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Sonntag, 9. September 2012

Materie und Individuation


Die 11. These der 24 Thesen zur thomistischen Philosophie bezieht sich auf das Problem der Individuation. Die Frage ist, wodurch ist irgendetwas individuiert, oder anders gefragt, wodurch sind z.B. zwei Herbstastern oder zwei Legehühner zwei und nicht eins? Es geht also um die numerische Verschiedenheit. Diese Frage, die sich dem gesunden Menschenverstand zunächst nicht stellt, ergibt sich aber aus den Prinzipien, aus denen etwas zusammengesetzt ist, nämlich Form und Materie. Die Formen der Dinge sind nämlich allgemein. Alle Hühner einer Art haben die gleiche Form. Folglich kann die Verschiedenheit der Hühner nicht an deren Form liegen. Jedes Huhn, wie auch alle anderen Entitäten sind aus Form und Erstmaterie (materia prima) zusammengesetzt. Doch diese Erstmaterie ist vollkommen unbestimmt und erhält jede Bestimmung erst durch die Form. Folglich kann sie nicht als solche für die Vereinzelung, die Individuierung oder die Verschiedenheit der Dinge einer Art verantwortlich sein. Doch was ist dann die Ursache der Individuation?




Die Antwort auf diese Frage gibt die 11. These: „Die durch Quantität gekennzeichnete Materie ist das Prinzip der Individuation, das heißt der numerische Unterscheidung – die es bei reinen Geistern nicht geben kann – des einen Individuums vom anderen in derselben spezifischen Natur.“

Es ist die „durch Quantität gekennzeichnete Materie“, die für die Individuation verantwortlich ist. In der lateinischen Fachterminologie wird diese Materie, im Unterschied zur völlig unbestimmten Erstmaterie, als materia signata quantitate bezeichnet, d.h. als quantitativ vorbezeichnete Materie, als Materie, die bereits eine gewisse erste Bestimmung erhalten hat und zwar in quantitativer Hinsicht. Die Theorie der materia signata quantitate, der bezeichneten Materie, gehört zu den schwierigsten Theorien der thomistischen Philosophie und sie findet sich noch nicht bei Aristoteles. Ich kann das damit gemeinte hier im Blog nur andeuten. Die schon mehrfach empfohlene Literatur, v.a. das „Lehrbuch der Philosophie“ von Kälin und besonders ausführlich „Das Wesen des Thomismus“ von Gallus M. Manser gibt dazu weitere Auskunft. Sehr gut ist auch die Erklärung der materia signata quantitate in Buch von David Oderberg: „Real Essentialism“. Auch an anderer Stelle in diesem Blog wurde bereits die Individuation kurz erörtert.

Die Vorbezeichnung der materia signata besteht in der Hinordnung der Erstmaterie auf eine bestimmte Form. Die reine Materie, materia prima, kann alles werden, sie hat keinerlei „Vorlieben“ dies oder jenes zu werden. Diese vollkommen unbestimmte, rein potentielle Materie erhält eine erste Disposition, die sie auf eine bestimmte Form, mit der sie zusammen eine Substanz bildet, hinordnet. Die Disposition die die materia prima erhält, ist damit zugleich auf ein ganz bestimmtes Individuum gerichtet, dasjenige nämlich, das aus dieser Materie in Verbindung mit der Form entsteht.

Die Disposition der Urmaterie zu diesem Individuum oder die Hinordnung zu dieser Form ist natürlich selbst wieder eine Potenz. Es ist ja eine Disposition, eine Potenz zu etwas Bestimmten, was sie werden kann, aber noch nicht ist, nämlich zu einem Individuum. Diese Disposition, die Potenz liegt in der materia prima selbst, die ihrerseits völlig unbestimmt ist und alles werden kann.

Da „reine Geister“, worunter die Scholastik Wesen versteht, die bloße Formen sind, ohne Materie – wobei diese reinen Formen als die Engel vorgestellt werden (für Aristoteles sind die Sterne solche reinen Formen, da er Sterne für frei von Materie hielt) – keine Individuation durch die Materie erfahren können, sind sie allein durch ihre Form individuiert. Dies bedeutet nichts anderes als das jeder Engel eine eigene Art darstellt. Während im materiellen Bereich, also in unserer Welt, jede Art eine große Zahl von Exemplaren dieser Art aufweist, die durch die materia signata bewirkt wird, kommt im rein geistigen Bereich der Engel jede Art genau ein einziges Mal vor, d.h. jeder Engel ist mit seiner Art identisch und insofern individuell. Dies ist mit dem Einschub in der 11. These gemeint „– die es bei reinen Geistern nicht geben kann“.


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