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Sonntag, 15. Januar 2012

Zeitlichkeit Gottes?


In der gegenwärtigen analytisch orientierten Religionsphilosophie gilt es als weitgehend sicher, dass man Gott als zeitlich denken muss. Dafür werden verschiedene Argumente angeführt, die sich zum Teil gegen die überlieferte Auffassung der Scholastik, insbesondere gegen Thomas von Aquin richten. Das wichtigste Argument für die Zeitlichkeit Gottes scheint zu sein, dass Gott in einer Beziehung zur Welt stehen muss und da die Welt selbst zeitlich ist, muss auch Gott in irgendeiner Beziehung zur Zeit stehen. Demgegenüber wird die Auffassung des Aquinaten als "phantastisch" bezeichnet, der bestreitet, dass Gott in einer Beziehung zur Welt steht. Mir scheint, dass die Argumente der analytischen Religionsphilosophie vor allem auf einem Missverständnis der Theorie von Thomas von Aquin beruhen.





Die moderne Theorie der Zeitlichkeit Gottes findet sich zum Beispiel in dem ansonsten recht guten Einführungsbuch der beiden analytischen Philosophen J.P. Moreland und William Lane Craig: Philosophical Foundation For a Christian Worldview". Das Buch gehört zu einem der besten gegenwärtigen Einführungen in alle wesentlichen Gebiete der Philosophie, ist aber nicht ins Deutsche übersetzt.

Das zentrale Argument für die Zeitlichkeit Gottes lautet hier: "Wenn Gott wirklich mit der Welt verbunden ist, dann ist es außerordentlich schwierig zu sehen, wie Gott unberührt von der Zeitlichkeit der Welt bleiben kann. Denn einfach um in Beziehung zu sich verändernden Dingen zu stehen (auch wenn er selbst irgendwie bewirkt intrinsisch unveränderbar zu bleiben) müsste eine Vorher und Nachher in Gottes Leben existieren. Aquinas versuchte der Kraft dieser Argumentation nur dadurch zu entkommen, dass er darauf bestand, dass Gott in keiner wirklichen Relation zur Welt steht - eine Position die phantastisch scheint im Lichte dessen dass Gott der Schöpfer und Erhalter des Universums ist." (512).

Die Autoren sind mit der thomistischen Position offensichtlich nicht wirklich vertraut, da sie aus einer anderen philosophischen als auch theologischen Tradition stammen. Erstaunlich ist allerdings, dass die wohl bedeutensten Thomisten der Gegenwart, nämlich Eleonore Stump und der vor einigen Jahren verstorbene Norman Kretzmann in ihrer Erwiderung auf die Kritik an Thomas eine nur sehr schwache Verteidigung der thomistischen Lehre gegeben haben.

Dabei scheint mir eine Entgegnung auf die Kritik von Moreland and Craig nicht besonders schwierig zu sein. Zunächst muss die Frage beantwortet werden, was man denn mit Zeit überhaupt meint. Nach aristotelisch-scholastischer Lehre ist die Zeit das Maß der Bewegung des Früher und Später. Wir wollen diese Definition hier nicht weiter auseinanderlegen, sondern gehen gleich zum nächsten Schritt über, nämlich dem Begriff der Bewegung, der für die Bestimmung der Zeit wesentlich ist. Bewegung, d.i. jede Art der Veränderung, wird von Aristoteles und Thomas definiert als ein Übergang von der Potenz zum Akt. Dazu ist stets eine äußere Ursache erforderlich. Der Akt ist zugleich das Ziel der Bewegung, das, worin die Bewegung zur Vollendung kommt. Gott aber ist reiner Akt, actus purus und kann folglich nicht verändert werden, unterliegt auch keiner Veränderung und ist somit auch nicht in der Zeit.

Die beiden Autoren glauben offenbar zwischen der Unveränderbarkeit Gottes und seiner Zeitlichkeit unterscheiden zu müssen. Doch etwas, das nicht veränderbar ist, ist auch nicht in der Zeit. Anders gesagt: Alles was in der Zeit ist, unterliegt der Veränderung, denn die Zeit ist das Maß der Veränderung.

Doch es gibt noch ein weiteres Argument für die absolute Ewigkeit und Zeitlosigkeit Gottes, wobei auch das Argument Berücksichtigung findet, Gott müsse in einer Beziehung zur Welt und damit zur Zeit stehen.

Wenn man voraussetzt, dass Gott alles was existiert erschaffen hat, was auch von den analytischen Religionsphilosophen nicht bestritten wird, dann ist alles Existierende hinsichtlich seiner Existenz von Gott abhängig und steht somit durchaus in einer Beziehung zu Gott. Thomas hat dies nirgendwo bestritten und bezeichnet diese Relation sogar als eine reale Relation. Nun handelt es sich bei dieser Beziehung der Geschöpfe zum Schöpfer um eine solche Relation, bei der beide Glieder radikal verschieden sind. Denn die Beziehung Gottes zum Geschöpf ist nicht die gleiche, univoke, wie die Beziehung der Geschöpfe zum Schöpfer. Vielmehr ist die Beziehung Gottes zu den Geschöpfen eine nur begriffliche oder logische und keine reale, wie die Beziehung der Geschöpfe zum Schöpfer. Zur Erläuterung der logischen (begrifflichen) Relation verweist Thomas (z.B. in De Potentia) auf ein Beispiel Aristoteles', nämlich der Beziehung des Wissens zum Wissbaren. Im abhängigen Glied der Relation (hier des Wissens oder des Geschöpfes) gibt es eine reale Beziehung,  nicht jedoch im anderen Glied (dem Wissbaren oder Gott).

Angewandt auf den Einwand von Moreland und Craig besagt das, dass Gott, von Seiten des Geschöpfes, durchaus in einer wirklichen Beziehung zu den Geschöpfen steht, dass aber eine solche Beziehung von Seiten Gottes nicht zu den Geschöpfen besteht. In gewisser Weise kann man nämlich sagen, dass Gott von den Geschöpfen nicht verschieden ist, zumindest von Seiten Gottes aus gedacht. Von Seiten der Geschöpfe ist der Unterschied freilich ein unendlicher.

Die Kritiker behandeln Gott wie irgendein innerweltliches Seiendes, wenn auch von unendlicher Macht und Weisheit, aber doch so, als wäre Gott selbst irgendwie ein Seiendes, das mit anderen Seienden in Beziehung steht. Doch ein solches Seiendes kann nicht der Schöpfer sein. Als Schöpfer ist Gott gewissermaßen "in" den Geschöpfen, wenn auch nicht als Gott, so doch als Ursache.

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