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Montag, 22. August 2016

Was tut Gott den ganzen Tag?



Die neuscholastische Philosophie hat einen logischen Unterschied zwischen den Eigenschaften und Tätigkeiten Gottes eingeführt. Dieser Unterschied ist freilich nur ein gedachter Unterschied, denn faktisch kann es in Gott nicht etwas geben, was von ihm verschieden ist, denn dann hätte Gott Teile. Dass Gott keine Teile hat, dass er also in vollkommener Weise einfach ist, wurde im vorherigen Blogbeitrag herausgestellt. Aber so wie wir bei einem Menschen seine Eigenschaften, z.B. seine Hautfarbe, seine Größe usw. von dem unterscheiden kann, was er tut, z.B. erkennen, laufen, sitzen usw., so kann man dies auch bei Gott unterscheiden, wobei immer im Blick behalten werden muss, dass diese Unterscheidung von uns gemacht wird und nicht in Gott selbst zu finden ist. Gott ist mit seinen Eigenschaften und Tätigkeiten identisch. Was also tut Gott?


Die wichtigsten Tätigkeiten Gottes sind das Erkennen und Wollen. Hinsichtlich des Erkennens wird Gott allwissend genannt, hinsichtlich des Wollens nennen wir Gott allmächtig. Was ist mit der Allwissenheit Gottes gemeint?

Das Wort besagt, dass Gott alles weiß. Doch was umfasst dieses „alles“? Weiß Gott zukünftige Ereignisse? Dass Gott weiß, was geschehen ist, wird wohl kaum ein Theist in Frage stellen, aber weiß Gott auch, was ich übermorgen zu Mittag essen werde? Weiß er, wann und wie Sie sterben werden? Oder weiß Gott nicht nur alles, was wirklich ist, sondern auch alles, was möglich ist? Kennt Gott Ihre Gedanken jetzt zu dem Zeitpunkt, wo Sie diesen Text lesen? Wenn man von Allwissenheit spricht, müsste man eigentlich alle diese Fragen positiv beantworten. Es gibt aber auch von Theisten Einwände gegen die Behauptung, dass Gott alles Zukünftige weiß, nicht nur alles Zukünftige, was in der Natur geschieht und sich im Prinzip naturwissenschaftlich erkennen lässt, sondern auch alle zukünftigen freien Handlungen der Menschen, z.B. was Sie übermorgen essen werden. Denn wenn Gott dies weiß, dann, so befürchten viele Philosophen, könne man nicht mehr sagen, dass wir wirklich frei handeln. Denn, so die Argumentation, wenn Gott alle freien Handlungen der Menschen kennt, dann muss die Zukunft bereits feststehen und Freiheit ist dann nur ein Schein. Dazu kommt dann noch die Frage, ob Gott auch weiß, was hätte geschehen können, wenn ich mich anders entschieden hätte. 

Zunächst muss man einiges zu dem sagen, was Erkenntnis in Bezug zu Gott bedeutet. Denn Gottes Erkenntnis ist nicht univok mit unserer Erkenntnis vergleichbar, sondern nur analog. Zum Beispiel hat Gott keine sinnliche Erkenntnis. Er weiß zwar, wie sauer eine Zitrone ist und zwar in absoluter Weise, aber er hat nicht diesen bestimmten sauren Geschmack der Zitrone sinnlich erfahren. Für uns beginnt jede Erkenntnis mit den Sinnen und durch Abstraktion kommen wir zur Erkenntnis der Wesenheiten der Dinge. Gott erkennt die Wesenheiten der Dinge in völlig anderer Art in Weise. Diese Wesenheiten sind Ideen in Gott, er selbst ist in gewisser Weise die Wesenheiten und so erkennt er in der Erkenntnis der Wesenheit der Zitrone gewissermaßen sich selbst.

Wenn man die Allwissenheit wirklich umfassend verstehen will, dann kann man nicht anders als zuzugestehen, dass Gott wirklich alles weiß, alles Vergangene, alles Gegenwärtige und alle Zukünftige, aber auch alles Mögliche, alles, was hätte sein können. Jede Einschränkung ist dem Begriff Gottes unangemessen. Und für Gott sind die erkannten Dinge nicht äußerlich, wie für uns, sondern Gott hat alles aus dem Nichts erschaffen, er ist die Erste Ursache alles dessen, was existiert und was geschieht (erster und zweiter Gottesbeweis), und deshalb weiß er auch alles – alles in diesem umfassenden Sinn.
Wie aber ist es mit der Zukunft? Die existiert ja noch nicht. Doch wenn Gott die Zukunft erst erschaffen müsste, dann müsste man annehmen, dass er selbst in irgendeiner Weise in der Zeit ist. Gott ist aber zeitlos, unveränderlich und ewig. Also kann es nur so sein, dass die Zukunft, die gesamte Zeit, alles, was für uns nacheinander entsteht, für Gott in einem einzigen Augenblick existiert. Die gesamte Schöpfung ist für Gott Gegenwart. Für Gott existiert die Zukunft „schon jetzt“. Doch wie ist dann die Freiheit des Menschen möglich? Wenn die Zukunft feststeht, hat es dann noch einen Sinn, sich so oder anders zu entscheiden, dies oder jenes zu tun? Führt dies nicht zu einer völlig fatalistischen Auffassung von der Welt?

Diese Fragen haben Religionsphilosophen in den vergangenen Jahrzehnten dazu veranlasst, Gott als Wesen zu denken, dass auch in der Zeit ist. Zu diesen Philosophen gehört z.B. der sehr renommierte amerikanische Religionsphilosophie William Lane Craig Nach seiner Auffassung und der Auffassung vieler anderer Religionsphilosophen besagt Allwissenheit nicht, dass Gott auch meine Zukunft kennt, dass Gott heute schon weiß, was ich übermorgen essen werde oder wie ich mich in Zukunft entscheiden werde. In Bezug auf alle Vorgänge der Natur weiß Gott natürlich alles, was man wissen kann, weil diese Vorgänge Naturgesetzen folgen. Gott kann aber in den Weltverlauf eingreifen, wenn die freien Handlungen des Menschen schweres Unheil anrichten und diese Schäden gewissermaßen reparieren. Dazu muss man aber Gott als in der Zeit existierend rekonstruieren. 

Der ontologische Hintergrund dieser Theorien der analytischen Religionsphilosophie besteht in einem univoken Seinsbegriff. Sein heißt demnach genau dasselbe in Bezug auf Gott, den Menschen, den Tieren oder einem Gerstenkorn. Sein heißt nichts anderes als Existenz und Existenz ist in allen Fällen wo etwas existiert, immer dasselbe. Hier hat die aristotelisch-thomistische Philosophie (A-T) einen ganz anderen Seinsbegriff. Gott „hat“ nicht nur ein anderes Sein als der Mensch, sondern Gott ist sein Sein, während der Mensch in der Tat das Sein nur hat. Deshalb muss Sein nach Auffassung der A-T Philosophie völlig anders verstanden werden, nämlich in analoger Weise. Unterschiede zwischen Gott und Mensch sind nicht bloß quantitativer Natur, sondern Gott und Geschöpf sind ontologisch verschieden. Analog bedeutet hier: Es gibt etwas im Menschen, z.B. die Erkenntnis, der Verstand, dem etwas in Gott entspricht aber zugleich ist der Unterschied zwischen Gott und Geschöpf unendlich verschiedener als alle Gemeinsamkeit, wie Thomas sagt. Wenn man Gott und Mensch in derselben Art und Weise denkt, dann hat dies ein anthropozentrisches Gottesverständnis zur Folge, nachdem Gott so etwas wie ein Über-Superman ist, aber in den ontologischen Grundlagen sind Gott und Geschöpf nicht verschieden. Deshalb hat Brian Davies diese Art von Religionsphilosophie auch zurecht als „Personalismus“ bezeichnet. 

Haben die Kritiker der klassischen A-T Philosophie aber dann Recht, wenn sie behaupten, dass es keine Freiheit gibt, wenn Gott die Zukunft kennt? Auch innerhalb der scholastischen Philosophie gab es darüber jahrhundertelang einen Streit, der bis heute nicht beendet ist. Es ist die Auseinandersetzung zwischen dem Jesuiten Louis de Molina und seiner Schule auf der einen Seite und den Thomisten auf der anderen Seite. Die Theorie ist recht kompliziert und in einem Blogbeitrag kaum angemessen wiederzugeben. Es geht dabei um die Frage eines sogenannten „mittleren Wissens“, der „scientia media“. Gott weiß in einem „absoluten Sinne“ was künftig der Fall sein wird. Gott wusste bereits bevor er die Welt erschuf, wie Sie oder ich mich zu einem bestimmten Zeitpunkt, nach er uns erschaffen hat, verhalten werden und wie wir uns entscheiden werden. Diese unsere Entscheidungen hat er bei der Erschaffung der Welt mit in seine Planungen aufgenommen. Diese Entscheidungen sind völlig frei, es sind unsere Entscheidungen. D.h. Gott richtet sich vor der Erschaffung der Welt gewissermaßen nach dem, was wir wollen. Das was wir dann nach unserer Erschaffung tun ist genau das, was wir als freie Personen tun wollen und Gott sieht, dass wir genau das tun, was er vorhergesehen hat. Er hat aber unsere Entscheidungen nicht beeinflusst, sondern im Gegenteil könnte man sagen, er hat seine Entscheidungen nach unserer Freiheit gerichtet. Dies ist zugegebenermaßen eine zugespitzte und extrem verkürzte Darstellung der Theorie, doch man erkennt so, worum der Streit geht. Denn wenn Gott sich bei der Erschaffung der Welt nach uns richtet, dann ist dies eine erhebliche Einschränkung seiner Allmacht. Es gibt deshalb eine ganze Reihe von Einwänden gegen die molinistische Lösung des Problems von göttlicher Allwissenheit und menschlicher Freiheit, die ich aber in einem künftigen Blog Post darstellen werde.

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