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Mittwoch, 13. August 2014

Kausalgesetz und Newtons Trägheitsgesetz



Ein weiterer Einwand gegen das aristotelisch-scholastische Kausalprinzip geht zurück auf das von Newton entdeckte Trägheitsgesetz. Thomas von Aquin verwendet als Prämisse für seinen ersten Gottesbeweis den Satz: „Alles was sich in Bewegung befindet wird durch etwas anderes in Bewegung gebracht.“ Dies ist eine andere Formulierung des Kausalprinzips. Seit langem wird nun behauptet, dass Newtons Trägheitsgesetz dieses Prinzip widerlegt habe. Das Gesetz lautet bekanntlich: „„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“




Zunächst lässt sich dagegen behaupten, dass es keinen formalen Widerspruch zwischen den Kausalprinzip und dem Newtonschen Gesetz gibt, selbst dann nicht, wenn wir den Begriff der „Bewegung“ in beiden Formulierungen im selben Sinne verstehen. Newtons Gesetz besagt, dass ein Körper in einer gleichförmigen und gradlinigen Bewegung verharren wird, wenn er überhaupt bewegt wird und solange keine äußeren Kräfte den Körper daran hindern. Das Gesetz sagt nichts darüber, warum der Körper sich so verhält. Es sagt zum Beispiel nichts über etwas oder jemanden, der den Körper bewegt.

Wichtiger allerdings als dieses Argument gegen den Einwand zum Kausalprinzip ist, dass in beiden Gesetzen nicht über dieselbe Sache geredet wird oder zumindest nicht über genau dieselbe Sache. Newtons Gesetz sagt nur etwas über die Ortbewegung, d.h. die Veränderung eines Körpers hinsichtlich des Ortes. Scholastiker hingegen verstehen unter Bewegung ganz verschiedene Arten von Veränderungen, z.B. das Werden, die substanzielle oder die akzidentelle Veränderung, von denen die Ortsveränderung nur eine bestimmte Art ist. Damit falsifiziert die Newtonsche Mechanik also keineswegs das scholastische Kausalprinzip, sondern es macht überhaupt gar keinen Gebrauch von diesem Gesetz.

Drittens kann man sogar zeigen, dass das Newtonsche Gesetz in einem bestimmten Sinne einen bestimmten Aspekt des scholastischen Prinzips implizit bestätigt. Denn insofern als die moderne Physik eine gleichförmige Bewegung als einen „Zustand“ bestimmt, behandelt sie diese Bewegung als Abwesenheit von Veränderung; ein Zustand ist ja gerade keine Veränderung. Newtons Gesetz behauptet, das äußere Kräfte erforderlich sind um einen Körper von diesem „Zustand“ zu bewegen und deshalb eine Veränderung hervorzubringen. Und insofern gibt es keinerlei Konflikt mit dem Kausalprinzip, das behauptet, dass Bewegung, d.h. jede Art der Veränderung, etwas erfordert, das diese Veränderung verursacht.

Viertens: Wenn Newton somit näher mit dem Aristotelismus verbunden ist als häufig angenommen, dann sind auch die Aristoteliker (oder zumindest Aristoteles und Thomas von Aquin) enger mit Newton verbunden als häufig angenommen. So hat beispielsweise der bedeutende Philosophiehistoriker James Weisheipl gezeigt, dass die Vorstellung, dass Aristoteles und Thomas der Auffassung waren, dass kein Objekt in einer örtlichen Bewegung verharren kann, außer ein Beweger hält das Objekt ständig in Bewegung, so etwas wie ein moderner Mythos ist. In der Tat gab es eine solche Vorstellung im Mittelalter und zwar von Seiten des einflussreichen islamischen Philosophen Averroes und einiger Scholastiker, aber nicht von Seiten Aristoteles‘ und Thomas von Aquins.

Das wichtigste Argument gegen den Einwand gegen das Kausalgesetz von Seiten des Newtonschen Trägheitsgesetzes ist allerdings das Argument, das wir bereits mehrfach wiederholt haben, dass nämlich die Physik nicht in der Lage ist, auch nur annähernd so etwas wie eine vollständige Beschreibung der Natur zu liefern, sondern dass sie von allem abstrahiert, was nicht mathematisiert werden kann. Deshalb kann weder die Newtonsche Mechanik noch irgendeine andere physikalische Theorie etwas gegen das Kausalprinzip einwenden.

In meinem nächsten Beitrag werde ich dies anhand verschiedener Einwände gegen das Kausalgesetz auf der Grundlage der Quantenmechanik zu zeigen versuchen (natürlich wie immer und auch in diesem Beitrag, entlang des Buches von Edward Feser: Scholastik Metaphysics. AContemporary Introduction). 

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