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Dienstag, 23. August 2016

Allwissenheit und menschliche Freiheit



Ich habe morgen einen Termin um 15:00 Uhr bei meinem Zahnarzt und werde dann dort sein. Aber da dies ohnehin feststeht, brauche ich nicht dorthin zu gehen.“ Wenn Ihnen jemand diesen Satz sagen würde, müssten Sie denken, dass bei ihm irgendetwas nicht stimmt. Der Satz ist absurd. Doch genauso absurd ist nach Thomas von Aquin die Behauptung, man müsse Gott nicht um irgendetwas bitten, weil in der göttlichen Vorsehung ja ohnehin alles feststeht und ob ich nun für dies oder jenes bitte oder nicht macht keinen Unterschied, weil es ja eben schon feststeht, ob ich das Erbetene bekomme oder nicht. Die göttliche Allwissenheit und die darin beinhaltete Vorsehung schließt nicht aus, dass ich frei handeln kann und das meine Handlungen und Tätigkeiten etwas verursachen und bewirken.


So wie ich nicht zum Zahnarzt komme, ohne dass ich mich dorthin begebe, so geschieht jedes künftige Ereignis meines Lebens, obwohl es in der göttlichen Vorsehung schon feststeht, nicht ohne mich. Und meine Tätigkeit bewirkt, dass dieses künftige Ereignis geschieht, denn ich bin die Ursache dafür, dass etwas geschieht, z.B. dafür, dass ich zu meinem Zahnarzt gehe. Dass ich dafür die Ursache sein kann, dass ich die Kraft besitze, mich dorthin zu bewegen usw., dafür ist Gott ist erste Ursache aber ohne meine Mitwirkung als Zweitursache geschieht nichts. Deshalb schließen sich göttliche Allwissenheit und Vorsehung und die menschliche Freiheit keineswegs aus. 

Thomas behandelt dieses Thema ausführlich in seiner Summe gegen die Heiden (Summa contra gentiles, 3,64-110), in der sich Thomas besonders mit den islamischen Philosophen, besonders mit Averroes, auseinandersetzt, die eine stark fatalistische Philosophie vertreten haben. Selbstverständlich ist es unmöglich, dass menschliche Handlungen etwas, was in der göttlichen Vorsehung feststeht, verändern können, denn dazu müsste Gott selbst veränderlich sein. Aber, so Thomas von Aquin, wenn ich bei Gott um etwas bitte, dann bekomme ich das Erbetene nicht, ohne dieses Gebet. Insofern ist mein Beten eine notwendige Bedingung dafür, dass ich das Erbetene bekomme, so wie mein Gehen zum Zahnarzt notwendig ist, damit ich beim Zahnarzt ankomme.

Doch wie ist der Zusammenhang von göttlicher Vorsehung und menschlicher Freiheit jetzt genauer zu verstehen? Im letzten Blogbeitrag  hatte ich die Theorie de Molinas vorgestellt. Dieser entwickelt eine Theorie des „mittleren Wissen“ (scientia media), nach der, sehr vereinfacht gesagt, Gott schon vor der Erschaffung der Welt die freien Entscheidungen der Menschen berücksichtigt und gewissermaßen bei der Planung der Welt miteinbezieht. Diese Auffassung wurde von Thomisten heftig kritisiert. Neben dem Argument, dass dies eine Beschränkung der göttlichen Allmacht impliziert, gibt es auch weitere Argumente gegen Molinas Theorie. Diese finden Sie unter anderem in dem zuletzt erschienenen Grundkurs Philosophie Band 5: DieExistenz Gottes ab Seite 131. Doch was sagen die Thomisten zu dieser Frage?

Nach thomistischer Auffassung benötigt die menschliche Tätigkeit sowohl eine begleitende als auch eine voraussehende Mitwirkung Gottes. Gott muss alle menschlichen Tätigkeiten begleiten, denn bei jeder Tätigkeit entsteht in irgendeiner Weise etwas Neues. Wenn ich zum Zahnarzt gehen, ist dies eine Veränderung meines Ortes und evtl. auch meiner Zähne. Für jede Veränderung ist aber Gott die erste Ursache, wie sich aus den beiden ersten Gottesbeweisen ergibt. Deshalb hängt auch das „Neue“, das durch die menschliche Tätigkeit entsteht, von der ersten Ursache ab. Jede Veränderung ist die Aktualisierung einer Potenz. Diese Aktualisierung ist entweder akzidentell oder per se. Jede akzidentelle Aktualisierung setzt eine Aktualisierung per se voraus. Und insofern ist bei jeder menschlichen Tätigkeit die begleitende Mitwirkung Gottes als erster Ursache erforderlich.

Aber auch eine „vorausgehende Mitwirkung“ Gottes bei jeder menschlichen Tätigkeit ist nötig. Molina ist hinsichtlich des ersten Punkts, der begleitenden Mitwirkung Gottes mit den Thomisten einer Meinung, nicht jedoch bei der vorausgehenden Mitwirkung. Die Mitwirkung Gottes geht nach Auffassung der Thomisten den menschlichen (und natürlich auch allen anderen) Tätigkeiten vorher. Vorher ist natürlich nicht zeitlich gemeint, denn Gott ist nicht in der Zeit und deshalb ist seine Mitwirkung auch nicht zeitlich früher als die Tätigkeit des Menschen. „Vorher“ ist hier im Sinne der Vorsehung gemeint. Doch wenn Gott schon weiß, was ich tun werde und wie ich mich entscheiden werde und zwar von Ewigkeit her, wie kann ich dann frei handeln?

Gott wirkt auf den Menschen in der Weise ein, dass diese als freie Wesen tätig sind. Dies bedeutet, dass die freie Tätigkeit durch die Erstursache nicht aufgehoben wird, auch wenn Gott bereits vorher weiß, wie ich mich entscheiden werde, denn ich muss selbst als Zweitursache wirksam werden, um etwas zu bewirken. Ohne mich komme ich nicht zum Zahnarzt. Die Erstursache (Gott) macht es erst möglich, dass ich als Zweitursache wirksam werden kann, er ermöglicht damit gerade meine freie Handlung. Auch hierzu können Sie mehr im Grundkurs Philosophie Band 5 nachlesen.

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