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Freitag, 20. Juli 2012

Teleologie: Intelligent Design und Scholastik


Teleologie ist die Lehre, dass Dinge, Ereignisse, Tätigkeiten, Veränderungen und natürlich Handlungen zweckgerichtet sind. Abgesehen davon, dass solche Theorien mehr als umstritten sind (man vergleiche nur den Wikipedia-Eintrag http://de.wikipedia.org/wiki/Teleologie), gibt es einen sehr deutlichen Unterschied zwischen den Verständnis von Teleologie in der sogenannten Intelligent Design Theorie (ID), die heute besonders in den USA sehr weit verbreitet ist und den Verständnis von Teleologie in der aristotelisch-scholastischen Philosophie (A-T). In einem Satz auf den Punkt gebracht besteht der Unterschied darin, dass die ID Theorie nur externe Zwecke verteidigt, während die A-T Philosophie insbesondere immanente Zweckursachen kennt.






Nach Auffassung der A-T Philosophie sind alle Prozesse, Ereignisse, Tätigkeiten und Handlungen usw., kurz alle kausalen Vorgänge zweckgerichtet. Ganz allgemein gesagt bedeutet dies, wenn A die Ursache von B ist, dann ist B der Zweck oder das Ziel von A. Wäre dem nicht so, so lässt sich argumentieren, dann ist nicht erklärlich, warum die Ursache A statt B nicht C, D oder E bewirkt.

An einem schlichten Beispiel demonstriert bedeutet dies, wenn der achtjährige Thomas beim Fußballspiel den Ball gegen die Fensterscheibe seines Nachbarn Hinterhuber schießt und die Scheibe dabei zerbricht, dann ist das Zerbrechen der Scheibe die Wirkung der Einwirkung (Ursache) des Fußballs auf das Glas, auch wenn wir mal davon ausgehen, dass Thomas dies nicht beabsichtigte, er also mit seiner eigenen Handlung nicht diesen Zweck verfolgte. Das durch eine heftige Einwirkung eines festen Gegenstandes auf eine Glasfläche diese zerbricht, ist der immanente Zweck der Ursache. Dieses Beispiel lässt sich durch jedes andere beliebige Beispiel aus der Naturwissenschaft ersetzen. Stets ist nach Auffassung der A-T Philosophie die Wirkung das Ziel der Ursache.

Wäre dem nicht so, dann wäre jede Erkenntnis der Kausalität völlig unmöglich. Und hier liegt auch der tiefere Grund für die Kausalskepsis der modernen Philosophie, insbesondere der Kausaltheorie David Humes und seiner Gefolgsleute in der Gegenwartsphilosophie. Sie bestreiten, dass es überhaupt Kausalität gibt. Das Einzige was sich empirisch feststellen lässt ist nach Hume eine Abfolge verschiedener Ereignisse: der Ball wird gegen eine Scheibe geschossen ist das erste Ereignis und die Scheibe zerbricht ist das zweite Ereignis. Zwischen diesen beiden Ereignissen besteht eine zeitliche Beziehung. Das ist alles.

Wäre dem tatsächlich so, dann könnte anstatt des Zerbrechens der Scheibe auch Wasser entstehen oder irgendein anderes Ereignis eintreten. Für Hume ist dies tatsächlich möglich. Er hält es für grundsätzlich möglich, dass plötzlich vor unseren Augen ein Huhn erscheint, das noch einen Augenblick zuvor nicht da war.

Dies alles wurde schon in früheren Blogbeiträgen erläutert. Hier geht es aber um ein anderes Problem. Während die A-T Philosophie Teleologie im zuvor beschriebenen immanenten Sinne versteht und sich damit fundamental vom „mechanistischen“ Weltbild der Moderne unterscheidet, teilt die ID Theorie grundsätzlich das mechanistische Weltbild. Dies bedeutet, dass sie eine immanente Kausalität wie in der A-T Philosophie nicht verteidigt. Statt dessen vertritt sie die Auffassung, dass bestimmte sehr komplexe Phänomene zu ihrer vollständigen Erklärung einer Bezugnahme auf eine Absicht bedürfen. Sie bestreiten oder halten es zumindest für in hohem Grade unwahrscheinlich, dass komplexe Phänomene wie die enge Beziehung zwischen blütentragenden Pflanzen und befruchtenden Insekten wie den Bienen, oder das menschliche Auge allein durch Zufall entstanden sein können, wie die Evolutionstheorie behauptet. Derartige komplexe Phänomene bedürfen zu ihrer Erklärung nach Auffassung der ID Theoretiker eines intelligenten Designers, der von außen auf die Evolution einwirkt und sie zweckgerichtet lenkt.

Diese Auffassung der ID Theorie beruht auf einer Verwechslung zweier grundverschiedener Entitäten, nämlich von Artefakten und natürlichen Gegenständen. Die ID Theorie behandelt natürliche Gegenstände wie das Auge so als wären es gemachte Dinge, Artefakte. Sie kennt faktisch diesen Unterschied nicht.

Demgegenüber sagt die A-T Philosophie, dass Artefakte von Menschen hergestellte Gegenstände sind, die durch den Zweck bestimmt sind, die Menschen damit beabsichtigt haben. Artefakte haben immer einen externen Zweck. Im Gegensatz dazu haben natürliche Gegenstände einen immanenten Zweck, den diese in ihrer gesamten Tätigkeit verfolgen. Der Hauptzweck aller natürlichen Gegenstände ist die Erhaltung ihrer selbst und der Art, also Selbst- und Arterhaltung. Darauf ist die Tätigkeit aller Pflanzen und Tiere und natürlich auch des Menschen gerichtet. Menschliche Zwecke gehen freilich noch weit darüber hinaus, denn der Mensch ist ein rationales, geistiges Wesen, das selbst Zwecke setzen und verfolgen kann.

Eine Kritik der ID Theorie und ihrer Vorstellung von Teleologie ist durchaus berechtigt. Ich glaube hingegen, dass es keine guten Argumente gegen die von der A-T Philosophie verteidigten immanenten Zweckursache gibt. Dies bedeutet nicht, dass die A-T Philosophie bestreitet, dass es auch eine externe Kausalität gibt, doch dafür bedarf es zusätzlicher Argumente, wie sie z.B. Thomas von Aquin in seinem „fünften Weg“, seinem Gottesbeweis aus der Zweckursache vorgelegt hat. Dieser Gottesbeweis ist allerdings grundverschieden von dem der ID Theorie, ein Unterschied, der leider kaum beachtet wird.

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