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Dienstag, 7. April 2015

Diachrone Identität oder Persistenz. Teil 2



Gegen die Theorie der zeitlichen Teile bzw. den Vierdimensionalismus wurden verschiedene Einwände vorgebracht. Die Theorie behauptet, wie im letzten Blogbeitrag dargestellt, dass ein persistierendes Objekt ein vierdimensionaler Raumzeitwurm ist. Ähnlich wie jedes materielle Objekt räumliche Teile hat, soll es dieser Theorie entsprechend auch zeitlichen Teile haben. Solche zeitlichen Teile sind z.B. „früher als“, „später als“ oder „gleichzeitig mit“. Dementsprechend ist jedes Stadium eines Objekts ein zeitlicher Teil des Objekts und das Objekt selbst ist entsprechend eine Zusammensetzung zeitlicher Teile, der selbst ein zeitlicher Teil ist, der die anderen zeitlichen Teile „überlappt“.




Eine einfache Analogie zwischen räumlichen und zeitlichen Teilen ist allerdings höchst problematisch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein materieller Gegenstand kann nicht gleichzeitig an zwei Stellen sein, während zwei Objekte natürlich gleichzeitig existieren können. Gegen diesen Einwand argumentiert der Vierdimensionalist, dass genau genommen nur die räumlichen Teile eines Gegenstandes nicht zugleich an zwei Stellen sein können. In der gleichen Weise können die gleichen zeitlichen Teile eines Gegenstandes nicht zu zwei verschiedenen Zeiten am selben Ort sein. Dadurch wird die Analogie zwischen Raum und Zeit bewahrt, doch dafür muss der Vierdimensionalist zeitliche Teile postulieren. Doch dies bedeutet, dass die Theorie zeitlicher Teile nicht aus der Analogie von Raum und Zeit folgt, wie die Theorie behauptet, sondern dass die zeitlichen Teile vorausgesetzt werden, um diese Analogie zu konstruieren. Insofern ist die Rechtfertigung der Theorie zeitlicher Teile durch Bezug auf eine Analogie von Raum und Zeit unzureichend.

Weiterhin muss die Theorie zeitlicher Teile diese als augenblickliche oder momentane Entitäten konstruieren, denn wenn sie eine Dauer hätten, müsste ihre Persistenz erklärt werden. Doch die Theorie zeitlicher Teile tritt ja gerade an als eine Theorie, die versucht Persistenz zu erklären und kann diese deshalb nicht voraussetzen. David Oderberg hat nun aber darauf hingewiesen, dass Entitäten, die keinerlei Dauer haben, wie dies bei zeitlichen Teilen der Fall sein soll, auch dadurch keine zeitliche Dauer bekommen, dass sie aneinandergefügt werden. Eine augenblickliche Entität ohne jede zeitliche Ausdehnung wird nicht durch die Aneinanderreihung weiterer unausgedehnter zeitlicher Teile zu einer dauerhaften Entität: 0+0+0 = 0.

Jonathan Lowe hat auf ein weiteres Problem der Theorie zeitlicher Teile hingewiesen, dass diese nämlich zirkulär ist: So wie der Querschnitt oder eine geometrischer Schnitt eines materiellen Objekts nur individuiert werden kann durch eine Bezugnahme auf das Objekt, von dem es ein Querschnitt ist, so kann auch ein „zeitlicher Querschnitt“ (was das auch immer sein mag) eines materiellen Objekts nur durch die Bezugnahme auf das Objekt, von dem es ein Querschnitt ist, individuiert werden. Dies bedeutet aber, dass wir es nicht mit einer kohärenten Analyse des Begriff eines persistierenden Objekts durch den Begriff der zeitlichen Teile zu tun haben.

Ebenso wie die verschiedenen Versuche, materielle Substanzen durch Atome oder Eigenschaftsbündel oder Ereignisse zu analysieren, scheitert auch der Versuch, Substanzen durch zeitliche Teile zu analysieren.

Ein weiterer Punkt, der an der Theorie zeitlicher Teile kritisiert wird, wendet ein, dass diese Theorie die Realität der Veränderung bestreitet. Es gibt nämlich in dieser Theorie kein einzelnes Ding, das im Verlauf der Veränderung weiterbesteht, sondern eine Reihe von flüchtigen Dingen, bei denen eines nach dem anderen entsteht und verschwindet. Die Theoretiker der zeitlichen Teile wenden gegen diesen Vorwurf ein, dies gelte nur unter der Voraussetzung des Präsentismus, nach dem nur der gegenwärtige Moment existiert und das soll ja gerade bestritten werden. Die Theorie zeitlicher Teile vertritt demgegenüber eine eternalistische Auffassung der Zeit, nach der jeder Moment der Zeit in gleicher Weise wirklich ist, egal ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. Daher werden diese Theorien auch als „eternalistisch“ bezeichnet. Demnach existiert der gesamte Raumzeitwurm mit allen Stadien oder zeitlichen Teilen auf einmal, wie ein vierdimensionaler Block. Doch dies bedeutet nur, dass man von Heraklit zu Parmenides übergeht: Während die präsentistische Interpretation der Theorie zeitlicher Teile dazu führt, dass es keine veränderliche Dinge gibt, führt die eternalistische Interpretation zeitlicher Teile dazu, dass sich Dinge nicht verändern.

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