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Dienstag, 1. August 2017

Was kommt nach dem Naturrecht?



Heute möchte ich Ihnen ein Buch vorstellen, das in keiner scholastischen Bibliothek fehlen sollte. Ich halte dieses Buch für eines der besten Bücher zum Thema Naturrecht, das in den letzten fünfzig Jahren veröffentlicht wurde. Der Autor, John Lawrence Hill ist sowohl Jurist als auch Philosoph und arbeitet als Professor für Verfassungsrecht und Rechtsphilosophie an der Indiana Universität in Indianapolis. Das Buch ist zugleich eine hervorragende und gut verständliche Einführung in die Philosophiegeschichte, angefangen bei den Vorsokratikern bis hin zur Gegenwartsphilosophie, natürlich unter besonderer Berücksichtigung des Naturrechts und der Ethik insgesamt.



Ich habe das Buch mit großem Interesse und Gewinn gelesen. Es wird wohl noch sehr lange dauern, bis ein solches Buch von einem deutschen Autoren geschrieben wird; bekanntlich ist die deutsche Philosophie bis 10 bis 15 Jahre hinter der angelsächsischen Entwicklung hinterher. Während man in Deutschland noch im günstigsten Fall mitleidig angeschaut wird, wenn man scholastische Philosophie, Neoaristotelismus, analytischen Thomismus und Naturrecht betreibt, ist dies insbesondere in den USA deutlich anders.

Da ich dieses Buch für sehr wichtig halte und ihm viele deutsche Leser wünsche, habe ich beim Verlag des Buches, Ignatius Press angefragt, ob es bereits einen deutschen Verlag gibt, der Interesse an einer Übersetzung angemeldet hat. Zu meiner großen Überraschung ist das tatsächlich der Fall und wir dürfen hoffen, dass in spätestens einem Jahr das Buch in deutscher Übersetzung vorliegt. Welcher Verlag dieses Buch in Deutschland veröffentlicht, wurde natürlich nicht mitgeteilt.

Um Ihnen, verehrte Leser dennoch einen Eindruck von diesem hervorragenden Buch zu geben, habe ich die Einleitung selbst übersetzt und stelle sie hiermit in meinem Blog für alle Interessenten zur Verfügung. Die Einleitung gibt einen guten Überblick über den Inhalt und die Absicht des Buches.

Hier noch die bibliographischen Daten:

John Lawrence Hill
After the Natural Law
How the Classical Worldview Supports Our Modern Moral and Political Values
ISBN 978-3-7-1-62164-017-2
309 Seiten, 21,35 EUR bei Amazon.de 




Einführung


Im Jahr 1948 veröffentlichte die Zeitschrift Atlantic Monthly einen bemerkenswerten Aufsatz des Philosophen W.T. Stace, eines Mannes mit eher geringer religiöser Musikalität. Sein Aufsatz „Man against Darkness“ begann mit einer erschreckenden Aussage: „Die katholischen Bischöfe der USA haben jüngst eine Erklärung abgegeben in der sie sagten, dass der chaotische und verwirrende Zustand der modernen Welt auf dem Glaubensverlust der Menschen und die Aufgabe von Gott und Religion beruht. Ich für meinen Teil glaube an keine Religion. Ich stimme jedoch vollkommen mit den Bischöfen überein.“ Stace fuhr fort indem er sagte, dass unser Verlust für den Sinn eines zweckgerichteten Plans für unsere Welt nichts weniger ist als eine komplette Katastrophe für die Menschlichkeit. Eine von allen spirituellen Grundlagen verarmte Welt[1]
Nur ein halbes Jahrhundert früher verkündete ein anderer Philosoph, Friedrich Nietzsche, den Tod Gottes mit Prometheischer Freude:

Das grösste neuere Ereigniss, — dass „Gott todt ist“, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist — beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen. Für die Wenigen wenigstens, deren Augen, deren Argwohn in den Augen stark und fein genug für dies Schauspiel ist, scheint eben irgend eine Sonne untergegangen, irgend ein altes tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht: ihnen muss unsre alte Welt täglich abendlicher, misstrauischer, fremder, „älter“ scheinen.[2]

Traurigerweise für Nietzsche war sein Horizont weit weniger offen als er dachte. Er schrieb diese Worte im Jahr 1882, sechs Jahre bevor er seine Gesundheit im Alter von vierundvierzig Jahren verlor und das letzte Jahrzehnt seines Lebens in einem syphilitischen Nebel verbrachte. Seine Worte waren jedoch unheimlich und schrecklich prophetisch. Das halbe Jahrhundert, dass Nietzsche von Stace trennte war ganz plausibel die schlimmste Periode des Zusammenbruchs, der Zerstörung, des Ruins und der Katastrophe in der Geschichte der Welt: zwei Weltkriege, weltweite wirtschaftliche Depression, das Entstehen des globalen Kommunismus und des Nationalsozialismus, die Flächenbombardements industrieller Zentren in London, Dresden und anderen Städten auf einer Massenskala und der Einsatz der Atombombe gegen die Bevölkerung in Japan. Mehr als 100 Millionen Menschen verloren ihr Leben in den Schützengräben, den Gulags und Konzentrationslagern in der Zeit von nur drei Jahrzehnten.[3]
Die neue Dämmerung die Nietzsche zelebrierte und die Stace beklagte war sowohl mehr als auch weniger als der Verlust Gottes. Es war das Zwielicht einer Weltanschauung – der klassischen Weltanschauung die im Verlauf von fünfundzwanzig Jahrhunderte langsam Gestalt angenommen hatte, beginnend mit Platon und Aristoteles und den Höhepunkt erreichend mit Thomas von Aquins großer Synthese der christlichen Theologie und der aristotelischen Philosophie. Die klassische Weltanschauung fasste zuerst Wurzeln auf dem Boden eines philosophischen Systems, das bekannt ist als Teleologie. Die teleologische Idee behauptet, dass die Welt ein geordneter, zielgerichteter und letztlich intelligenter Ort ist. Wie Platon es fast vierhundert Jahre vor der Geburt Christi darlegte: „die Welt ist ein Produkt des Geistes, der alles ordnet und jedes einzelne Ding in der Weise hervorbringt, die das Beste für es ist.“[4]
Platons Sicht der Wirklichkeit deutete die christliche Weltanschauung in auffallender Weise an. Auch sein Schüler Aristoteles bereitete den Weg durch die Einpflanzung der platonischen transzendenten Formen in die reale Welt der materiellen Dinge. Das Transzendente wurde mit dem irdischen vermischt und die Ewigkeit mit der Vergänglichkeit. Aristoteles Philosophie repräsentierte den mittleren Weg zwischen Platons Idealismus und dem philosophischen Materialismus, der schon zu Platons Zeiten verteidigt wurde. Auf dem Boden der aristotelischen Philosophie und dem lebenspendenden Wasser des Christentums erwuchs die Naturrechtstradition. Diese Tradition erreichte ihre leuchtendste Synthese im dreizehnten Jahrhundert, in der christlichen Teleologie Thomas von Aquins. Thomas‘ Theorie des Naturrechts war die theologische, philosophische und moralische Vollendung der klassischen Weltanschauung, einer Weltanschauung, die einen mächtigen Halt in unseren gegenwärtigen moralischen, philosophischen und politischen Idealen bewahrt.
Dennoch, alle Schöpfung stöhnt in Vergeblichkeit: auch große Theorien sind dazu bestimmt, zu zerfallen. Ein halbes Jahrhundert nach Thomas‘ Tod arbeitete William von Ockham und solche, die ihm folgten – einige mit reinen Motiven, andere aus politischen Gründen – daran, alles aus dem christlichen Denken über Bord zu werfen, das sie als vom Einfluss heidnischer Philosophie beeinflusst hielten. Unter Zugrundelegung der platonischen Vision war die auffallende Intuition, dass die Wirklichkeit entlang eines ontologischen Kontinuum abfällt, dass verschiedene Arten von Dingen wie materielle Gegenstände, Ideen, Zahlen, Schatten, Gedanken und Gott unterschiedliche Seinsgrade besitzen. Für Platon und diejenigen, die ihm folgten, sind bestimmte Dinge wortwörtlich wirklicher als andere. Occam bestand nun darauf, dass nur individuelle Dinge existieren und das alles, was existiert in gleicher Weise wirklich ist – eine Position, die als Nominalismus bekannt ist. Ockhams Leugnung der Formen war eine verhängnisvolle philosophische Veränderung, die zu einer kaskadenartigen Reihe von intellektuellen Konsequenzen führte, die sich im Verlauf der weiteren vier Jahrhunderte entfalteten. Das endgültige Ergebnis war ein Desaster, nicht nur für die Theologie, sondern auch für die Philosophie.
In Ockhams Gefolge destillierten die frühen neuzeitlichen Denker wie Descartes, Locke und Hume die Form von der Materie, die Seele vom Körper, die moralischen Gesetze von den physischen Gesetzen und Gott von der Welt. Was Thomas von Aquin als ein integriertes Ganzes anerkannte, wurde langsam voneinander in zwei Hälften getrennt, eine ewig und eine materielle. Descartes‘ Dualismus im 17. Jahrhundert war die Hochwassermarkierung des frühen neuzeitlichen Versuchs, beide Hälften des früheren Ganzen zu bewahren, aber der kartesische Dualismus was schließlich philosophisch nicht nachhaltig. Im 18. Jahrhundert wurde das, was von der Materie abgespalten wurde, vollständig aufgegeben und die irdische Hälfte des älteren Dualismus und wurde nun das neue Ganze. Die Seele wurde zum Verstand, der Verstand wurde Materie in Bewegung. Das Christentum verwelkte in den Deismus und der Deismus wurde zum Atheismus. Das Naturrecht zerfiel in Utilitarismus und Kantianismus, jeder von ihnen isoliert und dann zerfallen in verzerrte Teile der älteren ethischen Theorie Thomas von Aquins bis auch diese zersetzt wurden in verschiedene Formen des moralischen Relativismus.
Im Verlauf weniger Jahrhunderte fiel der Dualismus der frühen Neuzeit in den Materialismus zusammen, in die Auffassung, dass jede Erklärung der Welt innerhalb und nicht außerhalb der natürlichen materiellen Welt gegeben werden muss. Die Welt ist ein Unfall und entstand durch blinde Ursachen. Es gibt keinen göttlichen Plan oder Planer, keine objektiven Zwecke und keinen anderen Sinn als den, der von Menschen durch Anordnung geschaffen wird. Alle Moralität ist menschliche Konstruktion. Wir entscheiden was gut ist und was schlecht. Wir sind nicht durch moralische Standards gebunden, die unabhängig von uns existieren. Wenn Ethik irgendeinen Grund hat, so muss es das Streben nach Lust und Freude in dieser Welt und nicht in der nächsten sein. Wie einer der jüngsten Verteidiger dieser Auffassung sagte, Materialismus ist die Auffassung, dass „irdische Dinge alles sind was wir haben oder was wir jemals haben werden.“[5]
Durch einen sehr seltsamen Weg sind wir vollkommen im Kreis gegangen. Gegenwärtige Debatten über die Bedeutung der Moral und den Zweck des menschlichen Lebens, besonders Meinungsverschiedenheiten zwischen moralischen Relativisten und moralischen Realisten, geben auf unheimliche und aufschlussreiche Weise den philosophischen Austausch zu Platons Zeiten wieder. Intellektuell hat die Geschichte bewiesen, dass sie kein Fortschritt ist, sondern ein Pendel das zwischen zwei Polen des Materialismus und des Theismus hin- und herschwingt. Das Buch erkundet den Bogen dieses Pendels.
Die klassische Weltsicht von Platon, Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin zu erklären und systematisch zu verteidigen, wie es dieses Buch tun wird, bedeutet nicht, dass wir jede Fassette dieser Theorien heutzutage wörtlich nehmen müssen. Es bedeutet sicher nicht, dass wir argumentieren, dass wir die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften ignorieren sollten. Keiner dieser Denker, und im Besonderen Aristoteles (der vielleicht der vollkommenste Wissenschaftler seiner Zeit war) und Thomas (der stets darauf bestand, dass es nur eine Wahrheit gibt, dass Wissenschaft und Theologie sich ergänzen) würden jemals solche Dinge geäußert haben. Die Verteidigung der klassischen Weltanschauung bedeutet vielmehr zu zeigen, dass sie in weit größeren Maße unserem eigenen Selbstverständnisses entspricht, als der materialistische Ansicht, mit dem die moderne wissenschaftliche Suche häufig zusammengeworfen wird. Was klassische Denker vorgeschlagen haben ist nicht so sehr eine empirische Hypothese über die Natur der Realität als vielmehr „ein analoges Modell“, wie John Finnis sagt, für die spekulative Interpretation der Tatsachen unserer Welt.[6] Die Tradition, die in Thomas von Aquin kulminierte, schlägt zudem weit plausiblere Grundlagen für unsere modernen moralischen und politischen Ideale vor – für Freiheit, Gleichheit, Würde und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens – wie die Nachfolger Hobbes und Locke, Descartes und Kant.
Teil I dieses Buches zeichnet die Spuren der Entwicklung der klassischen Weltsicht nach. Das erste Kapitel erklärt den materialistischen Atheismus in der Antike. Kapitel 2 konzentriert sich auf die vorchristliche Tradition Platons, Aristoteles‘ und der Stoa. Kapitel 3 und 4 folgen der Spur des intellektuellen Einflusses der christlichen Philosophie: Kapitel 3 richtet sich auf die Naturrechtstradition und Kapitel 4 auf die klassische Konzeption der Person, der Beziehung zwischen Seele und Körper, den freien Willen und die ethische Integration des menschlichen Charakters.
Teil II ermittelt den Niedergang der Naturrechtstradition und die Konsequenzen für unsere moderne Moral und die politischen Ideale. Kapitel 5 untersucht vier grundlegende Denker des modernen Denkens: William von Ockham, René Descartes, John Locke und Thomas Hobbes. Kapitel 6 erklärt die Desintegration des Begriffs der Seele und des Selbst in der modernen Philosophie und Psychologie. Kapitel 7 untersucht den modernen Versuch, die traditionellen Ideen der Freiheit und Verantwortung (die von bestimmten Versionen des traditionellen Begriffs des Selbst abhängen), mit dem gegenwärtigen Materialismus zu versöhnen, der die Realität der Freiheit und des Willens bestreitet. Kapitel 8 folgt den Konsequenzen der modernen Zurückweisung des Naturrechts. Es zeigt, wie die Naturrechtstheorie in utilitaristische und kantische Ideale von Moral zerfällt und warum umgekehrt diese Theorien kollabiert sind zu verschiedenen Formen des moralischen Relativismus. Kapitel 9 schließlich bringt die Linien der Argumente aus den vorhergegangenen Kapiteln zusammen und untersucht die drei zentralen moralischen und politischen Ideale der Moderne: Freiheit, Verantwortung und menschliche Würde. Dieses Kapitel argumentiert, dass diese Begriffe sinnlos werden außerhalb des Rahmens, der in der Idee des Naturrechts gründet.



[1] W.T. Stace, „Man against Darkness“, Atlantic Monthly 182 (September 1948): 54.
[2] Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft: § 343. Erste Veröff. 24/06/1887.
[3] Noch unheimlicher ist es, dass Nietzsche in einem anderen Werk die immanenten Konsequenzen des Glaubensverlust für Europa vorhersagte: „An diesem Sich-bewusst-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an — daran ist kein Zweifel — die Moral zu Grunde : jenes grosse Schauspiel in hundert Akten, das den nächsten zwei Jahrhunderten Europa’s aufgespart bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch hoffnungsreichste aller Schauspiele…“ Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral: § III — 27. Erste Veröff. 16/11/1887.
[4] Platon, Phaedon, 99d.
[5] Christopher Hitchens, God Is Not Great: How Religion Poisens Everything (New York: Twelve, 2007), 5.
[6] John Finnis, Natural Law and Natural Rights (Oxford: OUP 1980), 393.

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