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Sonntag, 19. Juli 2015

Wie wir Wesenheiten erkennen



Im Blog-Beitrag vom 2. Juli wurden Gründe für die Notwendigkeit der Unterscheidung von Wesenheiten und Eigenschaften genannt. Ein weiterer Grund zu dem im Beitrag genannten Grund besteht in der Erkenntnis von Wesenheiten. Die scholastische Philosophie ist nicht der Auffassung, dass diese Erkenntnis eine einfache Sache ist, beispielsweise durch eine sogenannte „Wesensschau“, ein bestimmtes Vermögen, mit dessen Hilfe man sozusagen auf einen Schlag die Wesenheit einer Sache erkennt. Ganz im Gegenteil ist es in vielen Fällen recht schwierig eine Wesenheit zu erkennen. Doch gerade zur Erkenntnis der Wesenheit ist die Unterscheidung derselben von Eigenschaften oder allgemeiner, von den Attributen erforderlich.



Häufig ist es so, dass wir etwas für die Wesenheit eines Dinges halten, was in Wirklichkeit nur ein Attribut bzw. eine Eigenschaft ist. So hat man z.B. angenommen, dass die Wesenheit von Gold darin besteht, ein gelbes Metall zu sein, das formbar, schmelzbar etc. ist. Doch es stellte sich heraus, dass die Eigenschaften metallisch, gelblich, formbar, schmelzbar usw. nur Eigenschaften von Gold sind, die sich aus seiner Wesenheit ergeben, die selbst darin besteht, ein Metall mit der Atomzahl 79 zu sein. Dieses Verständnis der Wesenheit von Gold war nicht möglich, ohne wissenschaftliche Forschung. Damit wurde zugleich erwiesen, dass die frühere Definition (Wesensbestimmung) von Gold nicht schlicht falsch war, sondern dass sie etwas Wahres vom Gold erfasst hat, das aber nicht hinreichend war, um die Wesenheit von Gold zu bestimmen.

Gerade die Unterscheidung von Wesenheit und Eigenschaft wird aufgrund dieser Tatsachen sinnvoll: Der Tatsache, dass die Bestimmung der Natur oder Wesenheit eines Dinges oft recht schwierig ist und der Tatsache, dass ein relativ oberflächliches Verständnis des Dinges uns gleichwohl in die richtige Richtung führen kann. Das jedoch, was uns von einem eher oberflächlichen Verständnis der Sache zu einem tieferen und besseren Verständnis der Wesenheit führt, sind die Eigenschaften eines Dinges. Durch die Eigenschaften erkennen wir die Wesenheit, diese weisen hin auf die Wesenheit.


Normale und fehlerhafte Vorkommnisse einer Wesenheit

Ein weiteres Argument für die Notwendigkeit einer Unterscheidung zwischen Wesenheiten und Eigenschaften ist die Unterscheidung zwischen normalen und „anormalen“ oder fehlerhaften Instanzen einer Wesenheit. Wie z.B. die Neoaristotelikerin Philippa Foot deutlich gemacht hat, können Lebewesen nur mit Hilfe von sogenannten „aristotelischen Categorials“ angemessen beschrieben werden. Was ist damit gemeint? „Aistotelische Categorials“ haben die logische Form S ist F, wobei S für irgendeine Spzies steht und F für ein Prädikat, das S zugeschrieben wird (Ph. Foot 2001). Sie selbst verwendet zur Erläuterung das Beispiel „Kaninchen sind Pflanzenfresser“; „Katzen haben vier Beine“ „Menschen haben 32 Zähne“. Solche Aussagen können mit Hilfe der modernen (nicht-aristotelischen Logik) nicht angemessen als existenziale oder universale Aussagen bestimmt werden. Wenn man z.B. den Satz „Katzen haben vier Beine“ in der modernen formalen Logik ausdrücken würde, müsste man sagen: „Es gibt mindestens eine Katze von der gilt: die Katze hat vier Beine.“ Doch der Satz, dass Katze vier Beine haben, ist allgemein gemeint und gilt nicht nur von einer oder mehreren Katzen. Doch auch ein Allquantorensatz der modernen Logik wäre unangemessen: „Für alle Katzen: Katzen sind vierbeinig.“ Unangemessen ist dieser Satz natürlich deshalb, weil es eine bestimmte Katze geben könnte, die nur drei oder fünf Beine hat (wie die Katze auf unserem Bild). Eine solche Katze wäre gleichwohl eine Katze und gehört nicht in eine andere Spezies. Aristotelische Categorials vermitteln eine Norm. Wenn es ein bestimmtes S gibt, das nicht F ist, wie die Katze mit drei Beinen, bedeutet dies nicht, dass S nicht F ist, sondern dass dieses besondere S ein fehlerhaftes oder anormales S ist.

Die Unterscheidung zwischen Wesenheit und Eigenschaft ist sinnvoll für die Unterscheidung zwischen fehlerhaften und normalen Instanzen einer Wesenheit. So sind auch Menschen ohne Ausnahme rationale Sinneswesen, auch wenn ein bestimmter Mensch, z.B. durch einen Gehirnschaden oder als Embryo zu einer bestimmten Zeit oder dauerhaft nicht in der Lage ist, seine Rationalität auszuüben. Dies ist unter anderem eines der philosophischen Argumente gegen die Abtreibung ungeborener Kinder.

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