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Donnerstag, 16. April 2015

Identität: Eine nicht-reduktionistische Analyse


Nachdem verschiedene Versuche dargestellt wurden, die Identität einer Entität durch Reduktion zu erklären, folgt heute eine nicht-reduktive Analyse der Identität, die dem „gesunden Menschenverstand“ näher steht, als die bisherigen Erklärungsversuche. Es ist die Analyse, wie sie von den scholastischen Philosophen entwickelt wurde, nach der Identität primitiv, d.h. einfach ist. Dies bedeutet nun auch wieder nicht, dass man nichts weiter darüber sagen kann. Identität beruht nach scholastischer Auffassung auf der substantiellen Form einer Entität, die die charakteristischen Eigenschaften, Kräfte, Vermögen, Dispositionen und anderes bestimmt.

Nun ist die substantielle Form einer Entität in der Materie instanziiert und es ist immer die Form dieser bestimmten individuellen Substanz, die dieses Stück vorbestimmter Materie informiert. Diese Analyse ist nicht nur nicht-reduktionistisch, weil Form und Materie letztlich nur erkennbar sind durch Bezug auf die ganze Substanz, von der sie Teile sind, sondern sie ist auch holistisch. Auch wenn man etwas mehr über die Identität durch die Zeit sagen kann, bleibt die Identität dennoch einfach.

Es ist also die substantielle Form dafür verantwortlich, dass eine Entität im Verlauf der Zeit immer die gleiche bleibt, denn die Form bleibt bei aller Veränderung der Materie immer die gleiche. Die Form bestimmt auch die materiellen Veränderungen, die z.B. ein Mensch im Verlauf seines Lebens, von der Geburt bis zum erwachsenen Alter, durchmacht. Selbst wenn keine einzige Körperzelle nach 30 Lebensjahren mehr dieselbe ist wie vor 30 Jahren, bleibt die Person die gleiche, die sie immer war, denn es ist die substantielle Form der Person (in diesem Fall die Seele der Person), die alle Veränderungen nicht nur überdauert, sondern, da sie im Körper „eingelassen“ ist, diesen informiert, auch alle Veränderungen bestimmt.

Wenn wir nun diese Analyse der Identität auf die früher genannten Identitätsprobleme anwenden, wie z.B. das Schiff des Theseus oder die angebliche Verletzung des Leibniz’schen Gesetzes oder gar des Nichtwiderspruchsprinzips, so ergeben sich folgende Lösungen:

Dass eine Person oder eine andere Entität nicht gleichzeitig 110 kg und 80 kg wiegen kann ist klar. Eine solche Aussage wäre tatsächlich gegen das Nichtwiderspruchsprinzip gerichtet. Allerdings ist eine solche Formulierung auch tendenziös. Dass Oskar im Januar 2014 110 kg wiegt und im Januar 2015 nur noch 80 kg wird hingegen niemand als Problem ansehen, weil zwischen beiden Gewichtsangaben ein Jahr liegt. Und damit besteht auch kein Problem bezüglich der Identität von Oskar, denn dieser kann innerhalb eines Jahres mit einiger Anstrengung 30 kg Gewicht verlieren.

Doch wie verhält es sich mit dem Schiff des Theseus? Das Problem, Sie erinnern sich, besteht darin, dass die Bauteile des Schiffes im Verlauf der Zeit durch neue Bauteile ersetzt wurden und die alten Bauteile wieder verwendet wurden, um daraus das Schiff neu zusammenzusetzen. Damit stellt sich nun die Frage, welches der beiden Schiffe das „echte“ Schiff ist bzw. ob es sich bei beiden Schiffen um zwei neue Schiffe handelt. Mit den bisherigen Analysen, so wurde gezeigt, ist dieses Problem kaum zu lösen. Was sagen die Scholastiker dazu?

Die Schwierigkeit bei diesem Beispiel ergibt sich daraus, dass es sich beim Schiff des Theseus um ein Artefakt handelt, also um ein vom Menschen hergestelltes Ding, und dass solche Artefakte keine Substanzen sind (es gibt auch substanzielle Artefakte, wie z.B. künstlich im Labor synthetisiertes Wasser oder die Kreuzung neuer Hunderassen). Nicht-substantielle Artefakte wie Schiffe und Statuen haben aber keine substantielle, sondern nur eine akzidentelle Form. Ob man mit dem Holz ein Schiff oder ein Haus oder was auch immer baut, spielt keine wesentliche Rolle. Die Gestalt, die das Holz annimmt, ist eine akzidentelle Form, die dem Holz (das natürlich eine Substanz darstellt) durch den Menschen „aufgezwungen“ wird. Die Holzplanken, aus denen das Schiff des Theseus besteht, sind dementsprechend natürlich echte Substanzen, doch das Schiff, zu dem sie zusammengesetzt werden, ist keine Substanz, sondern eine „akzidentelle Einheit“ (Oderberg). Wenn nun das Holz, aus dem das Schiff gebildet wurde, seine akzidentelle Form als Schiff verliert, was genau dann der Fall ist, wenn eine bestimmte Zahl von Teilen ausgetauscht wird, hört das Schiff auf zu existieren. Daher ist weder das neue Schiff, an dem die Teile ausgetauscht werden, noch das Schiff, das aus den Bauteilen des alten Schiffes neu zusammengesetzt wird, das ursprüngliche Schiff. Es handelt sich somit um zwei neue Schiffe, bzw. um Ersetzungen des ursprünglichen Schiffes.

Die Frage, ob welcher Menge von Ersatzteilen ein Schiff oder ein anderes Artefakt aufhört zu existieren, bzw. wie viele Teile ausreichen, damit man noch von „demselben“ Schiff sprechen kann, ist eine verzwickte Frage, die man nicht ohne weiteres beantworten kann. Doch dieses Problem entsteht ohnehin nur bei Artefakten und nicht bei Substanzen mit einer substantiellen Form.

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