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Montag, 27. Oktober 2014

„Kleine Ursache – große Wirkung“?

Heute setze ich meine Zusammenfassung des Buches ScholasticMetaphysics  von Edward Feser fort und zwar noch immer mit dem Thema Kausalität. Die sogenannte „Chaostheorie“ war in den 1980er Jahren sehr populär, besonders bei Menschen mit einen zwar wissenschaftlichen Weltbild, allerdings mit einer gewissen Neigung zur Esoterik. In dieser Theorie wurde das sogenannte „Schmetterlingsphänomen“ diskutiert, nach dem der beginnende Flug eines Schmetterlings in China zu gewaltigen Orkanen in den USA führen könnte. Das ist ein Beispiel für ein Ursache-Wirkungsverhältnis, bei dem eine Ursache eine Wirkung erzielt, die das, was in der Ursache „enthalten“ ist, um ein vielfacher übersteigt. Ein solches Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung steht in krassen Gegensatz zu einem Prinzip der Kausalität, nachdem die Wirkung verhältnismäßig zur Ursache ist (Thomas von Aquin, Summa Theologiae I-II.63.3).




„Jede Vollkommenheit in der Wirkung, muss auch in der Ursache sein“ sagt Thomas von Aquin an einer anderen Stelle (I.4.2), denn keine Sache kann etwas geben, was sie nicht selbst hat. Und präzise ausgedrückt lautet das Prinzip der proportionalen Kausalität, dass das, was in der Wirkung ist in seiner totalen Ursache in einer bestimmten Weise sein muss, entweder formal, virtuell oder eminent. Dazu ein anschauliches Beispiel: Stellen Sie sich vor, ich gebe Ihnen 20,00 Euro. Die Wirkung ist dann, dass Sie 20 Euro besitzen. Eine Art und Weise, wie ich Ihnen diese 20 Euro geben kann besteht darin, dass ich die 20 Euro aus meinem Portemonnaie nehme um sie Ihnen zu geben. In diesem Fall habe ich die „Form“ des Besitzes eines 20 Euro Scheins und ich verursache, dass Sie dieselbe Form besitzen. Dies wäre ein Beispiel dafür, wie etwas formal in der Wirkung ist, was in der Ursache ist.

Eine andere Möglichkeit Ihnen die 20 Euro zu geben besteht darin, dass ich Ihnen von meiner Bank 20 Euro auf Ihr Konto überweise und Sie sich diesen Betrag vom Geldautomaten auszahlen lassen. In diesem Fall ist das, was in der Wirkung ist, virtuell in der totalen Ursache, zu der ich selbst, mein Bankkonto, die Überweisung usw. gehören. In noch einer anderen Weise ist die Ursache eminent in der Wirkung, wenn ich weder 20 Euro in meinem Portemonnaie, noch auf meinem Bankkonto habe, ich aber irgendwie einen Zugang zur Bundesbank habe und 20 Euro drucken lasse um diese Ihnen zu geben. In diesem Fall ist das, was in der Wirkung ist auch in der totalen Ursache, nämlich ich selbst, die Druckerpresse usw., aber auf eminenter, also außerordentlicher Weise. In diesem Fall habe ich zwar weder eine 20 Euro Schein in meiner Tasche, noch auf meinem Konto, aber dafür besitze ich den Schein auf eine weit fundamentalere Weise, nämlich so, dass ich die Macht habe, solche 20 Euro Scheine selbst zu drucken.

Das Prinzip der proportionalen Kausalität, dass dem Spruch im Titel dieses Blogbeitrags widerspricht, folgt direkt aus dem bereits bekannten Kausalprinzip  und dem Prinzip des zureichenden Grundes. Dies lässt sich folgendermaßen zeigen: Wenn es irgendeinen Aspekt in der Wirkung gäbe, der nicht aus der totalen Ursache entspringt, würde dies beinhalten, dass eine Potenz aktualisiert würde ohne irgendetwas, dass diese Potenz aktualisiert und dies widerspricht dem Kausalprinzip. Es wäre ein Aspekt in der Wirkung, die durch nichts zu erklären wäre und würde damit auch das Prinzip vom zureichenden Grund widersprechen.

Wie auch sonst gibt es auch in Bezug zum Prinzip der proportionalen Kausalität verschiedene Einwände. Bereits Descartes nennt einen solchen Einwand in seiner dritten „Meditation“. Man kann diesen Einwand mit einem Beispiel erläutern. Helium beispielsweise hat Eigenschaften, die in Wasserstoff nicht enthalten sind, von dem Helium durch Fusion gebildet wird. Oder ein Biskuitkuchen hat viele Eigenschaften, die in keinem der Bestandteile gegenwärtig waren, aus denen der Kuchen gebacken wurde. Daraus könnte man nun schließen, dass die Ursache geringer als die Wirkung ist – also doch: Kleine Ursache, große Wirkung?

Dieser Einwand trifft nicht wirklich das Prinzip der proportionalen Kausalität, weil sich der Einwand nicht auf die totale Ursache, sondern nur auf die Materialursache bezieht. Zur totalen Ursache gehört auch die Formal- die Final und die Wirkursache. Zudem setzt der Einwand voraus, dass das, was in der Wirkung ist, formal in der Ursache sein muss. Es wurde aber bereits gezeigt, dass es auch virtuell oder eminent in der Ursache sein kann.


Man könnte noch weiteres dazu sagen, z.B., dass selbst naturalistische Philosophen häufig von diesem Prinzip Gebrauch machen und es daher alles andere als trivial ist (vgl. Edward Feser: Scholastic Metaphysics, S. 157ff.).

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