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Freitag, 14. Dezember 2012

Was ist ein Organismus?


Unter dem Thema „Organismus – die Erklärung der Lebendigkeit“ fand kürzlich an der Berliner Humboldt-Universität eine Tagung statt, die mit Biologen und Philosophen besetzt war, die der Frage nachgingen, was denn der Organismus ist. Nun sind Was-Fragen keine Fragen, die von empirischen Einzelwissenschaften beantwortet werden können, diese können allerdings einiges dazu beitragen, auf solche Fragen eine richtige philosophische Antwort zu geben. Allerdings konnten, wie Leander Steinkopf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Dezember berichtet, auch die Philosophen auf diese Frage keine definitive Antwort geben. Am radikalsten fiel wohl die Antwort des Prozessphilosophen Peter McLaughlin aus Heidelberg aus, der den Organismus als Prozess definierte.






Richtig betonte McLaughlin, dass die häufige biologische Definition des Organismus als eines Verbands von Zellen mit dem gleichen Genom, die miteinander kooperieren, zu kurz greift. Er verwies auf die zahlreichen anderen Lebewesen, die im Darm, Mund und der Haut z.B. einer Menschen vorkommen und für dessen Überleben notwendig sind. Stattdessen meinte McLaughlin man müsse den Organismus als Prozess definieren (wobei sich freilich die Frage stellt, wie etwas – ein Prozess – das sich ständig ändert, definiert werden soll). Er erläuterte dieses Verständnis an einem Beispiel: Wenn man eine schwangere Frau als zwei Organismen betrachtet, nämlich als die werdende Mutter und das Embryo, dann wäre eine Abtreibung ein Homozid. Betrachtet man jedoch nicht die Dinge – gemeint sind Dinge als Substanzen, wogegen sich die Prozessphilosophie mit besonderer Entschiedenheit wendet – sondern als Prozesse, dann handelt es sich bei der schwangeren Frau um einen Prozess und nicht um zwei getrennte Organismen. In diesem Fall wäre eine Abtreibung dasselbe wie eine Amputation.

Eine wirkliche Definition ist so etwas sicher nicht. Wenn man den Organismus in eine andere Kategorie einordnet, die eines Prozesses, dann ist dieser im Prinzip nichts anderes als ein einstürzender Neubau, das Laufen irgendeines Rindes (wobei freilich „Rind“ hier vom Laufen her und nicht als Rind im substanziellen Sinne verstanden werden darf). Mit der realen Welt hat eine solche konstruktivistische Theorie kaum noch etwas zu tun. Im Allgemeinen stimmen Prozessphilosophen auch der These zu, dass eine reale Welt, sofern es diese überhaupt gibt, nicht erkennbar ist. Erkennbar ist nur das, was der Verstand selbst hervorbringt, konstruiert.

Doch was in denn dann ein Organismus? Dass die moderne Philosophie sich mit einer Antwort auf diese Frage so schwer tut hängt damit zusammen, dass sie den Begriff der Seele vermeiden will. Doch hat der aristotelische Begriff der Seele nur wenig oder gar nichts mit animistischen Vorstellungen zu tun. Denn für Aristoteles ist die Seele „der erste Seins- und Tätigkeitsgrund jener Körper, die von Natur befähigt sind, zu leben.“ Wenn man nicht von Seele sprechen möchte, so kann man ohne weiteres auch den Begriff der substanziellen Form dafür einsetzen, denn nichts anderes meint Aristoteles und in seinem Gefolge die scholastische Philosophie.

Der Organismus ist etwas Zusammengesetzes. Jeder Organismus besteht aus verschiedenen Teilen, den Organen, die wiederum Teile enthalten, die Zellen, die wieder Teile enthalten, u.a. die Gene und so weiter. Doch diese Teile bestehen nicht einfach nebeneinander, wie wenn der Anatom sie auf dem Seziertisch liegen hat. Alle Teile eines Organismus sind miteinander verbunden und zwar so verbunden, dass sie eine wirkliche Einheit bilden. Die Steine auf einem Haufen vor einer Baugrube sind kein Organismus, denn ihnen fehlt diese Einheit. Was ist diese Einheit der Organe oder was bewirkt diese Einheit?

Die Einheit des Organismus ist nicht selbst ein Organ. Höhere Organismen haben zumeist ein Zentralorgan, ein Gehirn, doch dieses bewirkt nicht die Einheit des Organismus. Die Organe sind nämlich nicht nur zu einer Einheit verbunden, sondern auch hierarchisch gegliedert. Diese hierarchische Gliederung kann nicht selbst durch ein Organ bewirkt werden, denn jedes Organ, auch das Gehirn, ist Teil des hierarchischen Aufbaus eines Organismus.

Organismen sind Lebewesen. Dies ist eine erste, sehr einfache, wenn auch eher tautologische „Definition“, die von niemandem ernsthaft bestritten wird. Unklar in dieser „Definition“ ist der Begriff des Lebewesens, oder besser gesagt, der Begriff des Lebens. Die Frage lautet somit eigentlich, was ist Leben? Wenn man diese Frage beantworten kann, dann folgt aus dieser Antwort die Antwort auf die Frage, was ein Lebewesen, ein Organismus ist.

Leben ist das natürliche Vermögen eines Objekts zur Selbstvervollkommnung durch innere Tätigkeit. Dies ist, kurz gesagt, die klassischen Definition der aristotelisch-scholastischen Philosophie (vgl. David Oderberg: Real Essentialism, S. 180). Gemeint ist damit folgendes: Lebende Dinge sind für sich selbst tätig um sich selbst zu vervollkommnen, sich selbst zu erhalten und ihre Art fortzupflanzen. Vervollkommnung hört sich heutzutage vielleicht etwas eigenartig an, doch damit ist nur gemeint, dass ein Lebewesen in der Weise tätig ist, dass es sich selbst und seine Funktionen reproduziert, erhält und wiederherstellt. Selbstvervollkommnung hat nichts damit zu tun, dass Lebewesen einen Zustand absoluter Vollkommenheit erstreben.

Das entscheidende Merkmal von Lebewesen, das sich von allen nicht-lebendigen Entitäten unterscheidet, ist die Ausübung einer immanenten Kausalität. Damit ist eine Kausalität gemeint, die von dem Lebewesen ausgeht und im Lebewesen endet und zwar zum Zweck des Lebewesens selbst. Das Gegenteil dazu heißt transiente Kausalität, bei der eine Ursache auf etwas anderes einwirkt. Mehr dazu habe ich hier geschrieben.

Die Einheit des Organismus, die diesen von allen anderen, nicht-organischen Entitäten unterscheidet, ist die Seele als Form der Materie. Diese Form ist nicht-materiell, zumindest nicht in dem Sinne materiell, wie der Körper materiell ist. Da die moderne Wissenschaft und Philosophie irgendetwas, das als nicht-materiell klassifiziert wird, scheut wie der Teufel das Weihewasser, kann es ihr nicht gelingen, Leben und Organismus wirklich begrifflich und wissenschaftlich zu erfassen.

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