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Freitag, 12. Oktober 2012

„Naturalisierung des Geschlechterbegriffs“


Während in den Geisteswissenschaften und insbesondere in der Philosophie ein starker Trend hin zur Naturalisierung erkennbar ist – dies gilt besonders für die Philosophie des Geistes – gibt es in der stark ideologisierten Genderforschung keinen schlimmeren Vorwurf als den der „Naturalisierung des Geschlechterbegriffs“.





Gemeint ist mit diesem Vorwurf die trotz stark verbreiteter und mit staatlichen Mitteln hochsubventionierten Genderforschung noch immer sehr weit verbreitete Auffassung, dass es zwei Geschlechter gibt, gibt männlich und weiblich, und dass die Bestimmung des Geschlechts von den sogenannten primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen abhängt. Primäre Geschlechtsmerkmale sind die biologischen Organe, die der Fortpflanzung dienen und die das Geschlecht eines Menschen bestimmen. Dazu gehören die Vagina oder der Penis und die Hoden, sowie innere Geschlechtsorgane wie die Gebärmutter, der Ovarien oder die Prostata. Die sekundären Geschlechtsmerkmale müssen nicht notwendigerweise vorhanden sein, sind aber in den allermeisten Fällen mit den primären Geschlechtsmerkmalen verbunden. Solche sekundären Geschlechtsmerkmale beim Menschen sind der Bartwuchs und überhaupt die Körperbehaarung, die Form der Brust und des Beckens und so weiter.

Mit den biologischen Geschlechtsmerkmalen sind zudem bestimmte psychische und geistige Merkmale verbunden, wodurch sich Männer und Frauen wesensmäßig unterscheiden. Der Mensch, dessen Wesen seit der Antike als rationales Sinnenwesen bestimmt wird, kommt in zwei verschiedenen Geschlechtern vor, nämlich als Mann und Frau und dieser Unterschied ist nicht ein Unterschied wie zwischen zwei verschiedenen Arten – Männer sind ebenso Menschen wie Frauen – aber gleichwohl ein sehr fundamentaler und grundlegender Unterschied.

Diese Auffassung wird nun von den Gendertheoretikern entschieden bestritten. Obgleich der biologische Unterschied nur sehr schwer zu leugnen ist – was radikale Genderideologen dennoch nicht davon abhält genau dies zu tun, indem sie die biologischen Unterschiede zumindest massiv relativieren – behaupten Gendertheoretiker, es sei purer „Naturalismus“ den Menschen auf seine biologischen Eigenschaften festzulegen. Das Geschlecht sei stattdessen etwas sozial Konstruiertes und könne jederzeit geändert werden. So können kleine Mädchen ebenso gut mit Baggern und Eisenbahnen spielen wie kleine Buben mit Puppen und rosa Ponys. Die Geschlechtlichkeit werde durch Erziehung und zahlreiche soziale Rollen in eine bestimmte Richtung gelenkt. Diese Lenkung oder Konstruktion der Rollen müsse schon im Kleinkindesalter aufgebrochen werden, was dann zur Folge hätte, dass es zahlreiche Geschlechter geben könne, die im Verlauf des Lebens auch wechseln können.

Wir wollen diese Theorien hier nicht weiter ausbreiten. Erstaunlich ist an diesen Theorien, dass sie „Naturalisierung“ oder „Naturalismus“ in einem negativen Sinne verwenden und dies ist immerhin eine Gemeinsamkeit der Genderstudien mit der aristotelisch-scholastischen Philosophie – wenn auch vermutlich die Einzige.

Es gibt allerdings auch in der modernen Ethik eine Kritik am sogenannten „naturalistischen Fehlschluss“ – ein Begriff der von dem englischen Philosophen und Atheisten George Edward Moore (+ 1958) stammt – und sich u.a. gegen die scholastische Auffassung richtet, dass das Sollen aus dem Sein in gewisser Weise folgt.

Die Gendertheorie hat allerdings einen anderen philosophischen Hintergrund als die analytische Philosophie, nämlich den Dekonstruktivismus oder die postmoderne Philosophie. Diese aus Frankreich stammende philosophische Strömung geht, sehr stark verkürzt gesagt, davon aus, dass letztlich alles, was es gibt, durch individuelle und besonders gesellschaftliche Konstruktionen zustande kommt und es keine objektive Wirklichkeit gibt, bzw. das auch das so Bezeichnete nichts anderes als eine gesellschaftliche Konstruktion ist.

Man muss aber kein Dekonstruktivist sein um den Naturalismus in den Geisteswissenschaften zu kritisieren. Es wird stets ein heilloses Unterfangen bleiben, den menschlichen Geist auf neurophysiologische Vorgänge zu reduzieren. Dies wird in der analytischen Philosophie seit etwa 40 Jahren versucht, doch alle Theorien haben sich bisher nicht bewährt. Durch die neuen Ergebnisse der Hirnforschung in den vergangenen Jahrzehnten sind diese philosophischen Bemühungen weiter motiviert worden, doch es ist schon logisch unmöglich, geistige Phänomene wie Begriffe, Propositionen und ähnliches auf etwas Materielles zu reduzieren. Wir werden später sicher häufiger auf dieses Thema zurückkommen und die wesentlichen Argumente vorstellen, die gegen eine Naturalisierung des Geistes sprechen. Empfehlenswert ist das Buch von Edward Feser: Philosophy of Mind. A Beginners Guide das alle wichtigen Theorien gut und objektiv darstellt und zum Schluss die aristotelisch-thomistische Theorie des Hylemorphismus als Lösung des sogenannten Leib-Seele Problems vorschlägt.

Es gibt allerdings Dinge in dieser Welt, die natürlich sind und dazu gehört der Geschlechtsunterschied, der in der Biologie beschrieben wird. Hier in kritischer Weise den Vorwurf der „Naturalisierung“ zu erheben ist in etwa so, als würde man einem Physiker, der die Struktur eines Heliumatoms beschreibt eine „Naturalisierung von Helium“ vorwerfen. Mit dem Menschsein ist die Geschlechtlichkeit mit gegeben. Der Mensch ist weder reiner Geist, noch bloße Biologie. Der Geist formt die Biologie beim Menschen, so wie die Form die Materie bestimmt. Die Materie als potentielles Prinzip empfängt ihre Bestimmung durch die Form und beim Menschen ist die Geistseele diese Form des Körpers. In gewisser Weise trifft es deshalb in der Tat zu, dass die Seele des Menschen auch für das Geschlecht bestimmend ist. In jedem Irrtum findet sich eine Wahrheit.

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