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Samstag, 10. Dezember 2011

Noch einmal: Das Universalienproblem


Schon einige Male haben wir in diesem Blog das Problem der Universalien, also allgemeiner, abstrakter Entitäten, die verschiedenen Dingen gleichzeitig zukommen können, thematisiert. Zu den Universalien gehören Wesenheiten, Eigenschaften, Relationen und Akzidenzien. Das Problem stellt sich folgendermaßen: Universalien existieren nicht als Universalien in einer vom Verstand unabhängigen Realität.  Sie existieren ausschließlich in einer Vielfalt in einzelnen Dingen. Dies ist die eine Position. Doch wenn sie nicht als Universalien in der Realität existieren, existieren sie dann ausschließlich im Verstand? Auch dies kann nicht wahr sein.






Denn wäre dies der Fall, dann gäbe es in der Welt keine Ähnlichkeit oder Selbigkeit zwischen irgendetwas. Dinge würden nicht wirklich und in einem wörtlichen Sinne gemeinsame Wesenheiten oder Eigenschaften besitzen, die in einen strikten Sinne miteinander identisch sind. Für den Nominalisten, also den Vertreter einer Philosophie, die ausschließlich die Existenz von Individuen behauptet, stellt dies kein Problem dar, denn genau dies ist es, was er behauptet. Das Problem ist jedoch, wenn es wirklich eine Ähnlichkeit zwischen Dingen gibt, dann muss diese gegründet werden in einer strikten Selbigkeit anderer Dinge. Deshalb können Universalien nicht vollständig im Verstand existieren, sie müssen auch in der Realität, in der Wirklichkeit vorhanden sein. Doch sie existieren als Universalien nicht in der Wirklichkeit, sondern nur vervielfältigt in Einzelnen. Dies ist das Problem der Universalien.

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Die beiden Hauptströmungen zur Lösung dieses Problems sind der Nominalismus, bzw. der Konzeptualismus und der Platonismus. Hier möchte ich nicht näher auf diese Positionen eingehen. Stattdessen will ich die Position des "immanenten Realismus" darstellen und verteidigen, wie sie von Aristoteles und Thomas von Aquin vertreten wurde.

Nehmen wir als Beispiel Rechteckigkeit. Was alle Rechtecke gemeinsam haben ist Rechteckigkeit. Nun kann man einwenden, dass man noch nie Rechteckigkeit gesehen hat, nur rechteckige Dinge. Der immanente Realist antwortet darauf, dass wir tatsächlich ständig Rechteckigkeit entdecken, nämlich in den rechteckigen Dingen. Aber, so wird man einwenden, wir haben noch nie die abstrakte Rechteckigkeit gesehen. Dies trifft zu: wir sehen nie Rechteckigkeit als abstrakte Rechteckigkeit, denn Rechteckigkeit als abstrakte "Entität" ist nicht etwas, was man überhaupt wahrnehmen kann. Wir entdecken keine abstrakte Rechteckigkeit, weil Rechteckigkeit etwas ist, das wir abstrahieren, nämlich von rechteckigen Dingen. Kurz gesagt: nichts Abstraktes existiert ohne Abstraktion. Und Abstraktion ist eine Tätigkeit des Verstandes bei der wir das erkennen, was einer Vielzahl einzelner Dinge gemeinsam ist.

Mit dieser Behauptung des immanenten Realisten, die ich hier sehr weitgehend dem Buch von David Oderberg: Real Essentialism, S. 83 entnommen habe, wird sich der Platonist zu Wort melden und protestieren, weil er daran festhalten will, dass es außer der Rechteckigkeit in den einzelnen rechteckigen Dingen auch noch eine abstrakte Rechteckigkeit gibt, die nicht nur im Verstand existiert. Dieser Platonist, zu denen heute verschiedene Sachverhaltsontologien gehören, unterstellt dem immanenten Realist sogar, er sei Nominalist. Dies zeigt die ganze Verzwicktheit des Problems.

Wie aber fundiert der immanente Realist die Universalien, wenn er diese nicht vollständig leugnet  wie der Nominalisten, aber auch nicht in einer eigenen, vom Verstand unabhängigen Realität fundieren will, wie der Platonist?

Ein einzelnes Vorkommnis einer Universalie (Modus genannt) ist fähig abstrahiert zu werden, dass heisst in der Weise gedacht zu werden, dass man von allem Individuellen absieht. Die Tatsache, dass dies möglich ist, dass also die konkreten Vorkommnisse von Universalien diese Abstraktion ebenso zulassen wie dass der Verstand zu dieser Abstraktion in der Lage ist, reicht aus für eine reale Fundierung ihrer Abstrakheit.

Das reale Fundament der Abstraktheit der Universalien besteht in der Fähigkeit der Abstraktion von partikulären Vorkommnissen in denen sie inhärieren und in ihrer Erfassung durch die Bildung von Begriffen in Absehung von ihrer Vereinzelung, obgleich Universalien in der Wirklichkeit nicht getrennt von den einzelnen Vorkommnissen existieren, die sie instantiieren.

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Die Annahme einer Abstraktion hilft hier gar nichts. Wenn man ein Trope aus einem Komplex herauslöst, hat man dadurch keineswegs eine Universalie. Und wenn das, was im Komplex vorhanden ist, auch in anderen Komplexen vorkommt, dann ist es auch im Komplex eine Universalie.

    Universalie zu sein und Trope zu sein, schließen einander aus. Deswegen kann nicht dieselbe Entität Trope (im Ding) und Universalie (im erkennenden Geist) sein.

    Außerdem könnte jene Entität (Artnatur/Wesen) nicht die Gleichheit zwischen den Dingen erklären, wenn sie in den Dingen nicht ALS Universalie vorkäme.

    Übrigens leugnet die Nominalist nicht das Vorhandensein von qualitativen Gleichheiten und Ähnlichkeiten. Wer das täte, wäre nicht bei Trost. Vielmehr meint er, dass diese Phänomene nicht auf zusätzlichen Entitäten (zusätzlich zu den gleichen oder ähnlichen Dingen) beruhen.

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  3. Antwort auf Achrudi: Man muss sich klar machen, was "Abstraktion" besagt: ein "abziehen" aller individuellen Momente von einer Bestimmung, einer Wesenheit, einer Eigenschaft. Wenn man dies tut, dann bleibt nur das übrig, was allen partikulären Entitäten einer Art gemeinsam ist, nämlich die Arteigenschaften oder die Wesenheit. Und insofern "hat man eine Universalie". Achrudi versteht die Universalie als eine aktuale Entität "neben" oder zusätzlich zu ihren Vorkommnissen und dies ist eine Verdopplung der Welt. M

    Man kann von echten Universalien sprechen, die "in" den Dingen selbst sind und die bei der Abstraktion abstrahiert werden, doch sind diese potentiell. Aktual sind sind immer nur vereinzelt und in den Einzelnen. Da Achrudi aber offensichtlich Aktualist ist, kann er diesen Gedanken nicht nachvollziehen.

    "Als" Universalie ist die Wesenheit oder Eigenschaft nur potentiell und wird vom Verstand aus den Individuen abstrahiert.

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  4. Ein Sosein oder ein Wassein wird nicht dadurch zur Universalie, das es im Bewußtsein abgelöst wird, sondern dadurch, dass es mehreren Dingen gemeinsam ist. Auch ein trope könnte man im Bewußtsein von den individuellen Bestimmungen (z.B. den lokalisierenden)des Dings ablösen. Dadurch würde es nicht zur Universalie.
    Und bei den abzulösenden (Art-)Eigenschaften muss es sich selbstverständlich um Eigenschaften handeln, die das Ding tatsächlich hat, nicht um solche, die es haben könnte. Von Potentialität kann nur im Hinblick auf die Ablösung des So- oder Wasseins durch Bewußtseinstätigkeit der Rede sein. Das So- oder Wassein KANN für sich betrachtet werden. Es ist aber (wie ich oben zeigen wollte) ein fundamentaler Irrtum der Scholastiker zu meinen durch eine solche gedankliche Ablösung würde es erst zur Universalie. Tropes würde man auch gedanklich für sich betrachten können. Sie haben aber nur deswegen nicht das Potential zur Universalie, weil sie eben keine Universalie ist. Vermutlich haben erst die spätesten Scholastiker (wie Ockham) verstanden, was das Gegenteil der Universalie ist.

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  5. Das was das Wassein zu einem vereinzelten macht ist die Materie. Das was allen Kühen gemeinsam ist, das "Kuhsein", das Wesen der Kuh, ist in der realen Welt immer mit der Materie verbunden. Wenn man diese von der konkreten Kuh abstrahiert, hat man sehr wohl die Wesenheit der Kuh erfasst und kein Trope.

    Das zentrale Problem in der Argumentation von Achrudi scheint mir hingegen zu sein, dass er eine Ontologie zugrundelegt, bei der Wesenheiten einem Ding nur äußerlich zukommen, von diesen Dingen "exemplifiziert" werden. Eine solche Vorstellung hat mit einer Wesenheit rein gar nichts zu tun. Wesenheiten sind gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie einem Ding inhärieren. Nur unter dieser Voraussetzung kann man argumentieren, dass es genau eine Universalie gibt, die verschiedenen Dingen zukommt, denn diese verschiedenen Dinge exemplifizieren ein und dieselbe Eigenschaft, eben diese eine Universalie. Wenn hingegen die Universalie "im" Ding selbst ist, dann gilt das Argument des Boetius. Nach Boetius kann es keine reale Universalie geben, die gleichzeitig verschiedenen Dingen zukommt, da diese entweder "im" Ding wäre und dann nur einmal vorkommen könnte, oder bestenfalls nacheinander verschiedenen Dingen, aber immer nur jeweils einem Ding, oder aber so, dass diese Universalie dem Ding äußerlich ist, was er zu Recht für widersinnig hielt, denn zumindest ein Sosein ist das Innerste einer Sache. Es bleibt somit nur, dass die Universalie als Universalie nur im Bewusstsein existiert, bzw. potentiell ist hinsichtlich der Wirklichkeit ist.

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