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Mittwoch, 1. März 2017

Wie der Papst Thomas von Aquin verfälscht



In seiner apostolische Exhortation Amoris Laetitia von Papst Franziskus, die unter Katholiken mehr als umstritten ist (um es einmal vorsichtig auszudrücken), verfälscht Papst Franziskus Aussagen Thomas von Aquins. Dies kann man auch als Philosoph nicht unwidersprochen hinnehmen. Zu theologischen Fragen äußere ich mich in diesem Blog im Allgemeinen nicht, es sei denn, sie betreffen direkt auch philosophische Fragen. Hinsichtlich von Amoris Laetitia könnte man von philosophischer Seite ganz allgemein sagen, dass es vom Naturrecht keine Ausnahmen gibt. Ein naturrechtliches Gebot wie die Unauflösbarkeit der Ehe (das sich bereits bei Aristoteles findet) gilt ausnahmslos und ist nicht dispensierbar. In der apostolische Exhortation des Papstes geht es allerdings um die theologische Frage, ob man Personen, die im dauernden Ehebruch lebe, die Sakramente erteilen darf oder nicht. Man kann hierzu in philosophischer Hinsicht vielleicht sagen, dass die Zulassung von Personen zu den Sakramenten, die in einer zweiten Ehe leben, obgleich die erste Ehe naturrechtlich noch weiterbesteht (sog. Geschiedene und Wiederverheiratete), voraussetzt, dass die Unauflöslichkeit der Ehe nicht ausnahmslos gilt. Doch darum geht es in meinem Beitrag nicht, sondern um die Verfälschung des hl. Thomas im Text des Papstes.



Dass es vom Naturrecht keine Ausnahme geben kann folgt aus der Tatsache, dass das Naturrecht aus der Natur des Menschen folgt. So wie die physikalischen Gesetze aus der Natur physischer Gegenstände folgen und unveränderlich sind, so folgen die moralischen Gesetze aus der Natur des Menschen und sind auch nicht änderbar und können nicht außer Kraft gesetzt werden.



Der Papst zitiert Thomas von Aquin aus der Summa theologicia in einer Weise, die den Gehalt des Textes geradezu ins Gegenteil verkehrt. Hier das Zitat des Papstes aus ST, I-II, q. 94, art. 4:



Obgleich es im Bereich des Allgemeinen eine gewisse Notwendigkeit gibt, unterläuft desto eher ein Fehler, je mehr man in den Bereich des Spezifischen absteigt. [Mithin liegt im Bereich der Schau dieselbe Wahrheit für alle vor, sowohl in den Grundsätzen wie in den Folgesätzen; freilich erkennen nicht alle die Wahrheit in den Folgesätzen, wohl aber in den Grundsätzen, die ‚allgemeine Erfassungen‘ (Boethius) genannt werden.] Im Bereich des Handelns liegt nicht für alle dieselbe praktische Wahrheit oder Richtigkeit im Spezifischen vor, sondern nur hinsichtlich des Allgemeinen; und bei denen, für die hinsichtlich des Spezifischen dieselbe Richtigkeit vorliegt, ist sie nicht allen in gleicher Weise bekannt […] Es kommt also umso häufiger zu Fehlern, je mehr man in die spezifischen Einzelheiten absteigt.“



Der in der eckigen Klammer gesetzten Satz wird von Papst weggelassen, was aber noch kein schwerwiegendes Problem darstellt, obwohl es den Zusammenhang verdeutlicht. Thomas will hier sagen, dass die Ableitung moralisch richtiger Handlungen aus allgemeinen moralischen Prinzipien nicht immer einfach ist und umso schwieriger wird, je spezifischer die konkrete Handlung ist, auf die das Prinzip angewendet wird. Als Beispiel könnte man die Frage anführen, ob ein Ehemann, wenn er den „Playboy“ liest, Ehebruch begeht. Für einen verheirateten Mann, der das moralische Gesetz der Unauflöslichkeit der Ehe kennt, ist es offensichtlich, dass er Ehebruch begeht, wenn er mit einer Karnevalsbekanntschaft ins Bett geht. Ob er aber auch Ehebruch begeht, wenn er den Playboy liest, ist nicht offensichtlich (und bei diesem Beispiel handelt es sich auch nicht um Ehebruch).



Was macht jetzt Papst Franziskus aus diesem Zitat? Franziskus zieht das Zitat heran für seine eigenen Aussage:



Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, dass man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf; doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen.



Damit ist etwas ganz anderes gesagt, als das, was Thomas sagen wollte. Der Papst behauptet hier, zumindest implizit, dass die moralischen Gesetze vor allem in Ideal darstellen, an dem man sich orientieren sollte, dass dieses Ideal aber in „Sondersituationen“ nicht immer anwendbar ist. Das ist fast das Gegenteil dessen, was Thomas sagen wollte. Bei Thomas geht es nicht um „Formulierungen“ von „Vorschriften“. Die Grundsätze des Naturrechts sind nach Thomas aus der Natur des Menschen leicht erkennbar. Thomas geht es in dem obigen Zitat um das Problem, die richtigen Schlüsse aus der Anwendung allgemeiner und unveränderlicher Prinzipien zu ziehen, wie ich dies am zuvor genannten Beispiel verdeutlicht habe. Es geht hier um die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis bei der Anwendung allgemeiner Grundsätze auf bestimmte Situationen. Daher ist eine Bildung des Gewissens erforderlich, damit diese „Anwendungen“ gelingen. Thomas führt in dem Zusammenhang selbst Beispiele an. Muss ich einem Eigentümer, der mir einen Gegenstand geliehen hat, diesen Gegenstand auch dann zurückgeben, wenn ich sicher weiß, dass der Eigentümer damit gleich anschließend etwas Böses tun will? Begehe ich einen Diebstahl, wenn ich den Gegenstand nicht, oder zumindest nicht in dieser Situation zurückgebe, in der der Eigentümer ihn zurückverlangt um damit etwas Unmoralisches zu tun? Dies ist das „Spezifische“ von dem Thomas im obigen Zitat spricht. Wenn man in solchen Fällen zu falschen Schlussfolgerungen kommt, dann beruht dies nach Thomas auf einer Beeinträchtigung des Verstandes durch Leidenschaften, schlechten Gewohnheiten oder einer pervertierten Vernunft. Thomas meint aber nicht, dass ein moralisches Naturgesetz selbst unzureichend „formuliert“ ist, zumal das Naturrecht gar keine „Formulierungen“ benötigt, da es in die „Herzen der Menschen“ eingeschrieben ist. Der Fehler liegt hier beim Handelnden und nicht beim Moralgesetz.



Die Art und Weise mit Texten Thomas von Aquins umzugehen, die eigentlich eines Papstes unwürdig sein sollte, ist schon seit langem im kirchlichen Bereich und auch außerhalb desselben verbreitet. Er findet sich vor allem bei einer „thomistischen“ Richtung, die oft als „Transzendentalthomismus“ bezeichnet wird und bis in die 1930er Jahre zurückreicht. Bekanntester Vertreter dieser Schule ist Joseph Maréchal, der mit anderen Transzendentalthomisten die Philosophie Immanuel Kants mit Thomas von Aquin versöhnen wollte, wohl auch, um in der Philosophie der Gegenwart besser anzukommen. Das Ergebnis war eine völlig neue Philosophie, die mit Thomas kaum noch etwas gemein hatte, allerdings sich stets auf Thomas berief und zwar in einer Thomas von Aquin massiv verfälschenden Art und Weise. Maréchal war übrigens wie der Papst Jesuit. Innerkirchlich wurde diese Philosophie insbesondere durch einen dritten Jesuiten wirkungsmächtig: Karl Rahner, der wie kaum ein anderer für die Neuerungen innerhalb der Kirche der letzten 50 Jahre verantwortlich ist.



Probleme wie der Umgang des Papstes mit Texten nicht nur Thomas von Aquins und massiven Änderungen und Brüchen in der kirchlichen Lehre, wie sie in Amoris Laetitia ihren bisher schlimmsten Ausdruck gefunden haben, beruhen letztlich darauf, dass man die scholastische Philosophie aus der Kirche und aus den kirchlichen Lehranstalten verbannt hat. An deren Stelle sind heute oftmals die empirischen Wissenschaften, wie Soziologie, Psychologie, Linguistik und Methoden wie die Hermeneutik getreten, die nicht annähernd das ersetzen können, was durch die scholastische Philosophie verloren gegangen ist. 

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