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Dienstag, 18. Dezember 2012

Für Sie gelesen: Einführungstexte bei OUP



Oxford University Press, der größte Verlag für Geisteswissenschaften in Europa, publiziert seit vielen Jahren eine Reihe mit dem Titel „A Very Short Introduction“. Der Reihe umfasst inzwischen weit über 300 Titel, in denen in die verschiedensten Themen und Gebiete auf sehr kurze (ca. 100 Seite) und prägnante Weise eingeführt wird. Naturgemäß ist die Qualität dieser kleinen Bücher sehr unterschiedlich und im wesentlichen von den Autoren abhängig. Ich habe in den vergangenen Wochen drei Titel dieser Reihe gelesen und möchte Sie Ihnen hier kurz vorstellen: Metaphysics,  Aristotle und Thomas Aquinas.



Stephen Mumford
OUP, 113 Seiten, EUR 10,99


Der Einführungstext von Mumford in die Metaphysik ist ausgezeichnet und das Beste, was man in so kurzer Form sagen konnte. Der Autor führt in die wichtigsten Grundfragen der Metaphysik in Gegenwart und Vergangenheit auf systematische Weise ein. Er beginnt mit der Frage „What is a table?“ und erläutert bereits anhand dieses einfachen, alltäglichen Gegenstandes einige wichtige Probleme der Metaphysik. Metaphysik fragt nach der Natur der Dinge in sehr allgemeinen Begriffen. Sie geht dabei von den offensichtlichen Merkmalen der Dinge aus, das sind vor allem die sinnlich wahrnehmbaren Dinge wie die Farbe, die Festigkeit, der Geruch etc. und verallgemeinert von dort ausgehend immer weiter bis sie zu bestimmten letzten Gegebenheiten kommt.

Mumford liefert keine fertigen Lösungen, sondern gibt bestimmte, heute diskutierte Antworten auf metaphysische Fragen und stellt diese dann wieder durch andere Auffassungen in Frage. Dadurch findet der Leser einen sehr guten Zugang zu den heute hauptsächlich diskutierten Problemen der Metaphysik, die freilich bereits seit Jahrhunderten diskutiert werden.

So werden verschiedene Theorien von Eigenschaften und Beziehungen, sowie der Substanz vorgestellt. Weiter wird in die Frage von Teil und Ganzem eingeführt, die Frage gestellt „Was ist Veränderung?“ und die verschiedenen Theorien der Kausalität angeschnitten. Raum und Zeit sowie die Frage nach dem Wesen der Person werden ebenfalls angerissen.

„Was ist möglich?“ bzw. gibt es so etwas wie Möglichkeiten, sind Möglichkeiten so etwas wie Dinge oder wie unterscheiden sich Möglichkeiten von wirklichen Dingen, sind weitere Fragen, bevor abschließend die Frage „Was ist Metaphysik?“ zu beantworten versucht wird.

Der besondere Vorzug dieses Buches besteht darin, dass es dem Autor gelingt, den Leser zum selber nachdenken zu bewegen und nur verschiedene Antworten andeutet. Vom Aufbau und der Thematik hat es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hier schon vorgestellten neuen Buch von Rafael Hüntelmann, http://www.scholastiker.blogspot.de/2012/09/neuerscheinung-zur-einfuhrung-in-die.html der aber eindeutig Stellung bezieht und in die genannten Fragen auf der Grundlage der aristotelisch-thomistischen Philosophie einführt.

Das Buch von Mumford ist voll und ganz zu empfehlen und jeder, der Englisch lesen kann und eine wirklich hilfreiche, gut verständliche und lebendige Einführung in die Fragen der Metaphysik sucht, wird hier fündig.


Jonathan Barnes
OUP, 176 Seiten, EUR 10,99


Ganz anders muss man die kurze Einführung in die Philosophie des “größten Philosophen aller Zeiten”, Aristoteles bewerten. Barnes ist analytisch orientierter Philosophiehistoriker und Spezialist für antike Philosophie, doch in diesem Buch ist davon wenig zu merken. Grundsätzlich ist eine systematisch-analytische Herangehensweise an historische Texte der Philosophie sehr zu begrüßen und führt weiter als die in Deutschland noch vorherrschende hermeneutische Methode. Allerdings hat man den Eindruck beim Lesen des Buches über Aristoteles, als ob der Autor Aristoteles nicht besonders mag. Jedenfalls vergleicht er Seitenlang die naturphilosophischen Auffassungen mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft, was selbstverständlich sehr zu Ungunsten Aristoteles‘ ausfallen muss. Dabei wird auch nicht die völlig andere Grundstellung der antiken Philosophie, der es ja nicht um Naturbeherrschung, sondern um Weisheit und ein glückliches Leben ging, ausführlich erläutert.

Zu Beginn gibt Barnes eine ganz interessant zu lesende kurze Biographie des Aristoteles wieder und stellt die wichtigsten Werke des Philosophen vor. Hier gelingt es ihm auch die Situation der Philosophie im antiken Griechenland mit ihren verschiedenen Schulen darzustellen.

Im Weiteren allerdings geht Barnes sehr ausführlich auf die „naturwissenschaftlichen“ Erkenntnisse und Schriften Aristoteles ein, die heute von eher untergeordneter Bedeutung sind. Dies beginnt mit den zoologischen Studien Aristoteles‘, die durchaus einiges für sich haben, wenn sie auch oft nicht durch persönliche Forschung zustande gekommen sind.

Behandelt wird weiterhin die Logik, die von Aristoteles „erfunden“ wurde, die allerdings von Barnes nicht genügend gewürdigt wird. Verglichen mit der modernen mathematischen Logik ist die aristotelische Logik sicher rudimentär, allerdings hat sie dafür auch erheblich weniger metaphysische Voraussetzungen und entspricht dem „gesunden Menschenverstand“ weit mehr als die moderne symbolische Logik.

Die wichtigsten metaphysischen Theorien, insbesondere Akt und Potenz sowie Form und Materie werden nur kurz angerissen – ähnliches gilt auch für die vier Ursachenlehre, die etwas besser weg kommt – während immer wieder kritisch Bezug genommen wird auf empirisch-wissenschaftliche Erkenntnisse.

Zusammenfassend wird das im 14. Kapitel das „Weltbild“ des Aristoteles dargestellt, wobei man fragen könnte, ob er oder überhaupt die Griechen über ein solches Weltbild verfügten. Barnes klassifiziert Aristoteles als Wissenschaftler und Philosophen, wobei ihn, wie gesagt, die einzelwissenschaftlichen Studien offenbar mehr interessieren, obwohl für Aristoteles diese Studien stets im Zusammenhang mit seiner philosophischen Theorie standen, was man von der modernen Wissenschaft nun sicher nicht sagen kann.

Insgesamt ist die Einführung von Barnes stark von gegenwärtigen Fragestellungen bestimmt, was durchaus nicht falsch sein muss, wenn man zeigen kann, dass man auch auf diese gegenwärtigen Fragen zumindest mit der aristotelischen Methode Antworten anbieten kann. Dies allerdings ist offenbar nicht die Absicht von Barnes.

Im Kapitel 17 wird die für Aristoteles kennzeichnende Teleologie vorgestellt. Barnes macht deutlich, dass dieser Begriff bei Aristoteles sich deutlich von späteren Begriffen der Teleologie dadurch unterscheidet, dass Aristoteles eine innere Teleologie vertritt. Auch hier geht Barnes immer wieder auf die „biologischen“ Studien des Aristoteles ein, anhand derer er zeigt, wie er die Zweckursachen in den biologischen Substanzen entdeckt. Leider wird der Begriff der Zweckursache bei Aristoteles von Barnes an verschiedenen Stellen mit dem Begriff der Funktion gleichgestellt. Funktionen sind sicher ein Teil dessen, was mit Zweckursachen gemeint ist, allerdings bedeutet letzteres erheblich mehr als eine Funktion.

Zum Schluss geht der Autor auf die Nikomachische Ethik des Aristoteles ein. Zunächst zeigt er sehr gut auf, dass der Begriff „Ethik“ bei Aristoteles eine ganz andere Bedeutung hat als heute und das auch der Grundbegriff dieser Ethik, die Eudaimonia, die im Englischen zumeist mit „happiness“ übersetzt wird, etwas anderes meint als die im Englischen übliche Bedeutung von Euphorie. Das deutsche Wort „Glückseligkeit“ ist hier durchaus treffender. Die Grundfrage des Aristoteles in seiner Ethik ist die, was uns glückselig macht und damit unterscheidet sie sich deutlich von modernen ethischen Theorien. Hier hätte Barnes moderne Moralphilosophien gut mit der aristotelischen kontrastieren können, was er leider aber nur in Andeutungen tut.

In der politischen Philosophie wird von Barnes die Auffassung des Aristoteles zutreffend wiedergegeben, wenn er das Ziel des Staates im Gemeinwohl sieht, wobei Aristoteles, im Unterschied zu Thomas von Aquin, ein Übergewicht des Staates vor dem Einzelnen konstatiert. Allerdings zeigt sich die ganze urgeschichtliche Auffassung des Autors darin, dass er Aristoteles eine mehr oder weniger totalitäre Staatsauffassung vorwirft, weil dieser kein Liberaler war, die es in der Antike und im Mittelalter auch gar nicht gab, selbst nicht in der Theorie. Barnes meint, dass diejenigen, die den Staat als Förderer des Gemeinwohls betrachten als Verteidiger der Repression enden. Mit Aristoteles und Thomas könnte man geradezu das Gegenteil sagen, abgesehen von der Unordnung im Staat die dadurch entsteht, dass dieser sich nicht um das Gemeinwohl kümmert.

Zum Schluss geht Barnes auf die „Philosophie der Kunst“ des Aristoteles ein und zeigt dann im letzten Kapitel 20 die bedeutende Wirkungsgeschichte des Aristotelismus auf. Auch hier werden Seitenhiebe gegen die katholische Kirche gerichtet, die angeblich Aristoteles unterdrücken wollte. Solche falschen Behauptungen, die sich auch anderswo finden lassen, sind eigentlich schon längst wiederlegt worden, was aber bestimmte Leute nicht daran hindert, sie zu wiederholen. Es gab einzelne Kirchenmänner, Bischöfe und auch Kardinäle, die Aristoteles für gefährlich hielten, weil sie diesen nur aus den unzureichenden und schlechten Übersetzungen kannten, die aus dem arabischen vorlagen. Das „die Kirche“ seine Philosophie zu verbieten trachtete ist schon allein deshalb lächerlich, weil Albert der Große und Thomas von Aquin ungehindert Aristoteles studieren und lehren konnten.

Grundsätzlich ist diese Einführung in Aristoteles nicht zu empfehlen und es gibt erhebliche bessere.


Furges Kerr
OUP, 127 Seiten, EUR 10,99


Nicht nur zu Aristoteles, sondern auch zu Thomas von Aquin sind in den vergangenen Jahren wieder häufiger Einführungstexte erschienen. Das nach wie vor beste Buch zur Einführung wurde geschrieben von Edward Feser:Aquinas. A Beginners Guide Dieses Buch wird auch von dem hier zu besprechenden nicht übertroffen.

Der Autor dieser Very Short Introduction ist Dominikaner, gehört somit dem Orden des hl. Thomas von Aquin an und hat verschiedene Bücher zur Religionsphilosophie und Theologie, sowie zu Wittgenstein geschrieben. Seine Grundorientierung an Wittgenstein ist in diesem kleinen Buch auch zu spüren.

Von Fesers Einführung unterscheidet sich diese vor allem durch ihre deutlich stärker theologische Ausrichtung. Beim Lesen hat man den Eindruck, dass der Autor zu viel gewollt hat. Naturgemäß kann man in einer solchen kleinen Schrift nur sehr wenig über einen Theologen oder Philosophen sagen. Daher ist es zu empfehlen, wie dies Mumford vorbildlich gelingt, nur einige zentrale Themen auszuwählen und diese etwas ausführlicher darzustellen und sie dann kurz mit anderen Bereichen in Verbindung zu bringen. Kerr geht leider anders vor.

Sein Ausgangspunkt ist das Hauptwerk des Aquinaten, die Summa Theologiae. Die anderen Schriften werden zu Beginn kurz vorgestellt. Dann orientiert sich Kerr an der Summe und erläutert anhand dieser die Philosophie und Theologie des hl. Thomas. Es handelt sich also eigentlich um eine Einführung in die Summa Theologiae, die in ihren drei Teilen vorgestellt wird. Dagegen ist nichts zu sagen, zumal es solche Einführungen eher selten gibt.

Allerdings ist diese Schrift des Aquinaten derartig umfangreich, dass man besser einen bestimmten Teil herausgenommen und diesen etwas ausführlicher vorgestellt hätte, als möglichst über jedes Thema etwas zu sagen. Dies führt an verschiedenen Stellen, aber auch insgesamt zu einer eher oberflächlichen Darstellung.

Gleichwohl ist die Schrift durchaus zu empfehlen, besonders für diejenigen, die mehr über die Theologie des Thomas erfahren möchten. Die philosophischen Themen, die auch in der Theologie eine beherrschende Rolle spielen, kommen etwas zu kurz. So könnte man im Ausgang von der Theorie von Akt und Potenz bzw. Form und Materie die verschiedenen theologischen Topoi bei Thomas im Zusammenhang gut darstellen.

Gleichwohl kann man aus dieser Schrift einiges über die Theologie des hl. Thomas lernen, die natürlich die Theologie und Dogmatik der katholischen Kirche ist. Auch wird Thomas, wie dies nicht unüblich ist, nicht verfälscht und für modernistische und liberale Positionen der Gegenwartstheologie eingespannt, obgleich man an einigen Stellen erkennt, dass der Autor die Auffassung des Thomas nicht unbedingt teilt. Er ist aber ehrlich und stellt Thomas richtig dar, wobei er auch auf aktuelle Debatten (Priestertum der Frau) zumindest teilweise Bezug nimmt und die Auffassung Thomas von Aquins zu dieser Frage darstellt.

Insgesamt also zu empfehlen, zumal es so etwas in Deutschland nicht gibt. 

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