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Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wasser, Angela Merkel, Ontologie und Erkenntnistheorie und der liebe Gott



Stellen wir uns vor, wir treffen einen klugen Menschen der aber nie eine Schule besucht hat und daher nicht weiß, dass Wasser H2O ist. Er kann Ihnen alles über Wasser sagen, z.B., dass es bei normaler Zimmertemperatur flüssig ist, dass es sich um eine klare Flüssigkeit handelt, dass Wasser bei niedrigeren Temperaturen friert und wenn man es kocht gasförmig wird, und dass es von allen Lebewesen zum Leben notwendig ist. Sie sagen diesem klugen Menschen jetzt, dass Wasser die molekulare Struktur H2O hat. Doch er will davon nichts wissen. Er bestreitet, dass es so etwas wie eine „molekulare Struktur“ gibt und behauptet fest, dass Wasser nichts anderes ist als eine durchsichtige, klare Flüssigkeit, die gefrieren kann und auch gasförmig werden kann. Die Frage lautet nun: Meint der kluge Mann etwas Anderes als Wasser, wenn er nichts von der molekularen Struktur des Wassers weiß?



Auf jeden Fall kann man sagen, dass der kluge Mann eine unvollständige Erkenntnis von Wasser hat, denn das Wissen darum, dass Wasser H2O ist, ist umfassender als wenn man dies nicht weiß. Allerdings gibt es kein vollständiges Wissen, zumindest gibt es kein vollständiges Wissen von materiellen Gegenständen. Die einzigen Gegenstände, die wir vollständig erkennen können, sind mathematische und geometrische Gegenstände. Aber was Wasser, oder eine Zitrone, ein Schäferhund oder Angela Merkel ist, können wir nicht auch nur annähernd vollständig erkennen. Zu einer vollständigen Erkenntnis würde, wie Thomas von Aquin sagt, gehören, dass wir den Ursprung, die Erschaffung dieser Dinge erkennen können, was unmöglich ist, weil wir dann in der Lage sein müssten, diese Dinge selbst aus dem Nichts zu erschaffen. Unsere Erkenntnis ist in diesem Sinne immer nur sehr oberflächlich.

Das gilt natürlich auch von Wasser. Es gibt aber eine vollständigere Erkenntnis von Wasser und eine weniger vollständige Erkenntnis. Bevor wir wussten, dass Wasser H2O ist, wussten wir bereits viel über Wasser. Doch es wäre möglich, dass die Eigenschaften die man dem Wasser zuschreibt – klare Flüssigkeit, die bei Kälte gefriert und bei Hitze gasförmig wird etc. – auch möglicherweise auf andere Flüssigkeiten zutreffen könnte. Erst wenn wir wissen, dass Wasser H2O ist, können wir das Wesen von Wasser unzweideutig erkennen und identifizieren. Wenn etwas Wasser ist, dann ist es H2O und zwar in allen „möglichen Welten“, d.h. es kann kein Wasser geben, dass nicht die molekulare Struktur H2O hat.

Man kann also sagen, dass der kluge Mann eine unvollständige Erkenntnis von Wasser hat und dass er sich nicht als so klug erweist, wenn er nicht bereit ist zu lernen, dass das, was er als Wasser kennt, H2O ist. Aber man wird wohl kaum behaupten wollen, dass er etwas Anderes meint, wenn er von Wasser spricht als wir, wenn wir Wasser als H2O bezeichnen. Dies würde nämlich bedeuten, dass die Menschen früherer Zeiten, die die molekulare Struktur von Wasser nicht kannten, sich nicht auf Wasser in unserem Sinne bezogen hätten, wenn sie das Wort „Wasser“ gebrauchten, sondern auf etwas völlig anderes.

Man kann dies auch auf andere Gegenstände anwenden. Nehmen wir an, einem guten Bekannter von Angela Merkel, der sie schon seit vielen Jahren kennt, aber, warum auch immer, nicht mitbekommen hat, dass sie Bundeskanzlerin ist, wird erzählt, dass Angela Merkel seit vielen Jahren Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist. Er wird denken, dass es sich dabei um eine andere Angela Merkel handelt als um die, die er seit vielen Jahren kennt. Er hat zweifellos eine mangelhafte Kenntnis von Angela Merkel, selbst dann, wenn er viele Details aus ihrem Leben kennt, die der gewöhnliche Bürger unseres Landes nicht kennt. Gleichwohl wird man wohl kaum bestreiten, dass sich der Bekannte von Frau Merkel auf dieselbe Person bezieht, wenn er von „Merkel“ spricht, wie wir, wenn wir von der Bundeskanzlerin sprechen.

Es handelt sich bei diesem Problem unter anderem um den Unterschied zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie. Es ist durchaus möglich, dass wir eine bestimmte Entität E sehr unvollständig erkennen, aber gleichwohl die gleiche Entität meinen, wie jemand, der diese Entität vollständiger bzw. besser kennt. Eine mangelhafte und unzureichende Erkenntnis von E bedeutet nicht, dass eine Person mit einer solchen mangelhaften Erkenntnis nicht E sondern F erkennt.

Warum schreibe ich dies alles? In den vergangenen Wochen wurden wir zahlreiche E-Mails von wohlwollenden Menschen zugesandt, die gegen die Auffassung protestierten, dass Moslems und Christen denselben Gott anbeten. Alle Argumente und Einwände gegen meine Darstellung hatten etwas anderes im Sinn als das, was ich zu sagen versucht habe, nämlich genau das, was ich zuvor am Beispiel des Wassers und Frau Merkels beispielhaft erläutert habe. Es wurde in den E-Mails betont, dass Gott die Liebe ist und dass dieses Wesen Gottes nur denkbar ist, wenn ein Gott in drei Personen existiert, was von den Moslems nicht nur nicht erkannt, sondern ausdrücklich geleugnet wird. All das ist zweifellos richtig. Doch wie bei der Kenntnis von Wasser als H2O und Angela Merkels als Bundeskanzlerin, ändert dies nichts daran, dass es sich ontologisch bei dem, was die Moslems über Gott sagen – allmächtig, allwissend, ewig, unendlich, reiner Geist etc. – um Bestimmungen des einen Gottes handelt. Der Moslem bezieht sich auf denselben Gott wie der Christ, allerdings in sehr unvollständiger Weise, ebenso wie der kluge Mann, der nicht weiß, dass Wasser H2O ist, sich auf Wasser bezieht und der Bekannte Merkels, der nicht mitbekommen hat, dass sie Bundeskanzlerin ist, sich auf Merkel bezieht. Freilich in sehr mangelhafter Weise. Erkenntnistheoretisch ist das, was ein Moslem von Gott behauptet etwas anderes, als das, was ein Christ von Gott behauptet. Das Gleiche gilt für den klugen Mann und den Bekannten von Angela Merkel. Epistemisch behauptet der Moslem nämlich von Gott, dass Gott A, B, C, D und E ist, dass er aber nicht X, Y und Z ist. Der Christ behauptet, dass Gott A, B, C, D und E, dass Gott aber ebenso X, Y, und Z ist. Deshalb handelt es sich erkenntnistheoretisch um zwei verschiedene Entitäten, denn die Beschreibung Gottes durch den Moslem ist eine andere (unvollständige) als die des Christen. Ontologisch allerdings beziehen sich beide Beschreibungen auf ein und denselben Gott, wobei die Beschreibung des Christen vollständiger ist, als die des Moslems. Dieser Unterschied zwischen den Ebenen der Ontologie und der Erkenntnistheorie wird in den E-Mails übersehen, doch dies ist nichts Außergewöhnliches, sondern insbesondere für die neuzeitliche Philosophie geradezu typisch. Ich wollte dies hier nur ein wenig klarstellen, auch wenn ich mir sicher bin, dass die Meisten, die mir geschrieben haben, sich auch durch diese Argumente kaum von ihrer Überzeugung abbringen lassen werden, dass die Moslems einen anderen Gott anbeten als die Christen.

Kommentare:

  1. Ganz hervorragend, vielen Dank!

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  2. "verteufelt gescheit, aber er hat nicht Recht", würde Ödön von Horvàth dazu sagen. Wenn der Morgenstern und der Abendstern beide die Venus sind, aber eben doch nicht der gleiche Stern, dann sollte man so ehrlich sein und sagen: Sie sind nicht gleich. Wer nicht glauben kann, dass Gott Sich gerade im Leiden als Gott zeigt, weil Jesus angeblich nicht gekreuzigt worden sei, der spaziert an Gott vorbei statt an Ihn zu glauben. Man könnte sagen, sie beten Denselben an aber glauben nicht an Denselben. Aber dann ist das, woran sie glauben, nicht der Gott, den man für dieses elende Leben brauchen kann. Genau wie wenn mir der Abendstern am Morgen nichts nützt, weil er nicht scheint. Er hat nicht die gleiche Funktion, mag er siebenmal derselbe sein. Noch gar nicht gerechnet die vielen Ignoranten, die von Planeten nichts wissen wollen und die vielen Gewalttäter, die im Namen Gottes Menschen abschlachten.

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    1. Nix da. Er hat Recht. Was Gott angeht: Es kann nur einen geben. Heilig, gescheit.

      Und die Moslems meinen ja auch denselben. Jeden Tag bete ich zum Herrn, daß er auch ihnen seine Dreifaltigkeit offenbart. Es ist, wie es ist: Die katholische Theologie ist in ihrer umfassenden und tiefen Tradition haushoch überlegen, sie ist geradezu wunderbar und ein Zeugnis für die Kirche. Und dieses Wissen glaubend anzunehmen, davon sind die Moslems nur so fern, wie es Gottes Ratschluß entspricht. Sie werden es erlangen. Dessen bin ich gewiß.

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