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Donnerstag, 14. Februar 2013

„Menschenverachtend“


Der Vorwurf, eine Meinung, eine Ansicht oder gar eine Handlung sei „menschenverachtend“ gehört heute zu den fast alltäglichen Vorwürfen im politischen und gesellschaftlichen „Diskurs“. Besonders Vertreter aus dem linken politischen Spektrum erheben diesen Vorwurf gegen die verschiedensten Meinungen, wie sie im konservativen und rechten politischen Spektrum verbreitet sind. Ein solcher Vorwurf unterbindet selbstverständlich jeden weiteren Diskurs und erspart demjenigen, der ihn erhebt vor allem weitere Argumente. Erstaunlicherweise (oder auch nicht?) sind es oft gerade diejenigen, die anderen eine menschenverachtende Haltung oder Meinung unterstellen, die keinen objektiven Begriff des Menschen kennen.





Ein objektiver Begriff des Menschen ist ein solcher, der davon ausgeht, dass es ein Wesen des Menschen gibt. Das Wesen bezeichnet dasjenige, was etwas ist und das sich durch die Zugehörigkeit zu einer Art definieren lässt. Die klassische, zweitausendfünfhundert Jahre alte Definition des Menschen ist die, dass der Mensch zoon logon echon ist, wie es bei den Griechen heißt, was von den Lateinern mit animal rationale übersetzt wurde und im deutschen vernunftbegabtes (rationales) Sinneswesen bedeutet. Der Mensch gehört demnach zur Gattung der Sinneswesen, oder der Tiere und die spezifische Differenz, die ihn von allen Tieren radikal unterscheidet, ist die Vernunft, der Verstand, der Intellekt oder wie man dieses Vermögen auch sonst bezeichnen mag.

Wie jedes andere Wesen ist natürlich auch das Wesen des Menschen unveränderlich. Sehr vieles hat sich im Verlauf der Jahrtausende am und mit dem Menschen verändert, nicht jedoch dessen Wesen, an dem diese Veränderungen erfolgt sind. Dieses Wesen ist zudem, ebenfalls wie bei jedem anderen Wesen und wie überhaupt bei jeder Entität, auf ein Ziel oder einen Zweck gerichtet. So wie das Herz derjenigen Lebewesen, die über ein solches Organ verfügen, einen objektiven Zweck hat, nämlich das Blut in alle Organe des Körpers zu pumpen und diese bis in die letzte Zelle mit Sauerstoff zu versorgen, so hat auch der Organismus als ganzer, aber darüber hinaus auch der Mensch als ganzer ein Ziel, auf das hin alle seine Tätigkeiten gerichtet sind.

Was ist dieses Ziel? Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie selbst darauf kommen. Bereits die großen philosophischen Denker der Antike, Platon und Aristoteles, erkannten dieses Ziel in der Glückseligkeit. Der Mensch strebt, bei allem was er tut, stets nach Glück. Er will glücklich sein, zumindest im Letzten, wenn er dafür auch verschiedene Mittel wählen muss, die ihn nicht immer glücklich machen, die aber als Mittel zu einem späteren Glück erforderlich sind. Um sein Glück zu erreichen, muss er seine Persönlichkeit entfalten können, d.h. alle seine verschiedenen Fähigkeiten und Vermögen, allen voran aber die geistigen Vermögen, vervollkommnen.

Was nun konkret dieses Glück ist, worin es besteht, ist nicht unmittelbar und allgemein zu beantworten, doch dies ist auch nicht wichtig. Wichtig ist jedoch, was bereits Platon und Aristoteles wussten, dass es kein wirkliches Glück für den Menschen geben kann, das nur zeitlich begrenzt ist, oder das nur in materiellem Reichtum und Wohlergehen besteht, denn all dies kann wieder genommen werden. „Alle Lust will Ewigkeit“ wusste auch Nietzsche, wenn auch klar sein dürfte, dass Lust niemals Ewigkeit erlangt. Für Platon und Aristoteles, wie für viele Philosophen nach ihnen, war stets klar, dass echte Glückseligkeit nur in der Erkenntnis, der Anschauung des Absoluten bestehen kann. Man könnte auch sagen, in der Einheit und Anschauung Gottes, wobei dieser Begriff Gottes kein Gott irgendeiner bestimmten Religion ist, sondern der Gott der natürlichen Theologie, der sich durch rationale Überlegung erkennen lässt und so auch von Platon und Aristoteles erkannt wurde.

Wenn wir nun diese Überlegungen anwenden auf den Vorwurf, jemand oder etwas sei „menschenverachtend“, dann müsste dieser Vorwurf zuerst und vor allem jemandem oder etwas gelten, der oder das den Menschen an seinem wahren Glück hindert. Abgesehen von einem Mörder, der ganz offensichtlich einem anderen Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung seiner Persönlichkeit beraubt und zwar für immer und der deshalb wirklich menschenverachtend handelt, gilt dies aber auch von sehr vielen anderen Handlungsweisen und auch Meinungen, aus denen Handlungen hervorgehen.

Das, was fast alle linken Denker und auch Nichtdenker auszeichnet (von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen), angefangen bei den Liberalen, über die utopischen Sozialisten, Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong, bis hin zu den heutigen Linken und Liberalen welcher Richtung und Färbung auch immer, ist eine rein materialistische Denk- und Handlungsweise. Diese empfehlen sie allen anderen Menschen als die allein seligmachende und ignorieren damit das Wesen des Menschen, das sich gerade vom Tier dadurch unterscheidet, dass er einen Geist, einen Verstand besitzt, der nach Aristoteles „in gewisser Weise alles ist“. Wenn nun ein Konservativer (ich meine einen echten, von denen es freilich wohl nur noch wenige gibt) bestreitet, dass z.B. die Befriedigung sexueller Lust allein zum Zwecke der Lustbefriedigung der Würde des Menschen als eines rationalen Sinneswesens widerspricht und dies natürlich auch für die Homosexualität gilt und wenn er dafür als „menschenverachtend“ verurteilt wird, fragt man sich, ob nicht vielmehr der Vorwurf bzw. die Verurteilung auf den oder diejenige zurückfällt, der oder die sie ausspricht.

Es ist eine wirklich erhellende Übung, bei den fast täglichen Vorwürfen, jemand oder etwas sei „menschenverachtend“ darauf Acht zu geben, wer diesen Vorwurf erhebt, bzw. aus seinen Äußerungen zu erschließen, aus welchem Menschenbild dieser Vorwurf hervorgeht. Besonders beliebt ist dieser Vorwurf, um einen Namen zu nennen, bei Claudia Roth, überhaupt bei Vertretern der sogenannten „Grünen“. Nach meiner Erfahrung sind die meisten Menschenverachtungsvorwerfer solche, die ein sehr unterentwickeltes Verständnis von der Würde des Menschen besitzen und in den meisten Fällen nicht sagen könnten, was der Mensch ist oder die bestreiten würden, dass der Mensch überhaupt Etwas ist, ein Wesen besitzt (dies gilt insbesondere für die mehr oder weniger philosophisch gebildeten Menschenverachtungsvorwerfer).

1 Kommentar:

  1. Ich danke für diesen Beitrag. Leider sind viele momentan populäre Standpunkte philosophisch reichlich undurchdacht - und widersprüchlich. Wenn Moral allein durch Konsens diktiert wird, lässt sich das aber kaum vermeiden.

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