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Dienstag, 28. Juli 2015

Wirklich möglich



Nach Auffassung scholastischer Philosophen gründet das, was „wirklich möglich“ ist und das, was notwendig und unmöglich ist, in der Wirklichkeit. Der Teilbereich der Metaphysik, der sich mit dem beschäftigt, was möglich, unmöglich oder notwendig ist, heißt Modalontologie. Wie in vielen anderen Bereichen der Philosophie vertritt auch hier die aristotelisch-thomistische Philosophie einen Ansatz, der sich von allem unterscheidet, was heute in der Modalontologie so gang und gäbe ist. Die scholastische Modalontologie ist vor allem realistisch. Realität aber beinhaltet, dass etwas sowohl „im-Akt“ als auch „in-Potenz“ ist und diese beiden Arten des Seins werden weiter spezifiziert durch die sogenannten vierUrsachen



In unserer materielle Welt gibt es eine prima materia oder eine „Urmaterie“, die reine Möglichkeit ist und ausschließlich für die Aufnahme der Formen der materiellen Dinge da ist. Man unterscheidet substanzielle und eine akzidentelle Formen. Die substanzielle Form aktualisiert die Potentialitäten der prima materia und das Ergebnis ist die Substanz mit ihren verschiedenen Eigenschaften und Vermögen. Es gibt verschiedene Wirkursachen der Materie, die verschiedene neue Formen annehmen können und es gibt verschiedene Wirkungen, auf die diese Ursachen gerichtet sind als ihre Final- oder Zielursachen. Die prima materia selbst ist indifferent zu jeder Form, denn sie kann jede beliebige Form annehmen. Aber diese bestimmte prima materia ist tatsächlich informiert durch eine ganz bestimmte substanzielle Form und diese Form teilt nur ganz bestimmte Wirkursachen und Vermögen an das Ding mit, das diese Kräfte und Vermögen besitzt. Die Kräfte und Vermögen sind auf die Hervorbringung ganz bestimmter Wirkungen und Ergebnisse gerichtet und bestimmen somit, was in der Welt wirklich geschehen kann, was „wirklich möglich“ ist.

Dies sind die kurz gefassten ontologischen Voraussetzungen für die scholastische Modalontologie. Daraus ergibt sich der Begriff der Notwendigkeit, einer echten, realen Notwendigkeit. Und was ist demnach notwendig? Genau das, was materielle Dinge immer tun unter der Voraussetzung ihrer formalen, materialen, effizienten und finalen Ursachen. Was die Dinge noch nicht getan haben, was sie aber tun könnten, wenn sie in einer bestimmten Weise tätig werden, ist das, was möglich ist und zwar wirklich möglich ist. Was die Dinge unter der Voraussetzung ihrer formalen, materialen, effizienten und finalen Ursachen aber niemals tun werden, dass ist in unserer materiellen Welt unmöglich.

Möglichkeit, Unmöglichkeit und Notwendigkeit folgen demnach, kurz und knapp zusammengefasst, aus der Natur der Dinge, aus dem, was die Dinge sind. So ist es für einen Ochsen unmöglich, zu fliegen und für einen Mann, Kinder zu bekommen, während es für eine Schwalbe möglich ist, zu fliegen und für eine Frau, ein Kind zu bekommen. Was möglich oder unmöglich ist, folgt aus den vier Ursachen, aus der Formursache, die z.B. bestimmt, dass dieses Stück Materie als Ochse informiert wird mit ganz bestimmten Vermögen und Kräften ausgestattet wird, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sind, der Zielursache dieser Vermögen und Kräfte und die durch bestimmte Wirkursachen aktualisiert werden.

Von dieser realistischen Auffassung von Möglichkeit, Unmöglichkeit und Notwendigkeit, d.h. der Modalitäten, unterscheiden sich die logischen Modalitäten. Für einen Ochsen ist es logisch durchaus möglich zu fliegen, ebenso wie es für einen Mann logisch möglich ist, einen Kind zu empfangen und auszutragen. Warum das? Logisch möglich ist alles, was nicht in sich selbstwidersprüchlich ist. Dass ein Ochse zugleich kein Ochse ist, ist unmöglich, denn das beinhaltet einen logischen Widerspruch. Die Satz „Der Ochse fliegt“ beinhaltet hingegen keinen logischen Widerspruch, ebenso wenig wie der Satz „Detlef bekommt ein Kind“, bzw. „Detlef ist schwanger“. Natürlich verstoßen solche Sätze gegen die Naturgesetze und sind insofern naturwissenschaftlich unmöglich, aber sie sind nicht logisch unmöglich. Dass sie naturwissenschaftlich unmöglich sind, bedeutet, dass sie gegen Naturgesetze verstoßen und Naturgesetze sind nichts anderes als Gesetze der Naturen, Gesetze, die sich aus der Natur, dem Wesen der Dinge ergeben.

Zahlreiche moderne Philosophen bestreiten, dass es solche realen Modalitäten gibt. Für sie gibt es nur logische Modalitäten (in unserem Sinne). Sie sagen z.B., dass es in unserer Welt unmöglich ist, dass Ochsen fliegen und Männer schwanger werden können, dass es aber eine „mögliche Welt“ gibt, in der beides tatsächlich vorkommt. Doch diese Rede ist sehr zweideutig und missverständlich und auch falsch, denn sie hat mir der Wirklichkeit nichts zu tun.

Logische oder auch mathematische Notwendigkeit oder Möglichkeit beruht, wie Universalien und logische und mathematische Gegenstände, allein auf Abstraktionen. Abstraktionen aber gibt es nur dort, wo es jemanden gibt, der abstrahiert, d.h. wo es einen Verstand, einen Intellekt gibt. Das bedeutet jedoch nicht (wie Konzeptualisten behaupten), dass Abstraktionen überhaupt keinen Bezug zur Wirklichkeit haben. Abstraktionen sind abstrahiert“, d.h. von der Wirklichkeit „abgezogen“, von allen Besonderheiten abgelöst, doch gleichwohl haben sie immer noch diesen, wenn auch oft nur geringen, Bezug zur Wirklichkeit.

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