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Dienstag, 7. Oktober 2014

Kausalität per se und Kausalität per Akzidenz





Eine für die scholastische Kausaltheorie zentrale Unterscheidung ist die zwischen Kausalität per se (causa per se) und Kausalität per Akzidenz (causa per accidens). Diese Unterscheidung zweier grundlegend verschiedener Arten von Kausalität findet sich in der Scholastik nicht nur bei Thomas von Aquin, sondern ebenso bei Duns Scotus und fast allen anderen Scholastikern und gehört insofern zum Gemeingut der scholastischen Philosophie. Sie findet sich jedoch in der neuzeitlichen und modernen Philosophie nicht mehr. Ursachen per se unterscheiden sich in dreifacher Hinsicht von akzidentellen Ursachen, wie Duns Scotus herausgestellt hat.



Zunächst besteht der Unterschied darin, dass die akzidentelle Ursache von der Ursache per se oder der essentiellen Ursache abhängig ist und zwar hinsichtlich des Aktes der Verursachung. Das klassische Beispiel hierfür ist ein Stab, der einen Stein bewegt. Der Stab verursacht, dass der Stein sich bewegt aber nicht durch seine eigene Kraft. Der Stab bewegt den Stein durch die Bewegung der Hand, die den Stab führt bzw. bewegt. Die Hand, oder besser gesagt die Person, ist das, was die Scholastiker als Erstursache bezeichnen, während der Stab, der den Stein bewegt, die Zweitursache oder die instrumentelle Ursache ist. Der Stab hat die Kraft den Stein zu bewegen nur durch die Kraft der Person, die den Stab bewegt. Diese Art der Abhängigkeit ist das bestimmende Merkmal für eine essentiell oder per se geordnete Kausalreihe.

Akzidentell geordnete Kausalreihen sind davon deutlich verschieden. Duns Scotus erläutert eine solche Kausalreihe wieder an einem einfachen und leicht nachvollziehbaren Beispiel: Ein Vater zeugt einen Sohn, der seinerseits wieder einen Sohn zeugt. Obwohl der Sohn nur existiert, weil der Vater ihn gezeugt hat, ist der Sohn, nachdem er einmal existiert, in der Lage, seinen eigenen Sohn zu zeugen, gleichgültig, ob der Vater in der Nähe ist, oder vielleicht sogar schon gestorben ist. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu dem Stab, der nicht vermag, den Stein zu bewegen, wenn nicht die Hand den Stab bewegt. Im Unterschied zum Stab hat nämlich der Sohn die Kraft zur Zeugung „in sich“, während der Stab keine Kraft in sich hat. In diesem Sinne ist die Beziehung zwischen den Mitgliedern einer akzidentellen Kausalreihe „akzidentell“ oder „nicht-wesentlich“.

Ein weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Ursachen besteht darin, dass bei per se geordneten Kausalreihen die Kausalität zu einer anderen Natur oder Ordnung gehört als bei der akzidentellen Kausalreihe und zwar insofern, als die höhere Ursache vollkommener ist. Der Stab hat keine Kraft in sich selbst, den Stein zu bewegen, während die Person diese Kraft in sich selbst hat. In diesem Sinne hat der Beweger des Stabes, die Person eine kausale Kraft einer anderen Ordnung oder einer anderen Natur als der Stab und zwar von einer „vollkommeneren Art“. Daher ist die Erstursache oder die nicht-abgeleitete Ursache von einer höheren und vollkommeneren Art als die instrumentelle oder bloß abgeleitete Kausalität.

Der dritte Unterschied zwischen per se Kausalität und akzidenteller Kausalität besteht darin, dass die erstere Kausalreihe gleichzeitig ist, was bei der letzteren Kausalreihe nicht der Fall sein muss. Der Stab bewegt den Stein nur dann und nur so lange, wie die Person den Stab bewegt. Demgegenüber ist die Zeugung eines eigenen Sohnes durch den Sohn des Vaters unabhängig davon, ob der Vater überhaupt noch existiert.

Nun gehört es zu der Standardtheorie der Scholastik, dass akzidentell geordnete Kausalreihen zumindest prinzipiell unendlich weit zurückreichen können, während dies bei per se oder essentiell geordneten Kausalreihen nicht der Fall ist. Denn weil jedes Glied einer akzidentell geordneten Kausalreihe ihre kausale Kraft in sich selbst und nicht abgeleitet hat, gibt es keine Notwendigkeit, irgendein Glied als das Letzte bzw. als das Erste anzusetzen. Der Vater kann selbst wieder von einem anderen Vater gezeugt worden sein und dieser wieder von einem anderen und so weiter bis ins Unendliche. Zumindest prinzipiell muss eine solche Kausalreihe keinen Anfang haben.

Ganz anders sieht es hingegen bei der essentiellen oder per se Kausalität aus. Thomas von Aquin erläutert dies folgendermaßen: „Dasjenige, das als eine instrumentelle Ursache bewegt, kann nicht bewegen außer es gibt eine erste bewegende Ursache. Aber wenn wir in die Unendlichkeit fortfahren mit Bewegern und bewegten Dingen, wären alle Beweger instrumentelle Ursache, weil sie bewegte Beweger sind und es nichts gäbe, was ein erster Beweger wäre. Deshalb würde nichts bewegt.“ Die Grundidee dabei ist die, dass ein späteres Glied einer per se geordneten Kausalreihe keine kausale Kraft in sich selbst besitzt, sondern dass es diese Kraft vollständig von einer anderen Ursache empfängt, die eine inhärente kausale Kraft besitzt. Wären alle Ursache dieser Reihe instrumentell, dann käme es zu gar keine Bewegung.

Gegen mögliche Einwände sei betont, dass mit der „ersten“ Ursache keine zeitliche Folge gemeint ist, also nicht die Ursache, die vor der zweiten, der dritten oder vierten Ursache kommt, sondern die „nicht von einer anderen abgeleitet ist“, d.h. die ihre kausale Kraft in sich selbst hat im Unterschied zu einer Ursache, die ihre Kraft allein von einer anderen Ursache hat.


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