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Freitag, 17. Oktober 2014

Spaemann und die "Substantiation"

Das Thema meines heutigen Blogeintrags ist zwar eigentlich theologischer Natur, hat aber philosophische Implikationen, die nicht uninteressant sind. Robert Spaemann (87), einer der derzeit bekanntesten deutschen Philosophen, hat in einem Beitrag für die internationale theologische Zeitschrift „Communio“ einen Beitrag mit dem Titel „Substantiation. Zur Ontologie der eucharistischen Wandlung“ veröffentlicht, der in Theologenkreisen und darüber hinaus für Verwirrung gesorgt hat. Spaemann, der als konservativer Katholik gilt, kritisiert in diesem kurzen Beitrag den katholischen Begriff der „Transsubstantiation“, also der Wesensverwandlung in der Hl. Messe und zwar auf Grund von richtigen ontologischen Prämissen.





Sofern es sie Philosophie betrifft, lautet das Argument Spaemanns gegen den Begriff der Transsubstantiation folgendermaßen:

1. Brot ist ein Artefakt
2. Artefakte sind keine Substanzen
3. Es kann folglich keine „Trans“substantiation geben.

Mit Transsubstantiation in theologischen Verständnis ist die „Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes und der ganze Substanz des Weines in die Substanz des Leibes und Blutes Christi“ gemeint. Wenn aber Brot keine Substanz ist, weil Brot ein Artefakt ist, dann kann auch keine Transsubstantiation geschehen, sondern nur eine „Substantiation“, d.h. die Verwandlung des Brotes als eines Artefakts in die Substanz Christi, so Spaemann.

Wenn man sich die Prämissen anschaut, so hat Robert Spaemann Recht. Brot ist ebenso ein Artefakt wie Wein. Beide sind etwas vom Menschen hergestelltes und haben ihr Sein in Abhängigkeit vom Menschen. Sie haben kein selbständiges Sein, kein „in-sich-Sein“, wodurch eine Substanz definiert ist. Zwar haben auch Brot und Wein, wie alle Entitäten, ein Sosein oder eine Wesenheit, weshalb der deutsche Ausdruck „Wesensverwandlung“ für die Transsubstantiation durch die Kritik Spaemanns nicht betroffen wäre. Denn das Wesen von Brot und Wein wird nach der katholischen Lehre tatsächlich verwandelt in das Wesen Christi. Allerdings ist in der dogmatischen Definition der Transsubstantiation von der Substanz die Rede.

Das Wesen der Artefakte ist weitgehend mit dem identisch, wozu sie hergestellt oder gemacht wurden. Das Wesen des Autos dient dazu, um sich möglichst schnell und ohne Witterungseinflüssen ausgesetzt zu sein, fortzubewegen. Das Wesen des Brotes besteht darin, dass es ein Nahrungsmittel ist, ähnlich wie Wein. Außerhalb der Menschenwelt, der Lebenswelt des Menschen oder einer bestimmten Esskultur (Wein), gibt es weder Wein noch Brot. Solche Artefakte werden daher in der aristotelisch-scholastischen Philosophie auch als „akzidentellen Einheiten“ bezeichnet. Akzidentelle Einheiten sind Kombinationen von Akzidenzien, also von Eigenschaften in einem weiten Sinne, die allerdings zu einer Einheit verbunden sind, die sich aus dem Ziel oder Zweck ergeben, die mit dieser akzidentellen Einheit angestrebt wird. Die Teile eines Autos stehen oder liegen nicht einfach nur nebeneinander, sondern sind zur Einheit eines Fahrzeugs verbunden. Ein Haufen Steine ist kein Haus, sondern erst wenn diesen Steinen eine akzidentelle Form aufgeprägt wird, nämlich die Form des Hauses, wird aus den Steinen ein Haus. Allerdings hören die Steine dadurch nicht auf, Steine zu sein.

Bis hierher hat Spaemann allerdings Recht. Er vergisst aber zu sagen, was in diesem Fall von außerordentlich großer Bedeutung ist, dass alle Artefakte aus echten Substanzen hergestellt werden. Stahl, bzw. Eisen oder Steine sind echte Substanzen, ebenso wie der Marmor aus dem eine Statue gefertigt wird, oder eben auch die Weintrauben oder der Weizen, aus denen Wein und Brot hergestellt wird. Warum Spaemann darauf nicht hinweist, ist unklar. Hätte er diesen Aspekt berücksichtigt, dann wäre eine Umformulierung von Transsubstantiation zu „Substantiation“ nicht nötig gewesen und vermutlich hätte er sich den ganzen Zeitschriftenbeitrag ersparen können. Warum?

Bei der Transsubstantiation wird die „Substanz des Brotes“ verwandelt und diese Substanz des Brotes ist der Weizen. Das gleiche gilt für den Wein, dessen Substanz die Weintrauben sind. Bei Artefakten gibt es nämlich immer eine Beziehung zwischen der akzidentellen Form des Artefakts und der substanziellen Form, die dem Artefakt zugrunde liegt. Wie diese Beziehung genauer zu verstehen ist, wird schon seit längerem diskutiert, doch dies ist für unseren Zusammenhang nicht besonders wichtig. An dem von Aristoteles oft verwendeten Beispiel des Marmorblocks und der Statue lässt sich dieses Verhältnis gut studieren. Der Marmorblock und die Statue sind nicht identisch, denn die Statue ist die akzidentelle Form des Marmorblocks. Sollte allerdings eines hoffentlich fernen Tages die Welt der Kunst von unserem Planeten verschwinden, so bleibt nichts übrig als der Marmorblock, denn die akzidentelle Form hat der Marmorblock nur in Bezug zu dieser Welt der Kunst und ohne diese Welt ist die Statue nichts anderes als ein Marmorblock. Trotzdem sind Marmorblock und Statue nicht identisch, zumindest nicht in einer Welt, in der die Kunst eine wesentliche Rolle spielt.

Der Satz Spaemanns in seinem genannten Aufsatz, dass es sich auch nach der Wandlung um Brot handelt, der, wie mir scheint, für besonders viel Empörung gesorgt hat, ist nicht falsch. Denn nach der Formulierung des Dogmas wird behauptet, dass die Substanz verwandelt wird, während die Eigenschaften des Brotes erhalten bleiben. Da das Brot als Artefakt aber nichts anderes ist als eine Zusammensetzung von Akzidenzien, ist es richtig, dass auch nach der Wandlung, der Transsubstantiation eben dieser Eigenschaftskomplex übrigbleibt und das ist das Brot. Allerdings hat es nach katholischer Überzeugung eine Verwandlung der Substanz gegeben und diese Substanz ist der Weizen, der nun nicht mehr vorhanden ist. Zumindest liegt hier kein ontologisches Widerspruch vor.

Ich danke übrigens einem meiner Studenten, der mich auf diese Lösung hingewiesen hat, die er in einem Artikel des Kirchenlexikon  gefunden hat. (H. J. Wetzer / B. Welte: Kirchenlexikon Bd. 11, Hrsg. von Franz Kaulen, Freiburg i.Br. 1899: Herder Verlag, S. 1990) Spaemann hätte jedenfalls auch diesen Artikel kennen können. Das Kirchenlexikon ist der Vorläufer der bekannten Lexikon für Theologie und Kirche.

Kommentare:

  1. Brot ist nicht nur ein Eigenschaftskomplex! Nicht nur eine Zusammensetzung von Akzidenzien1

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  2. Dann beweisen Sie mir das Gegenteil. Bei Thomas von Aquin, aber auch nicht bei modernen analytischen Thomisten wie David Oderberg werden Sie Ihre These bestätigt finden. Und auch nicht bei Aristoteles.

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  3. Lieber Scholastiker,

    besagt die sog. Transsubstantion aber nicht genau das, dass - obwohl wir nur die Akzidentien von Brot feststellen können - das,was wir nach der Wandlung tatsächlich vor uns haben, eben genau das nicht mehr ist, wozu die Akzidentien ansonsten gehören? Ist es also nicht genau deswegen, dass Thomas von Aquin z.B. in seinem Hymnus "Adoro te devote" sagen kann, dass "visus, tactus, gustus in Te fallitur", "Gesicht, Gefühl, Geschmack sich in Dir täuschen"?
    Ich kann keinem von Ihnen weder philosophisch noch theologisch auch nur annährend das Wasser reichen, keine Frage. Dennoch erscheint mir die Unterscheidung, die Spaemann hier wohl trifft, unlogisch zu sein - soweit ich die Lehre von der Transsubstantiation verstehe. Diese weist ja ausdrücklich auf den vorliegenden Widerspruch hin.

    Viele Grüße,
    Iris

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  4. Liebe Iris,

    ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe. Es geht um die Frage der Transsubstantiation. Diese meint ja, dass eine Substanz, Brot und Wein, in eine andere Substanz, Jesus Christus, verwandelt wird. Professor Spaemann bestreitet nun, dass es sich um eine "Trans"substantiation handelt, weil Brot und Wein keine Substanzen sind, sondern Artefakte, d.h. vom Menschen gemachte Dinge und solche Artefakte keine Substanzen sind.
    Diese Prämisse von Spaemann ist zutreffend: Artefakte sind keine Substanzen. Allerdings bestehen Artefakte aus Substanzen, nämlich, in diesem Fall, aus Getreide und Weintrauben.
    Bei der Transsubstantiation werden diese Substanzen (Weintrauben und Getreide) in Leib und Blut Christi verwandelt. Die Artefakte - Brot und Wein - bleiben was sie sind, denn Artefakte sind akzidentelle Einheiten, also Akzidenzien und die Kirche lehrt, dass diese unverändert erhalten bleiben bei der Transsubstantiation. Das sagt Thomas von Aquin in seinem Hymnus, der von Ihnen zitiert wird.
    Also zusammengefasst: Nicht Brot und Wein (die Akzidentien) werden verwandelt, sondern die diesen Akzidentien zugrunde liegenden Substanzen (Weizen und Weintrauben). Daher handelt es sich um eine Transsubstantiation und nicht bloß um eine Substantiation, also eine "Substanzwerdung" von etwas, das zuvor keine Substanz war.

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    1. Lieber Scholastiker,

      vielen Dank für Ihre Antwort! Mir scheint, Sie verstehen mich besser, als ich selbst meine eigene Frage ;-) Dank Ihrer Hilfe kann ich sie nun hoffentlich etwas besser formulieren.
      Sie erläutern in Ihrem Artikel, „dass alle Artefakte aus echten Substanzen hergestellt werden.“, („…, was in diesem Fall von außerordentlich großer Bedeutung ist, …“) – „diese Substanz des Brotes ist der Weizen“. Nun liegt nach der Wandlung keine Substanz des Weizens mehr vor. Kann man dann noch korrekter Weise von Brot sprechen?
      Der Römische Katechismus nach dem Trienter Konzil drückt es sogar so aus, dass die Akzidenzien nach der Wandlung für sich selbst bestehen, weil sie keiner Substanz (mehr) anhaften. Damit hat doch das Artefakt Brot als solches aufgehört zu existieren, oder?
      Daher scheint mir der Satz Spaemanns, den Sie anführen, „…, dass es sich auch nach der Wandlung um Brot handelt, …“ unlogisch zu sein.

      Viele Grüße,
      Iris

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    2. Liebe Iris,

      das ist eine wirklich sehr interessante Frage! Nach einiger Überlegung kann man diese Frage aber aus dem bisher gesagten, glaube ich, beantworten.
      Die Substanz aus der das Brot besteht, ist der Weizen.
      Das Brot selbst ist keine Substanz, sondern eine Zusammensetzung von Akzidentien.
      Bei der Transsubstantiation wird nun die substanzielle Grundlage des Brotes vollständig verwandelt, d.h. die Substanz des Weizens hört auf zu existieren und an dessen Stelle tritt der Leib Christi.
      Das Brot, d.h. jetzt die Zusammensetzung von Akzidenzien, bleibt aber bestehen, allerdings ohne substanzielles Fundament. Und deshalb sagt das Trienter Konzil ganz richtig, dass die Akzidenzien nach der Wandlung für sich bestehen, ohne Akzidenzien einer Substanz zu sein.
      Da Brot als Brot aber nichts anderes ist als eine Zusammensetzung von Akzidenzien, kann man in dieser Hinsicht sagen, dass es auch weiterhin Brot ist. Da aber normales Brot immer eine substantielle Grundlage im Getreide hat, ist das Brot in dieser Hinsicht nach der Wandlung kein Brot mehr.
      Es kommt also auf die Hinsicht an, unter der man das Brot nach der Transsubstantiation betrachtet.

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    3. Lieber Scholastiker,

      ganz herzlichen Dank, dass Sie sich noch einmal Zeit für diese Frage genommen haben! Korrekter Weise müsste nun wohl ich zuerst herausfinden, ob ich Sie richtig verstehe, was Sie unter „Hinsicht“ verstehen, unter der man auch nach der Transsubstantiation noch von Brot sprechen könne – und bin daher noch ein wenig am Nachdenken. Vielleicht hängt es ganz einfach mit den unterschiedlichen Verwendungen von Sprache, von Begriffen zusammen. Laienhaft formuliert, lassen Sie es mich so ausdrücken: wir wollen ja nicht immer eine Definition über etwas abgeben, sondern verwenden Begriffe oft auch in analoger Weise, wenn wir z.B. von einer gesunden Einstellung sprechen. Ihre Formulierung, wie Sie Spaemanns Aussage wiedergeben, „ …, dass es sich auch nach der Wandlung um Brot handelt, …“ verbinde ich mit einer definierenden Verwendung, als ob damit über das Wesen einer Sache eine Aussage gemacht werden soll. Den Originalaufsatz kenne ich nicht. Vielleicht ist es aber dieser Eindruck, der auch an anderer Stelle zu der von Ihnen erwähnten Verwirrung Anlass gegeben hat. Interessanter Weise verwendet der Messkanon selbst den Begriff des Brotes – und zwar unmittelbar nach der heiligen Wandlung – indem er über das darzubringende Opfer spricht mit den Worten „ ...: das heilige Brot des ewigen Lebens und den Kelch des immerwährenden Heiles.“. Jedenfalls danke ich Ihnen für diesen Blogbeitrag. Mir hat er zur Gedankenklärung sehr geholfen (hopefully …).

      Nochmals viele Grüße, alles Gute,
      Iris

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    4. Brot besteht nicht immer aus Weizen. Neben Roggen- und Dinkelbrot gibt es auch Früchtebrot und vor allem das "des ewigen Lebens"!
      Kein Brot ohne Weizen? Umgekehrt. Das Brot des ewigen Lebens, so metaphorisch es klingen mag, schafft uns das rechte Verständnis von dem, was wir im Essen des Brots erstreben. Die Wandlung ist eine Verwirklichung!

      Vielen Dank jedenfalls für die anregende Unterscheidung zwischen Artefakten und Substanzen, die ich vorher wohl nicht so getroffen hätte.

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