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Samstag, 24. August 2013

Das Gute ist immer und überall…

In der modernen Moralphilosophie wird die Qualität „das Gute“ häufig als eine außergewöhnliche Eigenschaft dargestellt, die nur moralischen Handlungen zukommt. Dadurch bleibt aber ungeklärt, woher diese Qualität kommt und worin sie ihr ontologisches Fundament hat. Dies wiederum hängt wesentlich damit zusammen, dass die neuzeitliche Moralphilosophie nicht viel für Ontologie und Metaphysik übrig hat und der Auffassung ist, dass man Ethik auch ohne Metaphysik betreiben kann, ja sogar sollte. Die klassische Philosophie ist hier anderer Auffassung.




Die aristotelisch-scholastische Philosophie hat dafür argumentiert, dass Gut eine Eigenschaft ist, die allen Entitäten – Dingen, Ereignissen usw. – zukommt und hat das Gute deshalb als Transzendentalie bezeichnet, als Eigenschaft des Seienden als Seienden. So wie jede Entität eine ist und nicht zwei, so ist jede Entität auch gut. Nur weil das Gute eine solche Eigenschaft des Seins ist, kann es auch eine moralische Eigenschaft sein, oder anders ausgedrückt ist das moralisch Gute nur eine bestimmte Form des Guten.

Doch wie lässt sich dies zeigen? Was ist zum Beispiel das Gute einer Pflanze? Nach der aristotelisch-scholastischen Auffassung ist das Gute das, was von der Pflanze erstrebt wird. Jedes Seiende strebt nach dem ihm eigenen Gut. Für die Pflanze ist das Gute, dass sie die zu ihrem Wachstum und zur Fortpflanzung wichtigen Nährstoffe bekommt. Sie wurzelt in der Erde um daraus die Nährstoffe, insbesondere das Wasser zu holen, das sie für ihre Selbst- und Arterhaltung benötigt. Trockenheit über längere Zeit und daraus folgender Wassermangel ist für die Pflanze schlecht, ein Übel. Entsprechend ist eine gute Pflanze eine solche, die voll im Wachstum steht und ihrer Art voll entspricht und eine schlechte Pflanze ist eine solche, bei der dies nicht zutrifft.

Weit komplexer und differenzierter lässt sich dies bei Tieren zeigen, angefangen von einzelligen Bakterien bis hin zu hochentwickelten Säugetieren. Für jedes dieser Tiere ist das spezifisch Gute dasjenige, was für die jeweilige Art notwendig ist und was sie durch ihre Tätigkeit erstreben. Das Ziel jeder Tätigkeit eines Tieres ist stets das Gute der Art, zu der das Tier gehört. Natürlich strebt das Tier nicht mit reflektiertem Bewusstsein nach dem Guten, sondern ganz natürlich entsprechend seinen Möglichkeiten. Und im Allgemeinen gelingt es den Tieren auch, dieses Gute zu erreichen.

All dieses Gute hat nichts mit Moral oder Ethik zu tun. Es findet sich „immer um überall“, um den Song einer österreichischen Musikgruppe (EAV, glaube ich, war es) abgewandelt zu zitieren, auch im anorganischen Bereich.

Beim moralisch Guten ist der zusätzliche und wesentliche Aspekt, der hinzukommt, die Freiheit. Während das Gute bei allen nicht-menschlichen Entitäten über Dispositionen und Triebe mehr oder weniger automatisch erstrebt wird, aber natürlich auch verfehlt werden kann, kann der Mensch das für ihn Gute falsch beurteilen und damit in seinem Streben in die Irre gehen. Moralisch gut ist das, was der objektiven moralischen Wirklichkeit entspricht und bei der Beurteilung dessen, was ihr entspricht, gibt es die Möglichkeit des Irrtums, eines schuldlosen Irrtums aber auch, weit häufiger, eines schuldhaften Irrtums.

Freilich strebt auch jede menschliche Handlung oder jeder Willensakt nach dem Guten, denn das Böse oder allgemeiner, das Übel, kann man nicht wollen. Wer eine Bank überfällt strebt nach Reichtum und Reichtum ist zweifellos ein Gut. Die Mittel die er dazu einsetzt sind allerdings alles andere als gut – sie entsprechen nicht der moralischen Realität – und somit ist die Handlung selbst und als ganze böse. Allerdings sind wir damit bereits in der Ethik und dazu wollte ich hier eigentlich nichts Weiteres sagen.

Kurz gesagt: Das Gute gründet in dem Seienden als Seienden als eine Seinseigenschaft und bezieht sich sowohl auf das Sein als auch auf die Tätigkeit des Seienden. Ein Seiendes ist gut, insofern es seiend ist und seine Tätigkeit ist gut, insofern sie ihr Ziel erreicht. Dazu könnte und müsste man freilich sehr viel mehr ausführen, aber es handelt sich hier auch nur um einen Blogbeitrag, der dazu anregen kann, selbst darüber weiter nachzudenken.

1 Kommentar:

  1. Man könnte auch sagen: Das Seiende wird als gut erkannt, weil es anstrebbar ist (man kann nur sub ratione boni handeln). Das moralisch Gute besteht aber nicht als spezieller Sektor des ontisch Guten, sondern bezeichnet eine bestimmte Weise, mit dem ontisch Guten umzugehen. Man kann nämlich das ontisch Gute nachhaltig anstreben oder auch kontraproduktiv untergraben.

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