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Freitag, 27. Juni 2014

Kategoriale oder Dispositionseigenschaften

Ein Beispiel für Power / Vermögen / Dispositionen
Eine Debatte in der analytischen Philosophie reflektiert eine viel ältere Diskussion in der scholastischen Philosophie. Gemeint ist die Unterscheidung zwischen kategorialen oder Dispositionseigenschaften. Zumeist wird der Begriff „Disposition“ gleichbedeutend mit „Vermögen“ oder „Kräfte“ verwendet. Es gibt aber Philosophen, die akzeptieren, dass es Dispositionen gibt, die aber bestreiten, dass es Vermögen gibt. Über diesen Punkt wird gegenwärtig in der analytischen Philosophie diskutiert. Die Sache ist folgende: Man kann Dispositionseigenschaften so verstehen, dass es sich um Eigenschaften handelt, die genau dann bestehen, wenn eine bestimmte konditionale Aussage wahr ist. Dies bedeutet z.B., dass wenn ein bestimmter Stimulus gegenwärtig ist, eine bestimmte Manifestation folgt.



Ein Beispiel ist die Wasserlöslichkeit von Salz. Die Disposition, in Wasser löslich zu sein, lässt sich nach dieser Auffassung so ausdrücken, dass sie bedeutet: Wenn Salz in Wasser kommt, löst sich Salz auf. Philosophen die eine Ontologie mit Dispositionen verteidigen, wozu auch die scholastischen Philosophen gehören, bestreiten, dass sich Dispositionen durch solche Konditionale reduzieren lassen. Philosophen, die eine Reduktion von Dispositionen verteidigen, sind hingegen der Auffassung, dass alle Eigenschaften auf kategoriale Eigenschaften reduzierbar sind. Eine kategoriale Eigenschaft ist z.B. grün, oder quadratisch oder raumzeitliche Eigenschaften. Diese Auffassung wird deshalb auch Kategorialismus bezeichnet. Außer den Kategorialisten und den Eigenschaftsdualisten (Philosophen, die kategoriale und dispositionale Eigenschaften annehmen), gibt es seit einigen Jahren auch noch Pan-Dispositionalisten. Diese sind der Auffassung, dass schlechthin alle Eigenschaften Dispositionseigenschaften sind.

David Armstrong, einer der renommiertesten Vertreter der analytischen Ontologie, vertritt die Auffassung, dass sich alle Dispositionen auf kategoriale Eigenschaften reduzieren lassen. Dispositionen wie die Wasserlöslichkeit sind demnach bestimmte kategoriale Eigenschaften in Verbindung mit Naturgesetzen, die diese Disposition von Salz erklären. Ein Einwand gegen Armstrongs Theorie besteht darin, dass Naturgesetze, auch nach Armstrongs Auffassung, nackte Tatsachen sind, die nichts erklären, oder dass sie implizit etwas Ähnliches wie Vermögen oder Kräfte zwischen Eigenschaften voraussetzen. Ein weiterer Einwand gegen Armstrong besteht in dem Hinweis, dass kategoriale Eigenschaften wesentlich epiphänomenal sind, dass sie keinen Unterschied in Bezug zur kausalen Welt ausmachen, d.h. kurz gesagt: Naturgesetze wirken nicht. Die kausalen Merkmale von Naturgesetzen sind extrinsisch, sie sind vollständig abhängig von den Gesetzen, die nach Armstrong diese Merkmale nur kontingent beherrschen.

Diese Überlegungen waren das Motiv für den Pandispositionalismus, der von Stephen Mumford vertreten wird. Denn wenn Dispositionseigenschaften alles tun können, dann sind diese vielleicht die einzige Art von Dingen, die es gibt. Als Beispiel verwendet Mumford klassische Beispiele für kategoriale Eigenschaften, wie eine bestimmte Gestalt. Mumford behauptet nun, dass der Unterschied zwischen der Gestalt eines Messers und eines Balls darin besteht, dass die erstere Dinge schneiden kann und die letztere nicht. Rund zu sein hat die Disposition zu rollen, was ein Würfel nicht hat.

David Armstrong hat seinerseits Argumente gegen den Pandispositionalismus vorgebracht. Er argumentiert, dass die Kausaltheorie des Pandispositionalismus zu einem Zirkel führt: eine Disposition ist dies nur durch Bezug zu einer charakteristischen Manifestation. Doch wenn alle Eigenschaften Dispositionen sind, dann ist auch eine Manifestation eine Disposition. Die Disposition A hervorzubringen, ist dann die Disposition die Disposition von B hervorzubringen, die wiederum die Disposition hervorbringt, die Disposition der Disposition von C hervorzubringen und so weiter.

Mumford hat seinerseits dieses Argument widerlegt (vgl. Mumford und Anjum 2011, S. 6) Ein stärkeres Argument gegen Mumfords Pandispositionalismus scheint mir der Einwand von Jonathan Lowe zu sein, dass sich bei keiner Eigenschaft eine Identität auf der Grundlage eines Pandispositionalismus festlegen lässt. Gegen diesen Einwand wurde von Alexander Bird, einem anderen Vertreter des Pandispositionalismus, eine Lösung vorgeschlagen, die Bezug nimmt auf die mathematische Graph Theory. Dies wird zu kompliziert um es hier näher zu erläutern. Zudem hat David Oderberg (2011 und 2012) dagegen Argumente vorgebracht.

So bleibt letztlich die aristotelisch-thomistische (A-T) Auffassung, dass es sowohl kategoriale, als auch Dispositionseigenschaften gibt, nach wie vor die beste Theorie. Beide Arten von Eigenschaften sind verschieden und in gleicher Weise fundamental. Beide monistischen Auffassungen unterscheiden sich aber auch noch in einer anderen Hinsicht von der klassischen Philosophie: sie sind beide der Auffassung, dass nur das real ist, was aktual ist. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zur A-T- Philosophie, die der Auffassung ist, dass auch Potenzen real sind. Der Scholastiker unterscheidet zwischen logischen Potenzen und realen Potenzen. Nichtrealisierte Potenzen oder possibilia gehören zu den logischen Potenzen, während kausale Vermögen nicht aktual sind (wie Mumford behauptet), sondern reale Potenzen.

Mit dem nächsten Beitrag, der, wie dieser, eine Zusammenfassung des Buches von Edward Feser: Scholastic Metaphysics sein wird, werde ich mich dann der A-T Kausaltheorie zuwenden.




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