage ist, Existenz zu verleihen. Und diese Entität muss so sein, dass sie selbst nicht aus Materie und Form oder aus Akt und Potenz zusammengesetzt ist. Eine Entität, die überhaupt nicht zusammengesetzt ist, sondern vollkommen einfach. Eine Entität, deren Wesenheit es ist, zu existieren, eine Entität, die reiner Akt ist, actus purus. Diese Entität ist aber Gott. Edward Feser hat gezeigt, dass alle fünf Gottesbeweise Thomas von Aquins letztlich auf das Argument für die Verursachung der Erhaltung der Existenzdurch Gott zurückzuführen sind. Das Argument Thomas von Aquins für die Erhaltung der Existenz einer Entität, z.B. meiner Existenz oder Ihrer Existenz, lässt sich folgendermaßen rekonstruieren:

1.     Eine Ursache kann nichts geben, was sie nicht selbst hat.

2.     Eine materielle Substanz ist zusammengesetzt aus der prima materia und einer substantiellen Form.

3.     Etwas hat eine existentielle Trägheit (existential inertia) genau dann, wenn es in sich selbst eine Tendenz besitzt, in der Existenz fortzudauern, wenn es existiert.

4.     Die prima materia in sich selbst und ohne die substantielle Form ist reine Potenz und hat daher in sich selbst keine Tendenz in der Existenz fortzudauern.

5.     Die substantielle Form eines materiellen Dinges ist in sich selbst und ohne die prima materia eine bloße Abstraktion und hat daher in sich selbst keine Tendenz sich in der Existenz zu erhalten.

6.     Weder die materia prima als Materialursache einer materiellen Substanz, noch die substantielle Form als Formursache können einer materiellen Substanz eine Tendenz vermitteln in der Existenz zu bestehen.

7.     Es gibt keine anderen internen Prinzipien aus denen eine materielle Substanz eine solche Tendenz ableiten kann.

8.     Keine materielle Substanz hat eine Tendenz in sich selbst in der Existenz zu beharren wenn sie existiert.

Keine materielle Entität hat eine existenzielle Trägheit. (Feser 2015, 64f.).

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