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Freitag, 13. April 2012

Thomistische Erkenntnistheorie: Die Identitätsthese


In besonders klarer und erhellender Weise erklärt Dominik Perler in seinem Buch: Zweifel und Gewissheit. Skeptische Debatten im Mittelalter", die Theorie Thomas von Aquins über die Identität der Form des Gegenstandes mit der Form, die der Intellekt in der Erkenntnis aufnimmt. Ermacht diese These verständlich und für moderne Leser nachvollziehbar durch eine Analogie mit der Installation eines Computerprogramms auf der Festplatte.




"Auf der Grundlage des Vorstellungsbildes abstrahiert nun der Intellekt eine Species, deren Inhalt nichts anderes ist als die allgemeine Form des äußeren Gegenstandes. Für das Baum-Beispiel heißt dies: Der Inhalt der Baum-Species ist nicht die konkrete Blatt-, Stamm- und Wurzelstruktur des Baumes, der vor mir steht, sondern die Grundstruktur, die sich in jedem Baum befindet.
Genau diese Struktur erfasst der Intellekt, wenn er an einen Baum denkt. Es ist hier entscheidend, genau zwischen der Species als bloßem Hilfsmittel und dem Inhalt dieses Hilfsmittels zu unterscheiden.
Als Hilfsmittel betrachtet ist die Species ein bloßes Akzidenz des Intellekts, das zu einer bestimmten Zeit entsteht und abgespeichert wird. Der Inhalt der Species hingegen ist nichts anderes als die allgemeine Form, die aus dem Vorstellungsbild abstrahiert wird.
Dabei handelt es sich um dieselbe Form, die auch im äußeren Gegenstand existiert. Dies ist möglich, weil die Form (bzw. eine Natur oder ein Wesen) verschiedene Arten der Existenz haben kann. Thomas betont:


"Die Natur selbst aber, der das Merkmal der Allgemeinheit zukommt, z.B. die Natur des Menschen, hat ein zweifaches Sein: ein materielles, mit dem sie in der natürlichen Materie ist; ein anderes, immaterielles aber, mit dem sie im Intellekt ist." (Sentencia libri De anima II, 12)

Wenn ich an einen Menschen denke, erfasse ich somit dank des Inhalts der Mensch-Species die allgemeine Form oder Natur des Menschen, und zwar dieselbe Natur, die sich auch in allen menschlichen Individuen befindet.
Genau diese These mag allerdings den Vorwurf provozieren, Thomas' Erklärungsansatz sei unverständlich. Was heißt es denn, dass dieselbe Form an zwei Orten ist - im Intellekt und außerhalb des Intellekts? Ein Vergleich mit einem modernen Beispiel mag hier wiederum Klarheit schaffen.

Stellen Sie sich vor, dass Sie soeben einen neuen Computer gekauft haben, auf dem Sie verschiedene Programme - etwa Windows und ein E-Mail Programm - installieren.
Dazu müssen Sie die Festplatte des Computers mit diesen Programmen beschreiben bzw. konfigurieren, wie es in der Fachsprache heißt. Das heißt, dass Sie die Programme von einer CD oder aus dem Internet herunterladen und auf der Festplatte abspeichern.
Ist dieser Vorgang einmal abgeschlossen, verfügen Sie auf Ihrem Computer genau über die Programme, die auch auf der CD oder im Internet existieren. Sie verfügen der Struktur nach sogar über dieselben Programme und können mit diesen nun arbeiten.
Das Aufnehmen einer Form im Intellekt kann nun in ähnlicher Weise als ein Konfigurationsprozess verstanden werden.
Wer etwa die Form eines Baumes erfasst, abstrahier aus deem Vorstellungsbild eine bestimmte Struktur und installiert diese gleichsam im Intellekt. Wie man beim Computer zwischen dem Hilfsmittel (den elektromagnetischen Beschreibungen der Festplatte) und dem Inhalt dieses Hilfsmittels (den jeweiligen Programmen) unterscheiden muss, so gilt es auch beim Intellekt zwischen dem kognitiven Hilfsmittel (der Species) und dessen Inhalt (der jeweiligen Form) zu unterscheiden.
Das heißt freilich nicht, dass es sich hier um zwei verschiedene Dinge handelt, denn der Inhalt ist nicht etwas, was neben oder zusätzlich zur Species in den Intellekt aufgenommen wird.
Vielmehr gilt: Indem der Intellekt eine Species aufnimmt und wie eine Festplatte mit ihr "beschrieben" wird, erhält er einen bestimmten Inhalt. Und dieser Inhalt ist nichts anderes als die Form, die auch in einem äußeren Gegenstand existiert. Es handelt sich sogar um dieselbe Form bzw. um dieselbe Programmstruktur, die nur in verschiedener Weise an zwei verschiedenen Orten präsent ist."

Aus: Dominik Perler: Zweifel und Gewissheit. Skeptische Debatten im Mittelalter, Frankfurt a.M. (Klostermann) 2006, S. 138ff.

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