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Dienstag, 26. Februar 2013

Immaterielle Aspekte des Denkens


In der Philosophie des Geistes versucht man seit Jahrzehnten, alle mentalen Vorgänge, wie sinnliches Wahrnehmen aber auch das Denken rein materiell zu erklären. Dass dies nicht ganz gelingt, ist auch in der Philosophie des Geistes bekannt, doch man hofft, durch die Erweiterung der Erkenntnisse der Neurowissenschaften in Zukunft eine solche vollständige Reduktion aller mentalen Entitäten auf materielle Entitäten durchführen zu können. Am radikalsten sind in dieser Hinsicht die Patricia und Paul Churchland, deren Theorie als Eliminativismus bezeichnet wird, denn sie behaupten, dass es nichts anderes gibt als neuronale Prozesse. In einem soeben erschienen Beitrag des amerikanischen Philosophen Edward Feser mit dem Titel Kripke, Ross and the Immaterial Aspects of Thought wird gezeigt, dass eine Reduktion mentaler Prozesse, insbesondere aber des begrifflichen Denkens auf materielle Prozesse theoretisch unmöglich ist und dass daher die Hoffnung auf weitere Erkenntnisse der Neurowissenschaften hoffnungslos ist.






In der weitgehend analytisch orientierten Philosophie des Geistes stellen besonders drei mentale Phänomene eine Schwierigkeit für das reduktionistische System dar: Bewusstsein, Intentionalität und das Problem der Rationalität. Unter dem ersten Punkt werden vor allem die sogenannten Qualia thematisiert. Was sind Qualia? Darunter versteht man rein subjektive Empfindungen aus der Ersten-Person-Perspektive wie die Empfindung der Süße eines Apfels, oder das Gefühl, von einer Nadel gestochen zu werden, oder wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein (so der Titel des wohl bekanntesten Aufsatzes zu diesem Thema „What i sit like tob e a Bat?“ von Thomas Nagel, einem der wichtigsten und seriösesten Vertreter des Materialismus). Selbst wenn es gelingt, sämtlich neuronalen Aspekte zu erfassen, ist damit nicht geklärt, wie so etwas wie Qualia zu erklären ist, denn es gibt einen Bruch zwischen diesen Qualia und den materiellen, neuronalen Prozessen.

Das zweite Problem für den Materialismus ist die Intentionalität. Darunter versteht man die Gerichtetheit mentaler Aktivitäten. Sehen ist sehen von etwas, riechen ist riechen von etwas usw. Intentionale Akte des Bewusstseins sind stets auf einen Gegenstand gerichtet. Hier besteht die Schwierigkeit darin, dass materielle Vorgänge, seien diese nun neuronal oder sonst wie nach Auffassung der modernen Philosophie nicht auf etwas gerichtet sind. Eine bestimmte Aktivität in den Neuronen ist das, was sie ist auch ohne, dass sie auf etwas anderes gerichtet ist. Mentale Akte hingegen sind gerade dadurch charakterisiert, dass sie immer auf ein Objekt gerichtet sind und ohne diese Gerichtetheit praktisch nichts sind.

Diese Argumente werden seit Jahrzehnten gegen den Materialismus in der Philosophie des Geistes vorgebracht, doch, wie Feser zurecht sagt, sind dies keineswegs die Argumente, die die klassische Philosophie von Platon, über Aristoteles bis hin zu Scholastik und Neuscholastik gegen den Materialismus vorbringt. Denn diese antimaterialistischen Argumente haben eine Voraussetzung, die von der klassischen Philosophie nicht geteilt wird. Es ist die Voraussetzung eines mechanistischen Weltbildes, das für die gesamte neuzeitliche Philosophie bestimmend ist und das darin besteht, dass man die Existenz von internen Zwecke oder Ziele in der Natur bestreitet. Die aristotelisch-thomistische Philosophie hat z.B. keinerlei Probleme damit, sowohl Qualia als auch eine Gerichtetheit als materiell zu kategorisieren. Jeder physische Prozess ist auf eine Wirkung gerichtet, die in der Ursache selbst liegt. Dies wurde an anderer Stelle erläutert. Und Qualia finden sich selbstverständlich bei allen Wesen mit Bewusstsein, also allen höheren Tieren obwohl diese Tiere keine immaterielle Seele haben. Was deshalb diese Argumente einzig und allein zeigen ist, dass Qualia und Intentionalität keine mechanistisch-materialistische Erklärung erlauben.

Weit schwieriger wird allerdings eine materialistische Reduktion in Bezug auf rationale Prozesse und hier war es bereits Aristoteles und besonders Thomas von Aquin die deutlich gezeigt haben, dass z.B. Begriffe oder aus Begriffen zusammengesetzte Aussagen (Propositionen) oder syllogistische Schlussfolgerungen vollkommen immateriell sind und sich schon theoretisch oder logisch nicht auf materielle Prozesse zurückführen lassen. Begriffe und Propositionen sind nämlich immer universal und nicht partikulär. In der materiellen Welt gibt es allerdings nichts universales, nichts allgemeines, sondern immer nur individuelle, partikuläre Entitäten. Der Begriff des Dreiecks unterscheidet sich deshalb grundsätzlich von jedem beliebigen Dreieck, sei dieses mit weißer Kreide auf eine Tafel gezeichnet, von einem jungen Mann mit Farbspray auf eine Wand gesprüht, von einem technischen Zeichner so exakt wie möglich mit technischem Zeichenmaterial auf Papier gezeichnet oder am Computer mit einem Graphikprogramm entworfen. Der Begriff des Dreiecks besteht nämlich darin, dass dies eine geometrische Form ist, deren drei Winkel denen zweier rechter Winkel entsprechen. Jedes gezeichnete und selbst jedes von uns vorgestellte Dreieck ist immer nur eine Annäherung an diese allgemeine Form des Dreiecks, bzw. an den Begriff des Dreiecks. Freilich ist es uns nicht möglich, einen reinen Begriff des Dreiecks zu denken ohne dass dieser Gedanke durch eine Phantasma (eine Vorstellung) begleitet wird. Diese individuelle Vorstellung ist möglicherweise noch materiell erklärbar, niemals jedoch der Begriff selbst.

Dies gilt nicht nur für Begriffe, sondern für alles formale Denken, also auch für Propositionen oder logische Schlussfolgerungen wie die nach der Regel des modus ponens. Solches formale Denken ist immer exakt bestimmt, während keine einzige materielle Entität oder Prozess exakt bestimmt ist. Feser geht in seinem Aufsatz sehr ausführlich auf die verschiedenen Einwände gegen diese Behauptung ein und bezieht sich dabei interessanterweise auf Autoren, die zweifellos nicht zur scholastischen Philosophie oder überhaupt zur klassischen Philosophie gehören, sondern fest in der analytischen Philosophie verankert sind. Insbesondere Saul Kripke und sein sogenanntes quus-Argument werden für die Unbestimmtheit des materiellen angeführt, ebenso aber das sogenannte „grue“ Paradox von Nelson Goodman oder Quines Gedankenexperiment bezüglich der „Gavagai“ Äußerung eines Einheimischen, dessen Sprache ein fremder Beobachter nicht kennt und deren Sinn er aus dessen Verhalten erschließt. Ich kann diese ganze Argumentation hier natürlich nicht wiederholen. Wenn Sie sich dafür interessieren und bereits über gute Vorkenntnisse in der Philosophie verfügen, bzw. gar ein „professional“ sind, kann ich diesen Aufsatz sehr empfehlen. Das Argument für die Immaterialität bestimmter Aspekte des Denkens, auf die Feser Bezug nimmt, stammt übrigens von dem analytischen Thomisten James Ross; allerdings ist dieses Argument schon bei Aristoteles und Thomas zu finden. Feser verteidigt die Argumentation von Ross gegen verschiedene Einwände.

Feser Aufsatz ist erschienen in American Catholic Philosophical Quartely, Vol. 87, No. 1. Die DOI, mit der der Aufsatz leicht zu finden ist, lautet: DOI:10.5840/acpq201287161

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