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Mittwoch, 22. April 2015

Der Neoaristotelismus breitet sich aus



Wenn man unter dem Begriff „Neoaristotelismus“ alle philosophischen Positionen zusammenfasst, die sich mehr oder weniger stark auf Aristoteles und die aristotelische Tradition in der Philosophie beziehen (dazu gehören insbesondere die neuen Scholastiker und Thomisten, die oft auch als analytische Scholastiker oder Thomisten bezeichnet werden), dann gibt es eine sehr erfreulich Entwicklung. Im aktuellen Heft der Zeitschrift RATIO. An international Journal for analytic philosophy, eines der führenden philosophischen Fachzeitschriften für analytische Philosophie, sind soeben gleich zwei ausgezeichnete Beiträge von Neoaristotelikern erschienen, die ich kurz vorstellen möchte. Der erste Beitrag von Travis Dumsday zeigt die „ontologischen Konsequenzen des Atomismus“ auf und zieht daraus die Konsequenz, dass diese Position unhaltbar ist. Der zweite Beitrag von Nicah Newman verteidigt auf der Grundlage eines naturalistischen Ansatzes die klassische Auffassung zur Sexualethik.
Dass solche Aufsätze in einem führenden Organ für analytische Philosophie erscheinen, wäre noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen.




Travis Dumsday beginnt mit einem Argument gegen den Atomismus, dass bereits von Aristoteles selbst stammt und das darauf abzielt zu zeigen, dass Atomisten nicht in der Lage sind, Veränderung, d.h. Bewegung zu analysieren. Da Atome, in einem philosophischen Sinn (nicht im physikalischen Sinn), letzte, einfache Bausteine der gesamten Wirklichkeit sind, aus denen alles, was es gibt, zusammengesetzt ist, werden diese als unausgedehnt und ohne räumliche Teile konzipiert. Ein Gegenstand, der keine räumlichen Teile hat, kann sich aber nur „bewegen“, in dem er diskontinuierlich von einem Ort zu einem anderen Ort „hüpft“ und zwar vollkommen ohne Zwischenraum. Dies bedeutet faktisch, dass der Gegenstand an einer Stelle verschwindet und an einer anderen Stelle wieder auftaucht. Was war zwischen diesen beiden Zeitpunkten? Und woher weiß man, dass es ein und dasselbe Objekt ist, das verschwunden ist und das wieder erscheint? Nach aristotelischer Auffassung beinhaltet der Atomismus das, was man heute als „Teleportation“ bezeichnet. Dies bedeutet, ein Atom oder ein Objekt, das aus Atomen besteht, hört an einer bestimmten Stelle auf zu existieren und beginnt an einer anderen Stelle wieder zu existieren. Es handelt sich praktisch um eine Vernichtung und Neuerschaffung, obwohl eigentlich nur die Veränderung erklärt werden soll.

Dies ist nur eine Andeutung. Dumsday bringt eine ganze Reihe m.E. starker Argumente, die auch auf neuere atomistische Theorien zutreffen, bei denen Atome als ausgedehnt vorstellt werden und schließt daraus, dass der Atomismus ingesamt falsch sein muss. Der Aufsatz ist jedenfalls sehr zu empfehlen und kann hier käuflich erworben werden: „Some OntologicalConsequences of Atomism“. 

Sehr interessant ist auch der Aufsatz von Micah Newman im gleichen Heft der Zeitschrift Ratio. Interessant auch deshalb, weil der Autor mehr oder weniger deutlich eine klassische thomistische Naturrechtsethik zugrunde legt und zwar ohne das ihm dies bewusst war oder das er dies beabsichtigte. Er selbst sagt in der zweiten Fußnote zu seinem Beitrag, dass er erst von anderen darauf hingewiesen wurde, dass seine Argumentation ähnlich der Thomas von Aquins sei, wie diese in der Summa Contra Gentiles zu finden ist. Newman schreibt, dass er dies nicht intendierte, als er seinen Aufsatz schrieb. Vermutlich war ihm der Text Thomas' nicht bekannt, wie dies leider heute oftmals der Fall ist.

Seine Absicht besteht darin, einen rein „naturalistischen Ansatz“ in der Sexualethik zu entwickeln. Dazu bezieht er sich auf eine seit einigen Jahren diskutierte Theorie, die unter dem Titel des „wissenschaftlichen Essentialismus“ und hier konkret des „biologischen Essentialismus“ bekannt ist. Diese Theorie geht davon aus, dass eine biologische Entität eine Wesenheit hat, die durch ihre Funktion bestimmt ist, die wiederum durch die Evolution zustande gekommen ist. Evolutionäre Kräfte bilden bestimmte biologische Funktionen durch Selektion heraus und diese Funktionen geben den biologischen Entitäten eine Wesensnatur. In Bezug auf die Sexualität wird diese nun auch wie ein „Ding“ behandelt, d.h. es wird behauptet, dass Sexualität ein Wesen hat, das durch die Evolution und die Funktion bestimmt ist, die Sexualität hat. Die Wesenheit der Sexualität besteht nun ganz offensichtlich in der Fortpflanzung. Dies ist die zentrale Funktion der Sexualität und genau dazu ist sie im Verlauf der Evolution entstanden. Wir wissen, dass es zahlreiche biologische Entitäten gibt, die sich nicht durch Sexualität fortpflanzen, aber die Sexualität hat primär diese Wesenheit.

Gleich zu Beginn begegnet Newman dem Einwand, man könnte doch das Vergnügen oder die Lust als Wesen der Sexualität verstehen, wie dies heute oftmals geschieht. Doch dieser Einwand ist offensichtlich falsch, denn (a) gibt es zahlreiche andere Dinge die Vergnügen oder Lust bereiten und deshalb ist diese Funktion nichts spezielles, was die Sexualität auszeichnet und (b) existiert die Lust oder das Vergnügen oder alle anderen Bestimmungen, die mit der Sexualität verbunden sind, weil sie die primäre Funktion, nämlich die Fortpflanzung fördern.

Im Weiteren begründet der Autor diesen Ansatz ausführlicher, auch gegen verschiedene Einwände, wie dem bekannten Argument, dass aus ontologischeTatsachen keine moralischen Tatsachen folgen und geht dann dazu über, diesen Ansatz auf verschiedene aktuelle Fragen anzuwenden. Selbst katholische Kardinäle, wie Kardinal Kasper, könnten davon einiges lernen. Zunächst wendet sich Newman dem Thema der Ehe zu und zeigt, dass die Wesenheit der Sexualität, die Fortpflanzung, am Besten in der Ehe realisiert werden kann, wobei er diese in klassischer Weise als dauerhafte Beziehung von Mann und Frau mit dem Ziel der Fortpflanzung und Erziehung der Kinder aus seinem naturalistischen Ansatz begründet. Alle Bestimmungen der Ehe – Mann und Frau, Beständigkeit etc. – werden aus dem Wesen der Sexualität abgeleitet und begründet. Das Ergebnis unterscheidet sich nirgendwo von der klassischen aristotelisch-thomistischen Naturrechtsethik. Weiterhin wird Homosexualität diskutiert und als eindeutig „unmoralisch“ bezeichnet, weil sie Sexualität „so behandelt, als gäbe es keinen geschlechtlichen Unterschied“, obwohl es die Sexualität nur deshalb gibt. Wenn die Fortpflanzung auf andere Weise geschieht als durch Sexualität, dann ist dies eine nicht-sexuelle Fortpflanzung, wie sie bei verschiedenen Pflanzen geschieht, z.B. durch Zellteilung. Es lohnt sich die Argumente Newmans zu lesen, obwohl es die klassischen Argumente der Naturrechtsethik gegen die Homosexualität sind.

Abschließend geht der Autor auf zwei weitere Handlungsweisen ein, die Masturbation und die in vitro Fertilisation und zeigt, dass diese aus dem rein naturalistisch verstandenen Wesen der Sexualität als unmoralisch betrachtet werden müssen. Wer diesen sehr lesenswerten Aufsatz lesen möchte, findet ihn hier: A Realist Sexual Ethics

Kommentare:

  1. Naja, hinsichtlich der Homosexualität und ähnlichen Abweichungen ist die Naturrechtsethik des hl. Thomas ja bereits von Duns Scotus widerlegt worden. Hat Newman den auch nicht gelesen?

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  2. Behauptungen gelten nicht. Nennen Sie das angebliche Argument von Scotus gegen die Naturrechtsethik von Thomas.

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