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Montag, 19. September 2011

Jane Goodall und die unsterbliche Seele

Die bekannte Primatenforscherin Jane Goodall, die sehr viel Erfahrung im Umgang mit Schimpansen und Gorillas hat, behauptet, dass diese höheren Primaten, wie der Mensch, eine unsterbliche Seele besitzen. Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist nicht nur theologischer Glaubensinhalt, sondern lässt sich philosophisch beweisen. Er beruht auf der Tatsache, dass der menschliche Geist unabhängig vom Leib Akte vollziehen kann. Mir ist nicht bekannt, dass sich derartige Akte auch bei höheren Primaten finden. Doch nur wenn sich dies zeigen lässt, wäre die Behauptung von Jane Goodall berechtigt.





Bereits Aristoteles und Platon und nach diesen die ganze Tradition des Christentums behauptet die Unsterblichkeit der Seele. Diese ist ein fester Glaubenssatz des christlichen Glaubens, wenn dieser auch noch deutlich darüber hinaus geht, indem auch die Auferstehung des Leibes angenommen wird. Letzteres ist sicher nicht philosophisch zu beweisen, sondern beruht auf der Offenbarung Gottes durch Jesus Christus. Die Unsterblichkeit der Seele hingegen ist auch philosophisch beweisbar.

Der philosophische Beweis für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele beruht auf der Erkenntnis, dass es bestimmte Inhalte des Geistes gibt, die unabhängig vom Körper sind. Ein Beispiel dafür ist der Begriff des Dreiecks als einer geometrischen Figur, dessen Winkelsumme 180 Grad beträgt oder anders gesagt, dessen Winkelsumme die zweier rechter Winkel entspricht. Dieser Begriff ist etwas anderes als die Vorstellung des Dreiecks, die sicherlich nicht ohne Gehirn möglich ist und selbst das Wort „Dreieck“ hat eine sinnliche Grundlage, die ihrerseits nicht ohne Körper möglich ist. Der abstrakte Begriff, wie er in der Definition des Dreiecks gegeben und vom menschlichen Geist begriffen wird, ist hingegen vollkommen unsinnlich. Selbstverständlich bestreiten wir nicht, dass dieser Begriff von sinnlichen Vorstellungen eines Dreiecks begleitet wird, doch deshalb ist der Begriff selbst nicht sinnlich und damit rein geistig.

Solche rein geistigen Entitäten gibt es sehr viele. Hierzu gehören nicht nur die geometrischen oder mathematischen Entitäten, sondern z.B. auch sogenannten Propositionen. Unter einer Proposition versteht man den Inhalt oder Gehalt eines wahren Satzes, unabhängig davon, in welcher Sprache oder welcher Betonung usw. er gesprochen oder gedacht wird. Die Proposition, dass die Rose rot ist, ist ein wahrer Gehalt, ob man diesen nun in deutsch, in Englisch, Französisch oder Chinesisch sagt, denkt oder vorstellt. Dieser Gehalt ist abstrakt und wird vom Geist z.B. dann erfasst, wenn er irgendwo gelesen oder ausgesagt wird.

Dieses Abstraktionsvermögen, das freilich sinnliche Wahrnehmungen, Vorstellungen oder Erinnerungen voraussetzt und von diesen im Allgemeinen begleitet ist, ist kennzeichnend für den menschlichen Geist. Höhere Primaten haben möglicherweise sehr rudimentäre Ansätze zur Abstraktion, doch ihnen fehlt vollkommen die Fähigkeit zur Erfassung echter abstrakter Entitäten wie z.B. eines Dreiecks als Dreieck. Selbstverständlich sehen Affen Dreiecke und sie werden diese auch möglicherweise wiedererkennen, doch dies ist kein Beweis für eine Geistseele.

Die Seele des Tieres und auch die der höchsten Tiere, denen man sogar Selbstbewusstsein zuspricht (wie Delphinen, bestimmten Walen und höheren Primaten), ist vollkommen in deren Körper eingesenkt und so gewissermaßen eine Funktion des Körpers. Dies ist bei der Geistseele eben nicht der Fall und genau deshalb ist diese unsterblich. Schon der Begriff der Unsterblichkeit erfordert eine Fähigkeit, die sich bei Affen nicht nachweisen lässt, denn dies hätte dann z.B. zur Folge, dass Affen irgendwie religiöse Handlungen zeigen würden. Sollte sich dies eines Tages jedoch zeigen, dann hätte man es sicher nicht mehr mit Affen, sondern mit Menschen zu tun.

Kommentare:

  1. Lieber Scholastiker,

    gestatten Sie mir einige Anmerkungen und Fragen zu Ihrem Beitrag:

    Für die Ansicht, Aristoteles habe die Unsterblichkeit der Seele gelehrt, lässt sich gewiss das eine oder andere gute Argument anführen, es gibt jedoch auch gewichtige Gegenargumente. Ein Blick auf die überaus verwickelte Auslegungstradition zeigt, dass eine definitive Klärung bzgl. dieses Punktes wohl unmöglich ist. Studieren Sie die einschlägigen Kommentare zu Peri psyches (Alexander v. Aphrodisias, Johannes Philoponos, Averroes etc.) und Sie werden vorsichtiger in Ihrem die aristotelische Lehre betreffenden Urteil!
    Die philosophische Beweisbarkeit der Seelenunsterblichkeit ist auch von Scholastikern immer wieder in Zweifel gezogen oder schlechthin abgelehnt worden, selbst von Kardinal Cajetan (vgl. seinen Kommentar zu Ecclesiastes 3, 21: „Nullus philosophus hactenus demonstravit animam hominis esse immortalem, nulla apparet demonstrativa ratio, sed fide hoc credimus.“).
    Was macht Sie so sicher, dass es wirklich „Inhalte des Geistes“ gibt, die immateriell und damit vom Körper unabhängig sind? Und selbst wenn es sie gibt, folgt daraus schon die Unsterblichkeit der Seele? Duns Scotus, um nur ein Beispiel aus der Scholastik anzuführen, würde diese letztere Frage verneinend beantworten.

    Noch eine Bemerkung zum Schluss: Wenn ich Ihre Bemerkungen in Ihrem Kommentar zum Beitrag „Individuation“ vom 18.04.2011 richtig verstanden habe, spielt für Sie bzw. Ihr philosophisches Denken, wie Sie es auf diesem Blog zu vermitteln versuchen, historische Analyse bzw. Forschung keine Rolle. Aber setzen Sie sich damit nicht der Gefahr aus, im Wolkenkuckucksheim zu philosophieren? Wenn ich ein philosophisches Problem verstehen will muss ich doch seine historische Entwicklung kennen, andernfalls droht jede Philosophie zu leerer Begriffsklauberei zu verkommen.

    Zu einer weiteren Auseinandersetzung mit Ihnen, lieber Scholastiker, bin ich gerne bereit!

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  2. Zunächst zum letzten Punkt Ihres Kommentars: Der Blog wird betrieben von Philosophen die aus der analytischen Philosophie kommen. Das sehr erfreuliche an dieser Strömung, bei aller berechtigten Kritik, ist m.E., dass sie historische Positionen so behandeln wie aktuelle Positionen. Wenn ich mich mit einem Gegenwartsphilosophen auseinandersetze, dann ist die einzig interessante Frage, ob das, was er vertritt, wahr ist. Freilich gibt es noch die Möglichkeit, dass ich dessen Auffassung falsch verstehe und diese Möglichkeit gibt es auch bei historischen Philosophen. Wir vertrete hier allerdings keine "historische Positionen", sondern z.B. die thomistische Philosophie, die nicht notwendig mit Thomas von Aquin identisch ist. Alles andere ist nicht "Wolkenkuckucksheim" und "Begriffsklauberei", sondern Geschichtswissenschaft, die durchaus ihre Berechtigung hat und SEHR wertvoll ist, aber die nicht in diesem Blog von Interesse ist. Gerade in diesem Punkt stimmen wir mit Thomas selbst überein. Zu den anderen Punkten später (damit's nicht zu lang wird).

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  3. Nun zu den anderen angesprochenen Themen. Es ist sicher zutreffend, dass Aristoteles zumindest nicht die Unsterblichkeit der individuellen Seele gelehrt hat. Allerdings widerspricht diese Auffassung auch nicht seiner Theorie, wie Thomas von Aquin, denke ich, klar gezeigt hat. Denn Thomas‘ Auffassung ergibt sich aus den aristotelischen Prämissen, insbesondere aus der Akt-Potenz-Theorie, die Thomas bis in ihre letzten Konsequenzen zu Ende gedacht hat.

    Zum eigentlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele, den Thomas von Aquin ohne Rekurs auf die Offenbarung für möglich hält und auch durchgeführt hat, sind folgende Schritte erforderlich, die im obigen Beitrag auch kurz dargestellt wurden:

    1. Es ist zu zeigen, dass die Seele, zumindest der Verstand, immateriell ist.
    2. Wenn der Verstand (intellectus) immateriell ist, dann muss gezeigt werden, dass die Verstandesseele einfach ist und alles Einfache und immaterielle unzerstörbar ist.

    Aus der Immaterialität der Verstandesseele folgt in der Tat deren Unsterblichkeit. Dies lässt sich recht gut beweisen.

    Ich werde versuchen, Ihre Zweifel diesbezüglich in einem neuen Artikel ausführlicher zu beantworten. Für einen Kommentar wird dies zu lang.

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