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Mittwoch, 20. April 2016

Der intelligente Designer



Insbesondere in den USA sind Argumente für die Existenz Gottes verbreitet, die unter dem Begriff „teleologische Gottesbeweise“ zusammengefasst werden. Diese Beweise gehen zurück auf den anglikanischen Pfarrer William Paley Sie unterscheiden sich grundsätzlich vom bekannten „fünften Weg“  Thomas von Aquins, obwohl sie bedauerlicherweise immer wieder mit diesem Gottesbeweis von Thomas in denselben Topf geworfen werden. Gemeinsam ist beiden Argumenten für die Existenz Gottes nur, dass sie von der alltäglichen Erfahrung ausgehen, dass viele lebendige Vorgänge in der Natur offensichtlich zielgerichtet sind.



So verfolgen Tiere bei der Nahrungssuche gezielt die Nahrungsmittel, die zu ihrer Selbsterhaltung zuträglich sind. William Paley vergleicht die zweckvolle Einrichtung der Natur mit einem vom Menschen hergestellten Gegenstand. Wenn jemand, so Paley, in der Wüste einen bearbeiteten Stein oder eine Uhr oder ein schön geformtes Metallstück findet, so wird er unmittelbar daraus schließen, dass dieser Gegenstand von einem intelligenten Wesen dort hinterlassen wurde. Viel vollkommener und zweckvoller sind aber die Erscheinungen der Natur. Deshalb muss man daraus schließen, dass auch diese Dinge der Natur – die Pflanzen und Tiere und erst recht der Mensch – von einem intelligenten Wesen geschaffen worden sind.

Im Gefolge von William Paley hat sich im 20. Jahrhundert dann eine Theorie entwickelt, die heute zumeist unter dem Begriff des „Intelligent Design“ (ID) zusammengefasst wird. Diese Theorie konzentriert sich besonders auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie und stellt deren Ergebnisse und Ansprüche zumindest teilweise in Frage. Stattdessen behauptet die ID-Theorie, dass die gesamte Evolution von Anfang an darauf gerichtet war, intelligente Wesen wie den Menschen hervorzubringen. Dazu werden Erkenntnisse der Naturwissenschaft, v.a. der Biologie, herangezogen und in dieser Weise neu interpretiert. Die Argumente sind folglich induktiv, d.h. sie gehen von empirischen Erfahrungen aus und folgern daraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass das evolutionäre Geschehen von einem intelligenten Designer von außen gesteuert wird. Hier liegt ein Unterschied zu den Argumenten Thomas von Aquins und auch des ontologischen Gottesbeweises, die deduktiv sind.

Für die Tatsache eines intelligenten Designers werden besonders komplexe Phänomene herangezogen. Dazu zählt zunächst die ungeheure Komplexität des Universums selbst, aber auch bestimmte Organe wie das Auge. Die ID-Theoretiker, wie bereits Paley, versuchen nun zu zeigen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass eine solche Komplexität allein durch Zufall entstanden sein kann. Dies wäre vergleichbar mit der Behauptung, dass ein Gedicht von William Shakespeare allein durch das Durcheinander würfeln von einigen Tausend Buchstaben entstehen könnte. Da die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur ein einziger sinnvoller Satz durch ein solches zufälliges Geschehen entstehen könnte, sehr gering ist und die Komplexität natürlicher Phänomene sehr viel höher ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass solche Lebewesen allein durch Mutation und Selektion – wie von der Evolutionstheorie behauptet – entstehen, noch weit geringer. Dies aber spricht nach Auffassung der ID-Theorie für einen intelligenten Designer, den viele ID-Theoeretiker mit Gott identifizieren.

Diese Theorie, die vor allem auf Analogien zwischen menschlicher Herstellung und Schöpfung beruht, ist auf den ersten Blick sehr einleuchtend, und hat deshalb unter Christen verschiedenster Konfession, aber auch unter Moslems und Juden, eine gewisse Verbreitung gefunden.

Das Argument lässt sich auf folgende Weise zusammenfassen (Winfried Löffler: Einführung in die Religionsphilosophie, 2013, S. 69)

„1. Verschiedene Naturphänomene sind nur erklärbar, wenn man sie als Resultat von intelligenter Planung betrachtet.
2. Jede intelligente Planung verweist auf eine planende Intelligenz.
3. Die planende Intelligenz liegt nicht in diesen Phänomenen selbst.
4. Also gibt es eine planende Intelligenz außerhalb dieser Phänomene.
5. Diese planende Intelligenz kann mit Gott im Sinne des Theismus gleichgesetzt werden.“

Als Scholastiker halte ich dieses Argument für schwach. Nicht umsonst haben sich die sogenannten „Neuen Atheisten“ besonders intensiv auf die Argumente der ID-Theoretiker gestürzt, zumal sie glauben, dass sie damit auch die klassischen Gottesbeweise erledigt haben. Dies ist allerdings nicht der Fall.

Zunächst kann man als Thomist einwenden, dass die ID-Argumente für die Existenz Gottes sicher nicht einen Gott im Sinne des klassischen Gottesbegriffs beweisen, wie er sich in allen drei Offenbarungsreligionen findet. Bestenfalls wird ein intelligenter Baumeister bewiesen, der den ganzen Weltverlauf steuert. Dies ist aber der Gott des Deismus, also ein Gott, der wie ein menschlicher Ingenieur, nur eben extrem mächtig und intelligent, die Welt konstruiert hat wie eine hoch komplexe Maschine, die dann anschließend ohne göttliches „Eingreifen“ ihr Programm abspielt. Der ID-Theorie liegt eine mehr oder weniger ausgeprägte Identifizierung von artifiziellen (vom Menschen hergestellten) Entitäten mit natürlichen Entitäten zugrunde. Doch beide Arten von Entitäten sind metaphysisch grundsätzlich verschieden.

Damit ist ein weiteres Argument gegen die ID-Theorie verbunden, nämlich der Vorwurf, dass dieser Gott ein „Lückenbüßer-Gott“ ist. Die Argumente der ID-Theorie nehmen direkt Bezug auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse, auf empirische Daten. Nach dem derzeitigen Stand der Naturwissenschaft gibt es zahlreiche Phänomene, insbesondere komplexe Phänomene wie das Auge, der Entstehung in der Evolutionsgeschichte nicht vollständig zu erklären sind. Hier setzt die ID-Theorie an und versucht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu zeigen, dass solche Phänomene nicht durch Zufalls erklärbar sind, sondern auf ein intelligentes Wesen verweisen. Allerdings kann es jederzeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben – zumindest grundsätzlich – die die Wahrscheinlichkeit für eine naturwissenschaftliche Erklärung deutlich erhöhen. Zumindest prinzipiell ist eine spontane Entstehung komplexer Entitäten nicht ausgeschlossen. Der fünfte Weg Thomas von Aquins ist von einem solchen Einwand völlig unberührt. Selbst wenn eines Tages die gesamte Evolutionstheorie als wahr erwiesen werden sollte (was ich für mehr als unwahrscheinlich halte), wäre damit nichts gegen das fünfte Argument für die Existenz Gottes bei Thomas gesagt.

Ein grundsätzliches Argument gegen die ID-Theorie und William Paley ist allerdings, dass diese Theorie die gleichen „mechanistischen“ Voraussetzungen der modernen Weltauffassung, des Szientismus, teilt. Diese Voraussetzung ist insbesondere die fehlende ontologische Unterscheidung zwischen Artefakten und natürlichen Entitäten und dies steht wieder im engen Zusammenhang mit der fehlenden Unterscheidung von interner und externer Finalität. Nach thomistischer Theorie haben die lebendigen Entitäten eine interne, aus ihrem Wesen folgende zielgerichtete Tätigkeit, die zunächst völlig unabhängig von der Existenz Gottes beschrieben und untersucht werden kann, genauso, wie jede andere Kausalität ohne Bezugnahme auf Gott untersucht werden kann, obwohl Thomas von Aquin in den beiden ersten Argumenten für die Existenz Gottes auch auf die Wirkursache Bezug nimmt und durch zusätzliche Argumente zur Existenz Gottes führt. Aristoteles, von dem die Theorie der internen Finalität stammt, hat daraus kein Argument für die Existenz Gottes abgeleitet. Dies ist nur möglich, wenn man Finalität im Sinne einer bewussten, den Dingen äußerlichen Ziel- und Zweckgerichtetheit versteht, wie dies bei Platon oder auch bei Newton und verschiedenen Deisten des 17. und 18. Jahrhunderts der Fall ist.

Nach der aristotelisch-thomistischen Philosophie ist die ID-Theorie nicht nur unvollständig, sondern schlicht falsch und deshalb nicht akzeptabel, schreibt Rafael Hüntelmann im jüngsten Band des Grundkurs Philosophie deshalb zu Recht. Hier finden Sie auch weitere Argumente, die ausführlicher begründet werden, als dies in einem Blogbeitrag möglich ist.

Kommentare:

  1. Wieso ist ID induktiv und der hl. Thomas deduktiv. Das ist leider nicht nachvollziehbar und geht auch aus dem Aufsatz nicht hervor.

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  2. Ein deduktiver Beweis geht von einer allgemeinen Prämisse aus, wie z.B.: "Alles was sich verändert, ist auf ein Ziel gerichtet". Eine induktive Prämisse geht von einer oder meist von mehreren empirischen Erkenntnissen aus, z.B. einer solchen der Naturwissenschaft aus. Induktive Beweise sind deshalb immer wahrscheinlich im Gegensatz zu deduktiven Beweisen, die "zwingend" sind, also notwendig, sofern die Prämissen zutreffen. Wenn Sie die Beweise der ID mit den "fünf Wegen" von Thomas vergleichen, fällt Ihnen dieser Unterschied sicher auf. Bei der ID-Theorie verwendet man z.B. sehr komplexe Entitäten, wie das Auge, die DNS oder das Universum als ganzes und beweist dann z.B. mit Hilfe der Mathematik, wie wahrscheinlich es ist, dass ein solches komplexes Gebilde spontan, bzw. zufällig entsteht. Dies ist ein empirischer, induktiver Beweis.

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  3. Ich habe den Eindruck, ID wird hier vollkommen missverstanden. ID will kein Gottesbeweis sein. ID will vor allem zeigen, dass das Leben sich nicht allein durch Zufall und Selektion bzw. Naturgesetze entwickelt haben kann. Hier geht es z.B. darum, welche Art von Komplexität die Zell- und DNA-Forschung finden.
    ID ist also keinesfalls Religionsphilosophie, sondern es sind Theorieansätze von Naturwissenschaftlern wie Michael Behe (Darwin´s Black Box), Bildungskritik (Jonathan Wells, Zombie Science) Wissenschaftsphilosophie (Stephen C. Meyer Darwin´s Doubt). Viele ID-Vertreter bekennen sich zum Glauben, aber nicht alle.
    Man kann auch der Meinung sein, dass die Welt derzeit wohl viel dringender als einen Gottesbeweis (der von der Naturwissenschaft ohnehin ignoriert wird) eine offizielle Anerkennung der Falsifizierung der Evolutionslehre braucht. "ID" als Markenname ist wohl eher dem Umstand geschuldet, dass die Wissenschaft verlangt, dass der, der eine Theorie angreift, eine bessere zur Hand haben soll.

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  4. ID ist erbittertster (und manchmal auch polemischer) Kritiker der "Neuen Atheisten" und von Darwins Evolutionslehre. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass sie von diesen massiv angegriffen werden. Es ist jedoch empfehlenswert, zum Beispiel auf der Seite Evolutionnews.org mal die Antworten auf diese Kritiken zu lesen.

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  5. Sie haben Recht. Ich habe aber auch nicht behauptet, dass ID primär ein Gottesbeweis ist, sondern dass es einen Gottesbeweis auf der Grundlage der ID gibt, der historisch auf den anglikanischen Pfarrer Pailey zurückgeht. Meine Kritik richtet sich vor allem gegen die Theorie einer externen Finalität. Ich glaube nicht, dass man auf diese Weise der Evolutionstheorie bzw. dem Evolutionismus angemessen begegnen kann.

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