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Freitag, 23. Juni 2017

Thomas von Aquins Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles

Es geht weiter: Inzwischen sind neun von zwölf Büchern des bekannten Kommentars Thomas von Aquins zur Metaphysik des Aristoteles erschienen. Der Kommentar des hl. Thomas stellt das wohl umfangreichste philosophische Werk Thomas von Aquins dar und zeigt nicht nur die Nähe Thomas‘ zur Philosophie des Aristoteles, sondern zugleich auch seine Selbständigkeit und die Weiterentwicklung der von Aristoteles entwickelten Grundlagen der Philosophie. Selbst Philosophen, die keine besondere Nähe zu Thomas haben gestehen gerne zu, dass der Kommentar Thomas von Aquins bis heute die beste Interpretation zur aristotelischen Metaphysik darstellt. Es gibt keine Interpretation der Metaphysik des Aristoteles, die keinen Bezug nimmt auf den Kommentar von Thomas.



In den vergangenen Monaten sind zu den bereits erschienen Bänden fünf Bänden, die ich hier im Blog bereits kurz vorgestellt habe zwei weitere Bände in deutscher Übersetzung erschienen.  Der Band „Materie und Form. Aktualität und Potenzialität“ enthält gewissermaßen das Herz der gesamten aristotelisch-thomistischen Philosophie, nämlich die sogenannte Akt-Potenz-Theorie. Diese Theorie, die für die gesamte scholastische Philosophie zentral ist und für Thomas noch mehr als bei allen anderen Scholastikern, wird hier von Aristoteles erstmals entwickelt und von Thomas kommentiert. Schon vor meinem Urlaub und in diesem selbst habe ich mir die Zeit genommen, diesen Text erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen. Bisher gab es nur eine englische Übersetzung für diejenigen, die der lateinischen Sprache nicht so mächtig sind, dass sie den gesamten Text in Latein studieren können (zu denen ich selbst auch gehöre). Die deutsche Übersetzung ist sehr gelungen und wurde von dem Theologen und Thomas-Spezialisten, Privatdozent Dr. Klaus Obenauer besorgt, der unter anderem an der berühmten „Deutschen Thomas-Ausgabe“ mitarbeitet und Herausgeber der ganzen Übersetzung ist. Eine gute Übersetzung bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass der Text leicht zu lesen ist.

Der Band enthält die Übersetzung von zwei Büchern des Kommentars, nämlich des 8. und 9. Buches. Der achte Band stellt die Lehre von Form und Materie vor und zwar in Auseinandersetzung mit verschiedenen anderen griechischen Philosophen, insbesondere mit den Atomisten, die eine gegensätzliche Theorie vertreten. Bis heute stellt der Atomismus, der sich natürlich inzwischen weiterentwickelt hat, die Gegenposition zur Akt-Potenz-Theorie dar. Der Atomismus vertritt eine aktualistische Theorie, d.h. er bestreitet, dass es Potenzen gibt. Aristoteles und mit ihm Thomas setzt sich differenziert mit dieser Gegenposition auseinander, aber ebenso mit Platon und der platonischen Schule, die der Auffassung gibt, dass Formen („Ideen“ in der platonischen Begrifflichkeit) in einem eigenen Ideenreich existieren und nicht nur instanziiert in den individuellen Vorkommnissen, wie dies die Auffassung von Aristoteles und Thomas ist.

Das neunte Buch ist dann der Einführung der Akt-Potenz-Theorie gewidmet, wobei auch der grundlegende Unterschied zwischen logischer und realer Möglichkeit ausführlich diskutiert wird. Die einzelnen Lektionen, also Kapitel, erläutern Themen wie „Wirkliches – Mögliches – Unmögliches“, also das, was in der Philosophie auch als Modalitäten bezeichnet wird, die sehr wichtige Frage nach der „Überführung der Potenz in den Akt“ (Lektion 4), „Wann ist etwas eine Potenz?“ (Lektion 6) und andere zentrale Fragen.


Einführungsschriften in die aristotelische-thomistische Philosophie ersetzen nicht das Studium der „Klassiker“, sondern sollten dieses Studium motivieren. Ich möchte Sie herzlich einladen, die ursprünglichen Texte zu lesen. Sie motivieren zum selbständigen Nach- und Weiterdenken. Die Bände sind alle im Buchhandel erhältlich, natürlich auch im Onlinehandel

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