Follow by Email

Donnerstag, 28. Juni 2012

Materie, Form und Sein


Die 9. These der „24 bestätigten Thesen der thomistischen Philosophie“ lautet: „ Keiner dieser beiden Teile [gemeint sind Form und Materie] hat an sich das Sein, noch wird er an sich hervorgebracht oder vernichtet, noch wird er in eine Aussageform (= Kategorie) gebracht, es sei denn in Rückführung als substantielles Prinzip.“ Der Satz ist sicher nicht unmittelbar einleuchtend, sondern im Gegenteil schwer verständlich. Hier nun der Versuch einer kurzen Erklärung.





Weder die Form eines Dinges, einer Substanz, noch die Materie hat das Sein, als Wirklichkeit für sich. Diese Auffassung des Thomas unterscheidet sich deutlich von der des Aristoteles. Nach Aristotes hat die Form das Sein und die Form ist es, die dieses Sein der Materie und damit dem Ganzen, der Substanz mitteilt. Thomas hält diese Auffassung nicht nur aus theologischen Gründen, sondern vor allem philosophisch für problematisch und lehnt sie zu Recht ab.

Stattdessen gesteht Thomas zu, dass die Form zwar das Sein gibt („forma dat esse“, heißt es bei Thomas, die Form gibt das Sein), doch nicht aus sich selbst das Sein hat. Die Form der Substanz ist das aktualisierende Prinzip, dass, wodurch etwas wirklich ist, die Materie ist das potentielle Prinzip, dass den Akt aufnimmt und durch die Form verwirklicht wird.

Nun wird der 9. These auch gesagt, dass Form und Materie weder hervorgebracht, noch vernichtet werden, was sich zunächst sicher überraschend anhört und sicher auch klarer hätte formuliert werden können. Verständlicher wird dies, wenn man sich klar macht, dass weder die Materie, noch die Form materieller Dinge für sich existieren. Mit Materie ist die prima materia gemeint, die Ur- oder Erstmaterie, die keinerlei Bestimmung hat, die eigentlich nichts ist und erst durch die Form bestimmt wird. Die Erstmaterie ist das Prinzip der Bestimmbarkeit. Die Form ist das Prinzip der Bestimmung, sie bestimmt, was etwas wird. Doch auch diese Form materieller Gegenstände existiert nicht für sich, sie existiert nur in den materiellen Gegenständen. Dies ist ein zentraler Unterschied zwischen aristotelischer und platonischer Auffassung der Form. Für Platon oder besser gesagt, den Platonismus, gibt es für sich bestehende Formen.

Nach aristotelisch-scholastischer Auffassung sind die Formen als ewige Ideen im Geist Gottes und insofern sind sie ewig, nicht erschaffen, nicht hervorgebracht und sie können auch nicht vernichtet werden. Die individuelle Form in diesem Huhn dort, geht natürlich mit dem Tod des Huhnes unter.

Aber auch die individuelle Materie, das ist hier die geformte Materie des Huhnes oder jeder anderen Entität, geht natürlich unter, wenn das Huhn verendet. Allerdings wandelt sich diese Materie nach dem Tod des Huhnes wieder zur materia prima. Diese selbst „stirbt“ nicht, sie ist ebenso unzerstörbar, wie die Form.

Der letzte Teil der 9. These „noch wird er in eine Aussageform (= Kategorie) gebracht, es sei denn in Rückführung als substantielles Prinzip“ bezieht sich auf die aristotelisch-scholastische Kategorienlehre. Eine Kategorie, im ontologischen Sinne, ist eine Einteilung alles dessen, was es gibt, in maximal verschiedene Entitäten. Die Grundeinteilung ist die zwischen Substanz und Akzidenzien. Nach Aristoteles gibt es neun verschiedene Akzidenzien, wie Qualität, Quantität, Relation usw. Form und Materie gehören nun aber nicht zu diesen Kategorien, obwohl sie die Substanz, zumindest die materielle Substanz, konstituieren. Da die Kategorien von den Aussageformen gewonnen werden („das Huhn ist weiß“, spricht der Substanz, dem Huhn, die Qualität weiß zu, „das Huhn gackert“ sagt von der Substanz, dem Huhn, eine Tätigkeit aus, usw.), gehören Materie und Form nicht zu diesen Aussageformen, denn sie sind weder eine Substanz (außer zusammen, indem sie die Substanz bilden), noch ein Akzidenz.

Entscheidend ist die in dieser These ausgedrückte Tatsache, dass Form und Materie nicht hervorgebracht oder vernichtet werden. Sie sind also in gewisser Weise ewig, denn sie sind Grundprinzipien der materiellen Wirklichkeit. Dass keiner von beiden das Sein aus sich besitzt, verweist darauf, dass das Sein von woanders her kommen muss und dies kann nur die „Quelle“ der Wirklichkeit, die Quelle des Seins sein, ein Seiendes, dass nicht nur das Sein hat, sondern das Sein selbst ist, und dies ist Gott.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen