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Donnerstag, 9. Februar 2017

Objektiv moralisch gut



Wenn wir über moralische Fragen streiten, dann setzt dies eigentlich voraus, dass es eine objektive Wahrheit auch in moralischen Fragen gibt. Eigentlich. Doch seit Jahrhunderten wird von Seiten der meisten Philosophen gerade das bestritten. Wenn sie nicht wie David Hume behaupten, dass es bei moralischen Diskussionen nur darum geht, die persönlichen Vorlieben gegenüber anderen durchzusetzen, dann sind sie doch fest überzeugt, dass moralische Fragen kein Fundament in der uns umgebenden Wirklichkeit haben, sondern bestenfalls in der Übereinstimmung einer Mehrheit von Menschen. Im vorherigen Blogbeitrag habe ich dafür argumentiert, dass „gut“ eine objektive, von uns unabhängige Qualität ist. Allerdings habe ich noch keine Argumente dafür angeführt, dass es auch ein objektiv moralisches Gut gibt, aus dem sich moralische Rechte und Pflichten ergeben.



Unter „objektiv“ verstehe ich, um dies zuvor noch einmal zu wiederholen, solche Rechte und Pflichten, die aus der dritten Person Perspektive bestehen, die also unabhängig von persönlichen Präferenzen und Wünschen bestehen.

Von woher ergeben sich solche objektiven Rechte und Pflichten? Sie müssen ein ontologisches Fundament haben, d.h. sie müssen in dem gründen, was der Mensch als Mensch ist, sie müssen in der Natur oder dem Wesen des Menschen ihren Grund haben. Nehmen wir ein schlichtes Beispiel: Wie bei den allermeisten Tieren gehört es zum Menschen, dass er etwas trinke muss. Er hat Durst. Daraus folgt, dass er dieses Bedürfnis erfüllen muss, um am Leben zu bleiben, um sich zu erhalten. Wenn wir dies verallgemeinern, dann können wir sagen, dass jede Handlung und auch die freien menschlichen Handlungen, danach streben, etwas zu verbessern. Wer Durst hat, der sucht sich etwas, dass er trinken kann um so den Zustand des Durstes zumindest vorübergehend zu verbessern, den Durst zu stillen. Dieses Beispiel ist allerdings noch nichts spezifisch Menschliches. Auch Tiere trinken und verbessern dadurch ihren Zustand. Aus folgt aus der animalischen Natur der Lebewesen, dass sie trinken müssen. Dieses Bedürfnis hängt also mit der Natur der Lebewesen zusammen. Die Natur ist auch beim Menschen das ontologische Fundament für seine Rechte und Pflichten. Der Mensch hat als Sinneswesen das Recht, zu trinken. Nun, das ist nicht besonderes und unterscheidet uns auch nicht von den Tieren.

Das, was objektiv moralisch gut ist, ergibt sich aus der Natur des Menschen, aus seinem Wesen als Mensch. Und was ist das Wesen, die Natur des Menschen? Mit den Tieren hat der Mensch gemeinsam, dass er ein Sinneswesen ist. Dies ist der Gattungsbegriff. Doch er unterscheidet sich fundamental von den Tieren dadurch, dass er rational ist, dass er zumindest dem Vermögen nach Vernunft besitzt. Deshalb wird der Mensch schon seit der Antike als rationales Sinneswesen definiert, als vernunftbegabtes Sinneswesen. Das was moralisch gut für den Menschen ist, ergibt sich deshalb und in erster Linie aus seiner rationalen Natur. Auch wenn sehr viele Bedürfnisse des Menschen den Bedürfnissen der Tiere sehr ähnlich sind, so sind sie doch dadurch von den tierischen Bedürfnissen wesentlich verschieden, weil sie durch die Rationalität bestimmt werden. Der Mensch trinkt nicht einfach nur, um den Durst zu löschen, sondern mit dem Trinken sind kulturelle und soziale Bedürfnisse verbunden. Wir trinken nicht einfach aus einer Pfütze oder einem Fluss, sondern aus einem Glas oder einer Tasse. Wir brauen Bier und keltern Wein, um diesen zu genießen usw. Alles was der Mensch tut, ist durch die Rationalität überformt.

Durch unsere rational geleiteten Handlungen versuchen wir, unser Leben und letztlich unsere Natur zu verbessern oder zu vervollkommnen. Wir haben nicht nur einfach unser Wesen, sondern wir müssen diesen Wesen, diese unsere Natur ständig vervollkommnen, sie ist nicht nur gegeben, sondern aufgegeben. Und daraus ergibt sich nun das, was für den Menschen gut ist. Objektiv gut für den Menschen ist, ganz einfach gesagt das, was ihn „menschlicher“ macht, was zur Entfaltung, zur Vervollkommnung seiner menschlichen Natur beiträgt. Und so ist umgekehrt das schlecht oder böse, was der menschlichen Natur schadet, was diese nicht zur Entfaltung bringt, sondern verkümmern lässt. Das Maß für das, was für den Menschen objektiv gut ist, ist also die menschliche Natur. Und diese Natur haben wir uns nicht selbst gegeben, wir haben uns nicht als Menschen erschaffen und wir haben auch nicht bestimmt, was der Mensch ist. Nietzsche hat nicht recht, wenn er meint – was heute viele postmoderne und konstruktivistische Philosophen meinen -, dass der Mensch das „nicht festgestellte Tier“ ist. Das was der Mensch ist, steht fest und dies ist das Maß für das, was für den Menschen gut ist und es ist das Maß für die Ziele und Zwecke, die der Mensch verfolgen sollte, um seine Natur zu erfüllen, um menschlich zu werden oder anders gesagt, seine Natur, sich selbst zu verwirklichen im richtig verstandenen Sinne von „Selbstverwirklichung“.

Aus der menschlichen Natur als rationalem Sinneswesen ergeben sich objektive Ziele und Zwecke. Tiere und Pflanzen haben ebenfalls objektive Ziele und Zwecke, die sie in ihren Tätigkeiten verwirklichen. Doch sie können nicht anders, als das zu tun, was ihnen von ihrer Natur her vorgegeben wird. Sie verfolgen ihre Ziele und Zwecke aus einem inneren Antrieb und erreichen ihre Ziele in den meisten Fällen. Beim Menschen ist dies anders und daran liegt es letztlich, dass der Mensch moralisch oder unmoralisch handeln kann. Der Mensch muss, oder besser, kann seine Ziele frei verfolgen. Doch dabei kann es sich auch irren. Er kann etwas für gut halten, was in Wirklichkeit nicht gut ist und seiner Natur schadet. Bei Kindern, deren Vernunft noch nicht voll ausgebildet ist, kennen wir dies. Wenn die Eltern dem Kind nicht sagen, dass nach einem Eis Schluss ist, würde es soviel Eis essen, bis ihm übel wird und es Kopfschmerzen bekommt. Einem jungen Tier würde so etwas nicht passieren. Doch nicht nur bei Kindern gibt es eine mangelnde Erkenntnis der Folgen ihres Tuns, sondern auch bei Erwachsenen. Unvollständige Erkenntnis kann dazu führen, dass wir etwas für gut halten und danach streben, obwohl es objektiv schlecht und böse ist. Es gibt aber auch verschiedene andere Gründe, warum wir Böses tun. Ein häufiger Grund ist die Willensschwäche. Wir wissen zwar, dass diese bestimmte Handlung moralisch böse ist, doch wir tun es trotzdem, weil die Versuchung so stark ist, dass wir nicht widerstehen können.

So viel zunächst zur Antwort auf die Frage, ob es auch ein objektiv moralisches Gut gibt. Das Argument sieht kurz gefasst folgendermaßen aus:

1.     Es gibt eine objektive menschliche Natur
2.     Aus der Natur einer Entität folgen objektive Ziele und Zwecke
3.     Auch aus der menschlichen Natur (rationales Sinneswesen) folgen objektive Ziele und Zwecke
4.     Die Ziele und Zwecke, die aus der Natur folgen, sind das objektiv Gute

1 Kommentar:

  1. "Naturgemäß" heißt beim Menschen "vernunftgemäß". Das moralisch richtige Handeln ist vernunftgemäßes Handeln. Dann aber kommt es darauf an, genau zu bestimmen, was "vernunftgemäß" bedeutet. Ich schlage vor, dass es darum geht, dass wir den Werten, für die wir uns entscheiden, auch als solchen und in einer uneingeschränkten Sichtweise, also auf die Dauer und im Ganzen, gerecht werden und nicht kontraproduktiv untergraben bzw. andere Werte unnötig beeinträchtigen. Unmoralisches Handeln hat eine selbstwidersprüchliche Struktur, nämlich die Struktur von Raubbau. Entscheidend ist dabei aber die uneingeschränkte oder universale Betrachtungsweise.

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