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Dienstag, 2. August 2016

Gottes Eigenschaften



Setzen wir unsere Blogbeiträge zur natürlichen Theologie fort. Die Argumente für die Existenz Gottes führen unmittelbar zu bestimmten Eigenschaften Gottes. Thomas von Aquin geht bei der Frage nach den Eigenschaften Gottes so vor, dass er drei Wege zur Erkenntnis Gottes vorstellt, nämlich der Weg der Kausalität (via causalitatis), den Weg der Negation (via negativa) und drittens den Weg der Steigerung (via eminentia). Dabei bezieht er sich auf einen antiken Vorläufer, Dionysius Areopagita, der heute zumeist als Pseudo- Dionysius Areopagita bezeichnet wird, weil es nicht der Philosoph ist, den Paulus in Athen getroffen hat, obwohl Thomas dies wohl noch glaubte.






Die via causalitatis führt zur Erkenntnis Gottes durch die Erkenntnis der Welt und den Schluss auf die erste Ursache dieser Dinge in der Welt. Auf diese Weise argumentieren z.B. die Gottesbeweise. Die via negativa geht so vor, dass alle Bestimmungen von Gott negiert werden, die mit dem Wesen Gottes als erster Ursache und als reiner Akt unvereinbar sind, also z.B. die Materialität. Und die via eminentia steigert bestimmte Attribute, die uns aus der Welt bekannt sind, bis ins Unendliche. Wenn man beispielsweise von Gott sagt, dass er groß ist, dann muss man sagen, dass er die absolute Größe ist. Auf diese Weise werden von Thomas nun eine ganze Reihe von Eigenschaften Gottes thematisiert, von denen ich einige kurz vorstellen möchte.



Unveränderlichkeit

Diese Eigenschaft Gottes folgt unmittelbar aus dem Wesen Gottes, wie wir es in den Gottesbeweisen kennengelernt haben. Jede Veränderung ist die Aktualisierung einer Potenz. Etwas, dass nur potenziell ist, wird durch eine Ursache, die aktual ist, aktualisiert, d.h. verwirklicht. Dies kann von Gott nicht behauptet werden, denn Gott ist reiner Akt, absolute Wirklichkeit, die einer Aktualisierung nicht fähig, weil nicht bedürftig ist. Dies folgt aus dem Kausalbeweis und dem 2. Gottesbeweis.



Ein einziger Gott

Gott ist einer und einzig, d.h. es gibt nicht mehrere Götter. Ein Einwand, der gelegentlich gegen die Gottesbeweise vorgetragen wird lautet, dass diese nicht notwendigerweise beweisen, dass es nur einen Gott gibt. Allerdings ist dieser Einwand unberechtigt, wenn wir uns die Beweise genauer ansehen. Das Argument für die Einzigkeit Gottes lautet:


   (1)   Wenn es mehr als einen Gott gibt, dann müssen sich diese anderen Götter voneinander unterscheiden.

   (2)   Einer der Götter hätte dann Eigenschaften, die die anderen Götter nicht hätten.

   (3)   Darauf folgt aber, dass Gott nicht reiner Akt ist. Das Gott reiner Akt ist, wurde aber bereits in den Gottesbeweisen bewiesen. Also gibt es nur einen Gott.

Es gibt noch weitere Argumente, die Thomas für die Einzigkeit Gottes nennt, die ich hier aber übergehe.



Gott ist gut

Diese Eigenschaft Gottes ergibt sich aus dem vierten Gottesbeweis. Alles was existiert hat einen bestimmten Grad an Güte, bzw. einen bestimmten Grad an Vollkommenheit. Dieser Vollkommenheitsgrad bemisst sich an dem Grad der Aktualität eines Seienden. Nach dieser Auffassung ist ein Hund aktualer als ein Regenwurm und diese aktualer als eine Sonnenblume. Ein Hund hat mehr Möglichkeiten der Aktualisierung, er ist gewissermaßen „wirklicher“ als ein Regenwurm oder eine Sonnenblume.

Nun sind Sein und Gutsein nach scholastischer Auffassung gegeneinander austauschbar (ens et bonum convertuntur, heißt es bei Thomas). Im Hintergrund dieser Behauptung steht die Theorie der Transzendentalien, die ich hier in einem Blogbeitrag nicht erklären kann. Gott ist absolut aktual, er ist reiner Akt, reine Wirklichkeit. Die Konvertierbarkeit von Sein und Gutsein vorausgesetzt folgt daraus, dass Gott absolut gut ist, dass er das Gute selbst ist.


Weitere Eigenschaften Gottes sind seine Unendlichkeit und Ewigkeit und seine Einfachheit. Diese letzte Eigenschaft ist nun besonders umstritten und zwar nicht nur bei Agnostikern und Atheisten, sondern auch bei Theisten, insbesondere bei bestimmten christlichen Religionsphilosophen. Daher dazu einige ausführlichere Bemerkungen.



Einfachheit Gottes

Zunächst zum Begriff der Einfachheit. Einfach ist etwas, das nicht zusammengesetzt ist, das nicht aus Teilen besteht. Dies bedeutet nicht nur, dass etwas einfach ist, dass keine Beine und Arme oder innere Organe hat, sondern das auch keine metaphysischen Teile hat. Unter metaphysischen Teilen versteht man z.B. Form und Materie oder Akt und Potenz oder Substanz und Eigenschaften. Alle diese Teile hat nun ein Wesen, das reiner Akt ist, logischerweise nicht. Gott ist weder aus Akt und Potenz und noch viel weniger aus Form und Materie zusammengesetzt. Und auch die Unterscheidung von Substanz und Eigenschaften trifft auf Gott nicht zu. Auch wenn ich hier von den „Eigenschaften Gottes“ spreche, bedeutet dies nicht, dass Gott zunächst eine Substanz ist (was im engeren Sinne von Substanz auch nicht auf Gott zutrifft) und dann noch Eigenschaften hat, sondern dass Gott seine Eigenschaften ist. Gott ist einfach in dem Sinne, dass er reiner Akt ist. Gott gehört auch nicht zu einer Art oder Gattung, denn auch dazu müssten sich bei Gott Seinsakt und Wesenheit unterscheiden. Gott ist sein Wesen oder, wie schon in den Gottesbeweisen mehrfach gesagt, die Wesenheit Gottes ist seine Existenz.
 
Nun werden diese Argumente für die Einfachheit Gottes von vielen modernen Religionsphilosophen nicht geteilt, obwohl sie historisch unumstritten waren, nicht nur bei christlichen Philosophen und Theologen vor und nach Thomas von Aquin, sondern auch bei jüdischen Theologen wie Maimonides oder islamischen Theologen wie Avicenna. 


Der Einwand gegen die Einfachheit Gottes richtet sich besonders gegen die Behauptung, dass Gott seine Eigenschaften ist, das heißt, dass Gott nicht die Eigenschaft hat, gut, allmächtig, allwissend, ewig, unveränderlich usw. zu sein, sondern dass er die Güte selbst ist, das er die Ewigkeit selbst ist, dass er die Allwissenheit ist usw. Wenn nun Gott diese „Eigenschaften“ ist, wenn er diese Eigenschaften nicht nur hat, sondern wenn er dies alles ist, dann bedeutet dies weiterhin, dass diese „Eigenschaften“ in Gott nicht verschieden sind, denn sonst hätte er ja doch wieder Teile. Nach der traditionellen Lehre der natürlichen Theologie sind die unterschiedlichen Begriffe wie Allmacht, Allwissenheit, Güte, Ewigkeit etc. nur unterschiedliche Arten von Gott zu sprechen, nicht aber in Gott selbst verschieden. Wir Menschen machen mit unserem begrenzten Erkenntnisvermögen diese Unterschiede. In Gott selbst gibt es diese Unterschiede nicht, denn absolute Ewigkeit, absolute Güte und absolute Erkenntnis sind nicht voneinander verschieden.


Der Einwand dagegen lautet nun, dass dann Ewigkeit, Güte, Weisheit, Macht etc. alles ein und dasselbe seien, was widersinnig ist. Macht ist etwas anderes als Wissen und Wissen ist etwas anderes als Güte. Doch dies ist nicht gemeint, wenn die Scholastiker und viele andere klassische Theologen behaupten, dass die Eigenschaften Gottes mit Gott identisch ist. Selbstverständlich ist Weisheit (Wissen) und Macht verschieden. Man kann zunächst diesen Einwand durch einen Hinweis auf Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung entkräften. Frege verwendet das Beispiel von Morgenstern und Abendstern, bei denen es sich nur um zwei verschiedene Worte für ein und dieselbe Entität handelt (den Planet Venus). So ist das, was wir Allmacht oder Güte oder Allwissenheit nennen nur im „Sinn“ verschieden (wie die Worte Morgenstern und Abendstern), nicht aber in der „Bedeutung“, denn diese Begriffe meinen Gott.


Bei Thomas geht es aber um etwas anderes, nämlich um die Analogie des Seins. Sein ist ein analoger Begriff. Unter dieser Voraussetzung können Begriffe, die wir aus unserer Erfahrungswelt kennen, nicht in gleicher (univoker) Weise auf Gott, bzw. das Sein selbst anwenden. Wenn man die Begriffe Unveränderlichkeit, Ewigkeit, Allmacht, Güte etc. univok auf Gott anwendet, dann würde das in der Tat absurde Konsequenzen haben. In analoger Redeweise ist dies allerdings durchaus sinnvoll. Denn es bedeutet dann, dass es etwas in Gott gibt, das analog zu dem ist, was wir als Macht bezeichnen; dass es etwas in Gott gibt, dass analog zu dem ist, was wir als Wissen bezeichnen usw. und dass all dies letztlich dasselbe „Ding“ ist, das wir Gott nennen.


Als Geschöpfe, die restlos in ihrer Existenz und in ihrer Tätigkeit von Gott abhängig sind (wie die „fünf Wege“ deutlich gemacht haben), sind wir nicht annähernd in der Lage, den Schöpfer zu erkennen. Denn dazu müssten wir z.B. den Schöpfungsakt selbst erkennen, sodass wir uns dann selbst erschaffen könnten. 

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