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Montag, 16. November 2015

Wenn sich etwas verändert, dann gibt es eine Ursache: Gott



Der erste der sogenannten „fünf Wege“, - der fünf Gottesbeweise Thomas von Aquins – geht von einer Tatsache in unserer Erfahrung aus, die von niemandem ernsthaft bestritten wird. Es gibt Veränderung, Bewegung in der Welt. Es ist nicht nötig anzunehmen, dass sich alles verändert. Es reicht, wenn wir davon überzeugt sind, dass es mindestens eine Entität gibt, die sich verändert.



Nun bedeutet „etwas verändert sich“, dass etwas von einem Zustand in einen anderen Zustand übergeht. Dieser Übergang besteht in der Aktualisierung einer Potenz. Etwas, dass potenziell ist, das noch nicht wirklich ist, wird verwirklicht, aktualisiert. Der Apfel hat die Möglichkeit zerschnitten zu werden und anschließend verzehrt zu werden. Wenn er zerschnitten wird, dann wird diese Möglichkeit des Apfels aktualisiert.

Jedes Ereignis setzt eine Substanz voraus, an der oder durch die etwas geschieht. Es gibt kein Zerschneiden für sich, sondern jemanden oder etwas, dass zerschneidet und zerschnitten wird. Es ist der Apfel, der zerschnitten wird und es ist Jemand, der den Apfel zerschneidet. Es sind immer Substanzen, die tätig sind oder etwas erleiden, an denen und mit denen etwas sich ereignet.

Die Existenz einer natürlichen Substanz wie eines Apfels oder eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt setzt gleichzeitig die Aktualisierung einer Potenz voraus. Nun kann aber keine Potenz sich selbst oder eine andere Potenz aktualisieren. Die bloße Möglichkeit des Apfels zerschnitten zu werden, kann sich nicht selbst zerschneiden oder den Apfel zerschneiden. Es muss etwas oder jemanden geben, der den Apfel zerschneidet und dieses Etwas oder dieser Jemand muss wirklich, aktual sein. Nur etwas, das bereits aktual ist, kann etwas Potenzielles aktualisieren.

Hinsichtlich einer aktualen Substanz bedeutet dies, dass die Existenz derselben, also eines Apfels oder einer Person, dass die Existenz dieser aktualen Substanz, entweder die gleichzeitige Aktualisierung durch eine weitere aktuale Substanz voraussetzt, oder dass diese Substanz reine Aktualität ist. Der Apfel oder die Person existieren nicht aus sich selbst, sie haben sich weder selbst hervorgebracht, noch erhalten sie sich selbständig in der Existenz. Also muss es eine andere aktuale Substanz geben, die den Apfel hervorgebracht hat und ihn in der Existenz erhält. Diese andere Substanz muss aber ihrerseits entweder hervorgebracht worden sein, d.h. sie setzt die Aktualisierung einer Potenz voraus, oder sie ist reine Aktualität.

Für den Fall, dass der Apfel durch eine andere Substanz hervorgebracht wurde, die ihrerseits von einer anderen Substanz aktualisiert wurde, ergibt sich ein Regress von gleichzeitig existierenden „Aktualisierern“ und dieser Regress ist entweder unendlich oder er endet in einem rein aktualen Aktualisierer.

Ein Regress gleichzeitiger Aktualisierer würde aber zu einer per se geordneten Kausalreihe führen. Die klassische Kausaltheorie unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Kausalreihen: einer causa per accidens und einer causa per se. Eine akzidentelle Kausalreihe kann grundsätzlich unendlich sein, eine Kausalreihe per se endet in einer letzten Ursache.

Entweder ist die Substanz die eine andere Substanz aktualisiert selbst rein aktual, oder es gibt einen rein aktualen Aktualisierer, der den Regress gleichzeitiger Aktualisierer beendet. Damit kommen wir nun zu der zu Beginn erwähnten Veränderung zurück: Das Bestehen einer Veränderung, also z.B. das Zerschneiden eines Apfels oder die Bewegung einer Person von A nach B zu einem bestimmten Zeitpunkt, setzt die Existenz eines rein aktualen Aktualisierers voraus und „dies nennen alle Gott“, wie Thomas seine fünf Wege zumeist beschließt.

Kurz und knapp zusammengefasst: Jede Veränderung, d.i. die Aktualisierung einer Potenz, setzt etwas voraus, dass selbst aktual ist. Dessen Aktualität ist nun selbst wieder aktualisiert oder es ist reine Aktualität. Wenn die Aktualität selbst wieder aktualisiert ist, dann muss diese Aktualität ihrerseits wieder aktualisiert worden sein und zwar durch eine aktuale Entität, die selbst aktualisiert wurde oder durch eine reine Aktualität. Da nun aber die Aktualität jeder Substanz in der Kausalreihe gleichzeitig mit jeder anderen aktualen Substanz bestehen muss, kann diese Kausalreihe keine akzidentelle sein. Es muss eine Kausalreihe per se sein und eine solche endet mit einem rein aktualen Aktualisierer. Dieser ist der unbewegte Beweger, wie er schon bei Aristoteles genannt wird.

Natürlich lässt sich in einem Blogbeitrag kein Gottesbeweis in seiner ganzen Breite darstellen, geschweige die philosophischen Hintergründe, wie die Akt-Potenz-Theorie und die klassische Kausaltheorie erläutern. Aber zu all diesen Punkten gibt es bereits Beiträge im Blog, die die Einwände aufgreifen und entkräften.

Kommentare:

  1. Lieber Scholastiker,

    danke für die neuerlichen Beiträge zu den Gottesbeweisen! Zu dem obigen Artikel habe ich eine Frage und eine Anmerkung:

    1. Wie kann man begründen, dass auch die Existenz eines Dings eine Veränderung im aristotelischen Sinne, d.h. die Aktualisierung eines Potentials ist?

    2. Ein häufiger Einwand der (neuen?) Atheisten gegen das obige Argument ist ja, dass es überhaupt keinen Grund dafür gäbe, weshalb man annehmen sollte, dass der rein aktuale Aktualisierer auch Gott, d.h. personal, allwissend, allgütig etc. ist. Das ist zwar falsch, aber um diesem populären Einwand vorzubeugen, würde ich bei der Vorstellung der fünf Wege immer darauf hinweisen, dass diese nicht einfach mit dem Satz "und diese nennen alle Gott" enden, sondern dass Thomas dieses Ergebnis anschließend auf mehreren hundert Seiten ausführlich begründet und verteidigt.

    Schließlich möchte ich auf folgende kurze Zusammenfassung des ersten Weges aufmerksam machen, die ich erst vor einigen Monaten entdeckt habe und die meiner Meinung nach ganz hervorragend gelungen ist: https://www.reddit.com/r/cosmologicalargument/comments/3c3oys/aquinas_first_way_index/ (Der Text ist in 7 kleine Beiträge aufgeteilt, die dort verlinkt sind.) Autor ist der Redditor "u/hammiesink", der das kleine Forum https://www.reddit.com/r/cosmologicalargument/ moderiert.

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  2. Um meine Frage 1 selbst zu beantworten: Eine Erklärung dafür findet man in "Principles of Natural Theology" von George Hayward Joyce, S.J.:

    https://www3.nd.edu/~maritain/jmc/etext/pnt03.htm (Ab "The other point which calls for notice is this: that whatever demands a cause in fieri demands also a cause in esse.")

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