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Montag, 6. November 2017

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Ein Gastbeitrag von Edward Feser

Der folgende Blogpost wurde übernommen vom Blog edwardfeser.blogspot.com, dem Blog des Philosophen und wohl bekanntesten amerikanischen analytischen Thomisten Edward Feser, Professor für Philosophie am Pasadena City College in Kalifornien. Der Beitrag ist eine hervorragende kritische Auseinandersetzung – oder sollte ich sagen, Abrechnung? – mit den Idealen der Französischen Revolution aus naturrechtlicher Sicht. Scholastiker hat diesen Blogbeitrag übersetzt um ihn den deutschen Lesern leichter zugänglich zu machen.


„Oben abgebildet sind die Ideale der Französischen Revolution und der modernen Welt im Allgemeinen - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Man beachte sorgfältig, wie sie ihre Hauptattribute zeigen. Die Freiheit gibt sich frei ihren Wünschen hin. Gleichheit teilt, was sie hat. Brüderlichkeit sieht mit brüderlicher Sorge zu. Und sie sind alle Idioten.



„Sicher sind Sie doch nicht gegen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit?!“ fragen Sie. Nun, nein, nicht unbedingt – je nachdem, was Sie unter diesen Begriffen verstehen. Das Problem ist, daß, obwohl einige der Ideen, die häufig unter diesen Bezeichnungen laufen, gut sind, andere dagegen sehr schlecht sind. Aber das Gute und das Böse mischen sich häufig, so daß angenommen wird, daß man, wenn man Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit in einem bestimmten Sinn akzeptiert, sie auch in den anderen Sinnen annehmen muß.

Wie entwirre ich das Chaos? Und was genau ist der gute und der schlechte Sinn, auf die ich mich beziehe? Der beste Ausgangspunkt ist, zu verstehen, wie der größte der klassischen, mittelalterlichen Denker das soziale Leben verstand. Das ist die naturrechtliche Weltanschauung, die natürlich die richtige Weltanschauung ist (so würde ich sagen, der ich selbst ein traditioneller Theoretiker des Naturrechts bin). Die Position des Naturrechts ist schwerer durch Etiketten zu transportieren, die rhetorisch so mächtig sind wie „Liberté, égalité, fraternité!“ Doch was diese Begriffe rhetorisch effektiv macht – sie sind einfach und mehrdeutig –, ist genau die Quelle ihrer philosophischen Unzulänglichkeit.

Wenn Sie drei Wörter oder Phrasen haben möchten, die die Position des Naturrechts zusammenfassen, wären es, wie ich annehme, Subsidiarität, Solidarität sowie Familie und Patriotismus. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie gewöhnlich verstanden werden, sind Verzerrungen dieser drei. Es gibt auch andere und entgegengesetzte Verzerrungen. Zum Beispiel sind Tribalismus  und Nationalismus andere, sehr unterschiedliche Verzerrungen von Familie und Patriotismus. Der beste Weg, um die Verzerrungen zu verstehen, ist zu verstehen, wofür sie Verzerrungen sind. Also laßt uns durch sie hindurchgehen. Es ist am besten, in der umgekehrten Reihenfolge vorzugehen.

Familie und Patriotismus
Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Lebewesen. Ein neuer Mensch ist für viele Jahre abhängig von seinen Eltern und Geschwistern, sowohl hinsichtlich seines materiellen Wohlbefindens als auch hinsichtlich seines grundlegenden Verständnisses dafür, wie die Welt ist und wie man sich darin verhält. Wenn er ein Erwachsener wird, neigt er dazu, sich mit einem anderen Menschen zu verbinden, was zu eigenen Nachkommen führt, für die er materiell und spirituell sorgen muß. Wenn er alt ist, wird er wieder abhängig, diesmal von diesen Nachkommen. Jeder Mensch, egal wie unabhängig er in anderer Hinsicht auch sein mag, ist in gewissem Umfang und für einen beträchtlichen Teil seines Lebens auf eine oder mehrere dieser Arten von anderen Familienmitgliedern abhängig und/oder für sie verantwortlich.

Die Familie ist somit der grundlegende Kontext, in dem wir unsere soziale Natur manifestieren. Wir bilden natürlich auch Freundschaften, aber diese sind wie Erweiterungen von Familienbeziehungen. Daher sagen wir, daß ein enger Freund wie ein Bruder ist, daß ein vertrauter Mentor wie ein Vater ist, daß ein Mentee wie ein Sohn zu einem ist und so weiter. Selbst weniger enge Freundschaften sind insofern analog zu familiären Beziehungen, als sie sich nur dort bilden, wo wir zumindest eine geringe Intimität mit einem anderen und zumindest ein gewisses Maß an Zuneigung haben. Daher wird ein freundlicher Arbeitsplatz oft mit dem Attribut „wie eine Familie“ beschrieben. Es sind Familienbeziehungen, die dazu neigen, das Modell für die meisten anderen Beziehungen zu bilden, die für uns wichtig sind, auch wenn die Analogie manchmal sehr locker ist.
Es gibt natürlich auch einige Beziehungen, die zu abgelegen und unpersönlich sind, um sich auf familiäre Beziehungen auszurichten. Zum Beispiel wird der Fremde auf der Straße, dem Sie den Weg erklären, der Verkäufer, von dem Sie regelmäßig Ihre Zeitung kaufen, der Briefträger usw. nicht als „Bruder“ in der Art und Weise betrachtet, wie man es bei einem Freund oder sogar einem Mitarbeiter tun könnte. Aber diese Art von Beziehungen ist nicht der grundlegende Weg, auf dem wir unsere soziale Natur manifestieren. Sie entstehen erst, nachdem wir in einer bestimmten familiären Situation sozialisiert wurden. Darüber hinaus werden auch diese Beziehungen indirekt durch Familienbeziehungen definiert. Wir betrachten die fraglichen Menschen als Fremde, insofern sie weder Familienmitglieder noch eine Art von Ehrenfamilienmitgliedern sind, wie man Freunde betrachten kann.

Kernfamilien führen natürlicherweise zu Großfamilien, und historisch haben diese wiederum zu Stämmen und Nationen geführt. Die Treue, die wir naturgemäß für unsere Familien empfinden, wird auf diese größeren sozialen Formationen ausgeweitet, die aus der Familie hervorgegangen sind. Patriotismus ist im wesentlichen Familienloyalität, groß geschrieben. Und der Anstoß, den die Leute an Einstellungen oder Handlungen nehmen, die als unpatriotisch wahrgenommen werden, ist als analog zu dem Anstoß zu verstehen, den wir nehmen, wenn ein Familienmitglied Untreue gegenüber der Familie zeigt oder ihm Ungnade bringt. Patriotismus ist also natürlich und gut, genau wie Familienloyalität natürlich und gut ist. Er ist für die Gesundheit einer Nation ebenso notwendig wie die Familienloyalität für die Gesundheit einer Familie, und somit ist die Abwesenheit davon in irgendeiner Weise dysfunktional, wie eine Familie dysfunktional ist, wenn ihre Mitglieder keine Zuneigung oder Loyalität empfinden.

Beachten Sie, daß es im Patriotismus überhaupt nichts gibt, was für andere Nationen Feindseligkeit oder Verachtung bedeutet, genausowenig wie die besondere Liebe, die man für die eigene Familie hat, Feindseligkeit oder Verachtung für andere Familien bedeutet. Der Patriotismus bedeutet auch keinen bloßen Mangel an Sorge für andere Nationen. Im Gegenteil, da die menschliche Rasse im wesentlichen eine sehr ausgedehnte Großfamilie ist, sind die Menschen natürlich verpflichtet, ein gewisses Maß an Mitgefühl und Sorge für alle anderen Menschen zu zeigen. Freilich wird dies niemals so stark sein wie die besondere Besorgnis, die man für die eigene Nation empfindet, genauso wie die Zugehörigkeit zur und die Sorge um die eigene Nation niemals so stark sein wird, wie die Sorge und Loyalität, die man für die eigene unmittelbare Familie hat.

Der Mensch bezieht sich also natürlicherweise auf andere in einer Art und Weise, die man durch konzentrische Kreise sinnvoll darstellen kann. Unsere unmittelbaren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten betreffen Mitglieder unserer eigenen Kernfamilien und enge Freunde. Im nächsten konzentrischen Kreis würden wir Mitglieder unserer erweiterten Familie ansetzen, gegen die wir auch einen gewissen Grad an Treue und Verantwortung haben, wo aber die Anforderung nicht so hoch ist wie bei unserer eigenen unmittelbaren Familie. Im nächsten Kreis sind unsere Landsleute, denen wir Treue schuldig sind und für die wir Verantwortung tragen, aber nicht in dem Ausmaß wie die Treue und Verantwortung, die wir unseren Großfamilien schulden, ganz zu schweigen von unseren unmittelbaren Familien. Im äußersten Kreis befinden sich diejenigen der anderen Nationen und der menschlichen Rasse im allgemeinen, denen wir auch echte Treue schulden und für die wir wirkliche Verantwortung tragen, aber nicht in dem Ausmaß wie das, was wir unseren eigenen Nationen schulden, geschweige denn unseren erweiterten und unmittelbaren Familien.

Es ist also tugendhaft, eine besondere Loyalität gegenüber der eigenen Familie zu haben und ein Patriot zu sein, und wenn diese Denk- und Handlungsweisen fehlen, ist es dementsprechend bösartig. Aber wie bei anderen Tugenden gibt es hier zwei entsprechende Laster, eines von Übermaß und ein Laster des Mangels. Das Laster des Übermaßes manifestiert sich in Tribalismus und Nationalismus. Denken wir zum Beispiel an den Mafioso, dessen Treue zu seinem Clan so übertrieben ist, daß er Verbrechen und andere Unmoral für gerechtfertigt hält, wenn sie im Interesse seiner Familie getan werden. Oder denken Sie an die Person, die sich so sehr mit der ethnischen Gruppe identifiziert, zu der sie gehört, daß sie gegenüber jenen außerhalb dieser Gruppe feindselig und paranoid ist. Oder denken Sie an den Nationalisten, der glaubt, daß sein Land oder seine Rasse anderen Ländern und Rassen seinen/ihren Willen aufzwingen und sie zu ihrem eigenen Vorteil ausbeuten solle.

Das Laster des Mangels ist der Ort, an dem jetzt die Brüderlichkeit hereinkommt. So wie man übermäßig an die eigene Familie oder Nation gebunden sein kann, kann man auch nicht ausreichend mit ihr verbunden sein. Dieses Laster zeigen diejenigen, die es für das Beste halten, sich als „Weltbürger“ oder als Mitglied der „globalen Gesellschaft“ zu betrachten, anstatt eine besondere Bindung an das eigene Land zu haben. Es ist die Idee einer „Welt ohne Grenzen“ und einer „Bruderschaft des Menschen“ – daher wird Brüderlichkeit als ein Ideal universeller Bruderschaft ausgelegt, um Familientreue, Patriotismus und andere lokale Bindungen zu ersetzen.

Freilich gibt es einen Sinn, in dem alle Menschen Brüder sind; wie ich oben sagte, sind wir alle Mitglieder der menschlichen Rasse und somit in diesem Sinne alle Mitglieder derselben maximal erweiterten Familie. Problematisch wird es, wenn bei der Idee der Brüderlichkeit fälschlicherweise angenommen wird, daß nationale Treue oder Treue zu einer Gruppe etwas Suspektes sei, wenn man meint, daß sie impliziere, daß die Landsleute in keinem stärkeren Sinn Brüder sind als jeder andere Mensch.

Die familiären Beziehungen sind so eng und tief, daß es für dieses Laster schwierig ist, Familienloyalitäten zu zerfressen, wie es oft auch den Patriotismus zerfrißt. Aber auch hier hat das Laster einen Einfluß. Denken Sie an die Art und Weise, wie Filme und andere Artefakte der Popkultur die biologische Kernfamilie als unausweichlich dysfunktional darstellen und stattdessen neuartige „familiäre“ Arrangements des eigenen Designs empfehlen – „Wahlfamilien“ oder „gegründete Familien“ (found families), wie sie manchmal genannt werden.

Die entgegengesetzten extremen Laster, die ich beschrieben habe, neigen dazu, sich gegenseitig auszustechen. Tribalismus und Nationalismus entstehen daher manchmal als Überreaktion auf den blutleeren Kosmopolitismus mit seiner Idee der „globalen Gesellschaft“ und seiner Neigung, in einen entfremdenden Individualismus zu verfallen. Inzwischen verkauft sich das Ideal der „globalen Gesellschaft“ als die einzige Alternative zu Nationalismus und Tribalismus, und seine Befürworter tendieren dazu, diese Laster in jedem Ausdruck des Patriotismus zu sehen.

Solidarität
Das naturrechtliche Verständnis der Gesellschaft ist ein organisches, weil es die Mitglieder jeder Gesellschaft dazu bringt, in einer Beziehung zueinander zu stehen, die mit der Art und Weise vergleichbar ist, in der die Organe eines Lebewesens miteinander verbunden sind. So wie jedes Organ eine bestimmte und essentielle Rolle bei der Verwirklichung des Wohls des ganzen Organismus spielt, so dient auch jedes Mitglied einer Gesellschaft einer bestimmten und essentiellen Rolle bei der Verwirklichung des Wohls dieser Gesellschaft. Und so wie ein Organismus darauf achtet, jeden seiner Teile zu ernähren und zu beschützen, sollte auch die Gesellschaft so organisiert werden, daß jedes ihrer Mitglieder gedeihen kann (vorbehaltlich der Qualifikationen, die das Subsidiaritätsprinzip mit sich bringt, auf das im folgenden eingegangen wird). Die Körperteile solidarisieren sich miteinander, und so muß auch jeder Teil der Gesellschaft sein.

Papst Pius XI. gab in seiner Enzyklika CastiConnubii diesem organischen Modell, das auf die Familie angewandt wurde, seinen klassischen Ausdruck. Er spricht von „diesem Körper, der die Familie ist“, in dem „der Mann das Haupt ist“ und „die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sonderrecht in Anspruch nehmen.“ Natürlich ist dies heutzutage politisch inkorrekt, aber wer darin ein Rezept für patriarchale Tyrannei sieht, achtet nicht auf die Kraft der Analogie (ganz zu schweigen von dem „Vorrang der Liebe“, den Pius den Müttern zuteilt). In einem buchstäblichen Körper fungiert der Kopf zum Wohle des Herzens und der anderen Teile, genau wie die anderen Teile für ihn funktionieren. Oder vielmehr, sie alle arbeiten um des Ganzen willen, und das Ganze sieht nach jedem Teil. Und so wird die Familie verstanden.
Die politische Autorität, nach Auffassung des Naturrechts, war ursprünglich eine Erweiterung der väterlichen Autorität, mit den frühesten Herrschern, die Patriarchen oder Väter von Stämmen und Nationen waren, analog zu den Vätern, die die Kernfamilien regierten. Als die Nationen größer und die Beziehungen zwischen den Bürgern weniger persönlich wurden, wurden die Oberhäupter der Länder „väterlich“ auf die lockerste Art und Weise, und die Zustimmung und der Beitrag der Regierten spielten eine immer wichtigere Rolle in der Regierungsführung. Dies ist in Anbetracht der Subsidiarität (wiederum nachstehend noch zu erläutern) vollkommen angemessen. Aber der im wesentlichen organische Charakter der Gesellschaft und die Notwendigkeit, daß jeder Teil mit den anderen solidarisch sei, änderten sich nicht.

Solidarität ist unvereinbar mit dem Begriff des Klassenkampfes. In einem Organismus bedeutet die Tatsache, daß Kopf, Herz, Arme, Beine, Augen, Ohren usw. sehr unterschiedliche Rollen und Bedürfnisse haben, nicht, daß sie miteinander konkurrieren oder im Widerspruch zueinander stehen. Im Gegenteil, sie brauchen und ergänzen sich gegenseitig. Ebenso sind Kapitalisten und Manager auf der einen Seite und Arbeiter auf der anderen Seite politische Autoritäten, und diejenigen, die sie regieren, Männer und Frauen, Menschen verschiedener ethnischer Gruppen und so weiter, nicht in der Natur gegensätzlich und in den Zwecken überkreuz, sondern ergänzen sich und bringen unterschiedliche Stärken auf den Tisch. Die Gesundheit der Gesellschaft erfordert nicht den Sieg einer Klasse oder einer Gruppe über eine andere oder die völlige Beseitigung von Klassen- und Gruppenunterschieden, sondern die nüchterne Anerkennung ihrer Unterschiede und des gegenseitigen Respekts und der Zusammenarbeit zwischen ihnen.
Solidarität ist auch unvereinbar mit dem Begriff des Rassenkampfes, der im wesentlichen eine Widerspiegelung des Nationalismus, der Perversion des Patriotismus ist. Zum einen schulden wir jedem Solidarität, obwohl diejenige, die wir der menschlichen Rasse im allgemeinen schulden, nicht so stark ist wie die Solidarität, die wir unserer eigenen Familie oder unserem eigenen Land schulden. Jeder Mensch ist ein Bruder in einem erweiterten Sinn, und daher ist es falsch, irgendeine andere rassische oder ethnische Gruppe mit Feindseligkeit oder Verachtung zu betrachten. Zum anderen sind sehr große Nationen nicht nur durch das Blut, sondern durch die Bindungen der gemeinsamen Geschichte, Sprache, Kultur und so weiter verbunden. Selbst wenn es keine Blutsverwandten gibt, gibt es etwas Analoges zu Adoptivfamilien zwischen Bürgern. Den Landsleuten jeder Rasse oder Ethnie ist also die gleiche Treue geschuldet.

Dieser organische Begriff der Gesellschaft hat nun zwei Schlüsselkomponenten: den Begriff der Gesellschaft als eines Ganzen, der dem Körper eines Organismus entspricht; und den Begriff der Mitglieder der Gesellschaft als zu unterscheidender Teile dieses Ganzen, die analog den verschiedenen Teilen des Körpers (Augen, Ohren, Herz, Beine etc.) entsprechen. Verzerrungen des Solidaritätsideals neigen dazu, die eine oder andere dieser Schlüsselkomponenten zu verzerren.

Der Totalitarismus in seinen verschiedenen Formen (wie der klassenorientierte Totalitarismus des Kommunismus oder der rassenzentrierte Totalitarismus des Nationalsozialismus) legt so großen Wert auf das Ganze, in dem die Mitglieder der Gesellschaft Teile sind, daß die Teile im wesentlichen verschwinden. Die Mitglieder werden nicht mehr als einzigartig angesehen, jedes mit eigene Bedürfnissen und eigener Würde, die der ganze Körper respektieren muß (wie seine Augen, Arme, sein Herz, seine Lunge usw. von einem Organismus geschätzt und gepflegt werden). Vielmehr werden die Mitglieder als flüchtig, auswechselbar und leicht austauschbar angesehen, wie bloße Zellen, oder sogar als ganz entbehrlich, wie Abfallprodukte des Haareschneidens und der Fingernägel. Die Disanalogien zwischen einzelnen Menschen und Teilen des Körpers – und kein Theoretiker des Naturrechts würde bestreiten, daß es Disanalogien gibt, da die Analogie nicht exakt ist – werden ignoriert. Zum Teil als Abhilfe gegen diese gefährliche Fehlanwendung der organischen Analogie, haben die Theoretiker des Naturrechts Wert darauf gelegt, den Grundsatz der Solidarität mit dem Subsidiaritätsprinzip in Einklang zu bringen.

Es gibt einen anderen Weg, wie Solidarität verzerrt werden kann – was uns zur Gleichheit bringt. Es gibt einen klaren Sinn, in dem die Körperteile und auch die Mitglieder der Gesellschaft von gleicher Bedeutung sind. Wie Paulus schreibt:

Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, daß Er dem benachteiligten Glied umso mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit (1 Korinther 12, 21–26).

Aber die gleiche Bedeutung für alle bedeutet nicht, daß alle gleichgestellt werden. Denn alle sind nicht in jeder bedeutenden Hinsicht gleich, und es dient dem Guten des Ganzen, daß sie es nicht sind. Die Augen und die Beine sind nicht gleich gut zum Sehen oder gleich gut zum Gehen. Jeder hat seinen „Job“, und jeder muß seine Arbeit tun, wenn der ganze Organismus gedeihen soll. Ein Organismus, der sich weder um seine Augen noch um seine Beine kümmert, wird dysfunktional sein. Aber ein Organismus, der glaubt, daß er die Augen zum Gehen zwingen müsse und daß er versuchen müsse, die Beine zum Sehen zu zwingen, wird ebenfalls dysfunktional sein.

Der moderne Egalitarismus macht im Grunde diesen Fehler. Im Namen der gleichen Bedeutung für alle widersteht er der Vorstellung oder lehnt sie sogar ab, daß verschiedene Mitglieder der Gesellschaft unterschiedliche Rollen, Neigungen und Bedürfnisse haben. Daher die Feindseligkeit des Sozialismus gegen die Existenz verschiedener Klassen. Daher die Feindseligkeit des Feminismus gegenüber den traditionellen Geschlechterrollen in der Familie und der Vorstellung, daß Männer und Frauen auf natürliche Weise dazu tendieren, sich in psychologischen Merkmalen zu unterscheiden, nicht weniger als sie es physiologisch tun. Daraus ergibt sich das dogmatische Beharren der Liberalen darauf, anhaltende Unterschiede in ökonomischen und anderen Ergebnissen als Folge von ungerechter Diskriminierung und unzureichendem Social Engineering zu sehen. Daher rührt die Rawlsche Haltung, die verschiedenen natürliche Anlagen der Individuen als „aus moralischer Sicht willkürlich“ zu betrachten, so daß die Umverteilung der Früchte dieser unterschiedlichen Vermögen erforderlich ist. Daher die konstante, schamlose Verwischung der Unterscheidung zwischen der Hilfe für die Armen (die die Solidarität auf jeden Fall erfordert) und der Gleichmacherei der wirtschaftlichen Ergebnisse (was die Solidarität definitiv nicht erfordert). Daher Marxens lächerliche Phantasie in Die deutsche Ideologie:

[…] während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden.“

Richtig verstanden, bedeutet Solidarität nicht nur keinen radikalen Egalitarismus, sondern sie schließt ihn positiv aus. Denn der Egalitarismus, nicht weniger als ein radikaler Individualismus, steht dem organischen Wesen der Gesellschaft entgegen. Der radikale Individualist leugnet, daß wir in irgendeiner Weise Teile eines größeren sozialen Körpers sind. Der radikale Egalitarist bestreitet dies nicht unbedingt, leugnet aber, daß wir unterschiedliche Teile sind. Er will uns alle zu Augen oder alle zu Beinen oder alle zu Herzen machen.

Aus diesem Grund waren Päpste wie Leo XIII. und Pius XI. äußerst hart gegen Sozialismus und Gleichmacherei, auch wenn sie die kapitalistische Gesellschaft aufforderten, sich selbst zu reformieren, um die Bedingungen für Arbeiter und Arme zu verbessern. Dies war keine Inkonsistenz ihrerseits, sondern im Gegenteil vollkommene Konsistenz, wenn man die organische naturrechtliche Konzeption der Gesellschaft bedenkt, mit der sie arbeiteten. Die Lehre der Päpste, wie die Lehre des Naturrechts, ist sowohl, daß der Mensch ein soziales Lebewesen ist, als auch, daß er kein sozialistisches Lebewesen ist.

Subsidiarität
Ein Organismus kann nicht vollständig gedeihen, wenn er gestört wird – wenn Sie ihn einschränken, ihn in Fesseln legen, ihn ständig stoßen und stupsen, oder sich selbst einfach zu einer Plage machen, wie es eine Bremse tut. Er braucht Raum zum Atmen, Handlungsfreiheit und die Möglichkeit, seine besonderen Talente und sein Wissen zu nutzen.

Soziale Organismen sind auch so. Eine Familie sorgt sich um ihre Mitglieder stärker, als Außenseiter dazu fähig sind, und sie hat ein Wissen von ihren Bedürfnissen, das größer und intimer ist als das von Außenstehenden. Die Familie sollte daher so weit wie möglich für ihre eigenen Angelegenheiten sorgen, wobei externe Stellen nur dann Hilfe leisten oder sich einmischen, wenn die Familie nicht mehr richtig funktioniert. Sogar dann, wenn ein solches Eingreifen notwendig ist, sollte es so weit wie möglich von der Familie selbst geleistet werden, von denen, die der Familie am nächsten stehen – zuerst von der Großfamilie, dann der örtlichen öffentlichen Gewalt, wenn es absolut notwendig ist, und so weiter durch die oben erwähnten konzentrischen Kreise.

Was für die Familie gilt, gilt auch von anderen sozialen Organisationen. Die Annahme ist, daß sie von übergeordneten sozialen Organisationen allein gelassen werden sollten, und diese Annahme kann nur dann außer Kraft gesetzt werden, wenn eine Intervention notwendig ist, um die ordnungsgemäße Funktion der untergeordneten Organisationen wiederherzustellen, und nur in dem Ausmaß und für die Zeit, wo dies notwendig ist. Dies ist das naturrechtliche Prinzip der Subsidiarität, das Papst Pius XI. in Quadragesimo Anno klassifiziert hat:

„Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.“

Wie die im Solidaritätsprinzip verankerte organische Gesellschaftskonzeption, widerspricht das Subsidiaritätsprinzip dem Sozialismus und jedem anderen politischen Programm, das sich im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ das aneignet, was private Unternehmen, lokale Gemeinschaften oder Kirchen leisten können – ganz allgemein das, was Edmund Burke die „kleinen Züge“ der Gesellschaft nannte.

Es ist wichtig zu betonen, daß dies ein moralisches Prinzip ist und nicht nur ein pragmatisches. Die Behauptung ist nicht nur, daß eine Zentralregierung entscheiden kann, sich nicht in die Angelegenheiten kleinerer Institutionen einzumischen, wenn sie dies für effizienter hält. Es bedeutet vielmehr, daß sie sich nicht einmischen darf, es sei denn es ist absolut notwendig, dies zu tun. Nehmen wir daher an, daß es möglich ist, eine angemessene Gesundheitsversorgung für alle in einem privaten System bereitzustellen, das durch staatliche Hilfsprogramme für Bedürftige ergänzt wird, die keine adäquate Versorgung auf dem freien Markt erhalten können. (Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist nicht das Thema, das ich hier behandle – es ist nur eine Illustration). Dann sind wir in diesem Fall nicht nur in einer Situation, in der es für den Staat unnötig ist, das medizinische System zu sozialisieren. Nach dem Subsidiaritätsprinzip befinden wir uns in einer Situation, in der der Staat dies moralisch nicht tun darf – beim Schmerz dessen, was Pius XI. „Ungerechtigkeit“, „überaus nachteilig“ und „Verwirrung der ganzen Gesellschaftsordnung“ nennt.

Daher kann der Sozialismus nicht im Namen der sozialen Gerechtigkeit gerechtfertigt werden, weil soziale Gerechtigkeit, die richtig verstanden wird, eine Sache der Solidarität und nicht des Egalitarismus ist, und weil Solidarität mit Subsidiarität Hand in Hand geht. Beide Prinzipien sind für das ordnungsgemäße Funktionieren der sozialen Institutionen gleichermaßen wichtig. So lehrte Pius XI. in derselben Enzyklika, daß „niemand zugleich ein guter Katholik und ein wahrer Sozialist sein kann“.

Wie Pius’ Charakterisierung der Subsidiarität zeigt, gilt der Grundsatz auch auf der Ebene des Individuums. Wiederum schreibt er: „wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf…“ Der Grund, warum dies falsch ist, ist jedoch derselbe wie der Grund, warum es falsch ist, ohne Notwendigkeit sich in die Familie und andere „kleine Züge“ einzumischen. Jede dieser kleineren Institutionen in der Gesellschaft hat eine besondere Funktion – so wie im Körper eines Organismus die Augen das Sehen übernehmen, die Beine das Gehen usw. – und sie brauchen die Freiheit, das auch weiterhin zu tun. Doch auch das Individuum braucht diese Freiheit. Es braucht insbesondere die Freiheit, das Gute im Sinne des Naturrechts zu verfolgen. Und während die vielen Unterschiede zwischen individuellen Begabungen, Interessen und Umständen ein hohes Maß an Freiheit für den Einzelnen mit sich bringen, um herauszufinden, was für ihn persönlich am besten ist, bringt das Naturrecht bestimmte absolute moralische Grenzen mit sich, innerhalb derer diese Freiheit ausgeübt werden kann.

Kurz gesagt, die Freiheit von Individuen und von Familien und anderen sozialen Formationen hat eine teleologische Grundlage. Es geht grundsätzlich um die Freiheit, das zu tun, was notwendig oder angemessen für uns ist, um die Ziele zu verwirklichen, zu denen wir von der Natur aus geleitet werden. Das bringt uns endlich zur Freiheit. Verstanden als die Freiheit von Individuen, Familien, Kirchen und anderen „kleinen Zügen“, um die Ziele zu verfolgen, auf die das Naturrecht sie verweist, ist die Freiheit im wesentlichen das gleiche wie Subsidiarität, und unter den gegenwärtigen Umständen ist dies die am meisten vernachlässigte und dringlichste Forderung an die soziale Ordnung, die der Naturrechtstheoretiker betont.

Aber so verstehen die meisten Menschen die Freiheit heute nicht. Liberale, Sozialisten, Libertäre und sogar viele selbsterklärte Konservative sehen in der „Freiheit“ im wesentlichen die Freiheit von Zwängen, alles das zu tun, was man tun will, und nicht die Freiheit, objektiv Gutes zu verfolgen. Sie sind sich uneinig darüber, was genau der Respekt vor der Freiheit bedeutet, aber sie neigen alle dazu, sich von etwas wie einer objektiven naturrechtlichen teleologischen Grundlage zu trennen. Richter Anthony Kennedy faßte diese Auffassung in einer berühmten Zeile aus der Entscheidung von Planned Parenthood v. Casey zusammen: „Im Kern ist die Freiheit das Recht, das eigene Konzept von Existenz, Sinn, Universum und das Geheimnis des menschlichen Lebens selbst zu definieren.“

„Freiheit“ in diesem Sinne verstanden, ist die größte Bedrohung für die soziale Ordnung, wie sie die Naturrechtstheorie versteht. Das ist nirgendwo offensichtlicher als im Falle der „Freiheit“, die durch die sexuelle Revolution eingeleitet wurde, und angesichts des enormen Schadens, den sie der Institution der Familie, also der sozialen Basisinstitution, zugefügt hat.

In dem, was die Naturrechtstheorie als rechtmäßig geordnete Gesellschaft ansieht, heiraten die meisten Menschen und die Ehe führt typischerweise zu Kindern, und zwar zu vielen Kindern. Dies wiederum schafft ein großes soziales Netzwerk von Menschen, die einem persönlich bekannt sind – viele Brüder und Schwestern, Cousins, Tanten und Onkel und so weiter –, auf die der Einzelne in Zeiten der Not zurückgreifen kann. Scheidung ist stigmatisiert, so daß Kinder in der Regel ein stabiles Zuhause und Disziplin haben, und sie und ihre Mütter haben in der Regel einen zuverlässigen Fürsorger. Ältere Familienmitglieder werden von der neuen Generation betreut, so wie sie sich um diese Generation kümmerten, als sie noch in den Kinderschuhen steckte. Ältere Mitglieder finden zugleich einen verläßlichen Lebenszweck darin, ihre Enkelkinder großzuziehen. Im allgemeinen hat das Wohl der Familie Vorrang vor den Wünschen des einzelnen Mitglieds. Und diese Unterordnung des Eigennutzes unter das Gemeinwohl der Familie macht die Menschen nüchterner und realistischer in ihren Erwartungen, weniger selbstsüchtig und versetzt sie besser in die Lage, eine tiefe und dauerhafte Zufriedenheit zu erreichen, auch wenn dies nicht so erregend ist wie eine zweite oder dritte Ehe.

Vergleichen Sie das mit der zeitgenössischen Mentalität, in der Sexualität und Romantik in erster Linie als eine Frage der Selbstverwirklichung betrachtet werden, statt daß das Selbstopfer zum Wohle der Kinder und der Familie als ein natürliches Ziel gesehen würde. Während die traditionellen, naturrechtlich anerkannten Regelungen die kurzfristigen Interessen des Einzelnen der langfristigen Gesundheit der Familie unterordnen, ordnet die moderne Mentalität die langfristige Gesundheit der Familie den kurzfristigen Interessen des Einzelnen unter. Natürlich wird so die Solidarität geschwächt.

Wie das? Zuerst und am dramatischsten wird eine ungeheure Zahl von unbequemen Nachkommen, die sich aus sexuellen Beziehungen ergeben, jetzt nicht nur nicht gepflegt, sondern abgetrieben – das heißt, um es klar zu sagen, sie werden von ihren eigenen Eltern ermordet. Die Solidarität könnte nicht schwächer werden als so.

Aber das ist erst der Anfang. Die Kinder, die die Menschen haben, befinden sich typischerweise in sehr kleinen Familien, mit höchstens einem oder zwei anderen Geschwistern. Scheidung, Wiederverheiratung und das anschließende Herumschieben der Nachkommenschaft sowie die geographische Trennung schwächen oft auch die Beziehungen zwischen Geschwistern (oder Halbgeschwistern). Weitverbreitete Unzucht und Scheidung lassen viele Frauen ohne Fürsorgenden und ihre Kinder ohne männliches Vorbild. Mit nur einem oder zwei Kindern, die sich um sie kümmern, werden ältere Familienmitglieder als größere Belastung angesehen. All dies führt zu größerer Armut und damit zu größerer Abhängigkeit vom Staat sowie zu den antisozialen Verhaltensweisen (Bandentätigkeit, Kriminalität und dergleichen), die junge Männer ohne väterliche Disziplin anfälliger machen, zu fallen. Männer, da sie leicht kurzfristige sexuelle Befriedigung außerhalb der Ehe finden können, werden rüpelhaft, selbstsüchtiger und anfälliger, Frauen auszunutzen und zu verlassen. Eine weit verbreitete Nutzung von Pornographie macht sie weniger fähig, mit einer echten Frau zufrieden zu sein, wenn sie heiraten, was zu ehelicher Zwietracht und höheren Scheidungsraten beiträgt. Sehr viele Frauen, die beiseitegeschoben werden, wenn „seriell monogame Männer“ beschließen, jemand anderen zu heiraten, sind nicht in der Lage, überhaupt Ehemänner zu finden, und nach dem mittleren Alter stehen ihnen Jahrzehnte der Einsamkeit und der Kinderlosigkeit bevor. Ältere Familienmitglieder werden in Pflegeheime und Kinder in Kindertagesstätten geschickt, um von bezahlten Angestellten und nicht von anderen Familienmitgliedern betreut zu werden.
Es gibt also weniger Kernfamilien, die existierenden sind viel kleiner und weniger stabil, die Betreuung von Kindern und älteren Menschen ist oft weitgehend unpersönlich und wird von der Familie selbst getrennt, und die Großfamilie ist als Teil des Alltagslebens weitgehend verschwunden. Die Menschen sind egozentrischer, weniger bereit, etwas für das Gute selbst ihres eigenen Fleisches und Blutes zu opfern. Sie sind auch einsamer und brauchen mehr staatliche Unterstützung und fordern diese. Kurz gesagt, die moderne „Freiheit“ untergräbt die Solidarität, die eine Abhängigkeit vom Staat fördert und die Subsidiarität oder die Freiheit im eigentlichen Sinne untergräbt.

Sie zerstört auch die Treue zu größeren sozialen Ordnungen. Wenn selbst die Familie aus persönlicher Laune zerbrochen und neu erfunden oder sogar ganz aufgegeben wird, anstatt etwas zu opfern, so ist es kaum verwunderlich, wenn man sieht, daß das eigene Land keinen besonderen Anspruch auf Loyalität hat.


Wahre soziale Gerechtigkeit
Hierin besteht eine Ironie von Orwellschem Ausmaß. Die Verbreitung des Begriffs „soziale Gerechtigkeit“ entstand in der thomistischen Naturrechtstheorie. Sie wird oft dem großen jesuitischen Gesetzestheoretiker Luigi Taparelli zugeschrieben. Sie hat mit der gerechten oder richtigen Ordnung der Gesellschaft zu tun, die bestimmt wird durch starke Familien und die Zusammenarbeit zwischen Ehemann und Ehefrau bei der Ausübung ihrer jeweiligen Rollen zugunsten von Kindern und Ältesten, durch Solidarität und Zusammenarbeit zwischen ökonomischen Klassen und anderen sozialen Gruppen, sowie eine gewissenhafte Beachtung der Subsidiarität in der Beziehung des Staates zu den „kleinen Zügen“ der Gesellschaft.

Was heute unter dem Etikett der sozialen Gerechtigkeit steht – worüber sich selbernannte „Kämpfer für soziale Gerechtigkeit“ aufregen –, ist genau das Gegenteil von alledem. Es beinhaltet sexuellen Libertinismus und Abtreibung auf Verlangen, die feministische Dämonisierung des „Patriarchats“ und der traditionellen Familienrollen, das unaufhörliche Aufblähen von Spannungen zwischen ökonomischen Klassen und Rassengruppen (z.B. der tägliche Zwei-Minuten-Haß gegen „Ein-Prozentler“, gegen „weiße Privilegien“ usw.), die unerbittliche Schmiererei gegen das eigene Land und seine Geschichte, sozialisierte Medizin und sozialisierte Bildung und so weiter. Das mag Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nach einer Mode sein, aber es ist die Zerstörung von Subsidiarität, Solidarität, Familie und Vaterland.

Wann wird wahre soziale Gerechtigkeit erreicht? Nur wenn dieser böse Doppelgänger unterliegt. In der Tat ist man versucht, die Zeile, die Diderot zugeschrieben wird, zu parodieren und zu antworten: Nur wenn der letzte Sozialist mit den Eingeweiden des letzten sexuellen Revolutionärs erwürgt wird. Das ist natürlich ein Scherz. Revolutionärer Blutdurst ist selbst ein weiteres bösartiges Vermächtnis der Französischen Revolution, das jeder konservative und natürliche Rechtstheoretiker verurteilen sollte. Aber trotzdem: Écrasez l'infâme.

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