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Dienstag, 27. August 2019

Naturphilosophie und Naturwissenschaft


Wie steht es um das Verhältnis von Naturphilosophie und Naturwissenschaft? Diese Frage eröffnet ein weites Feld, aber einige einleitende Worte, insbesondere aus erkenntnistheoretischer Sicht, können hilfreich sein, um dieses Verhältnis zu beleuchten und die Einwände, die häufig von Naturwissenschaftlern und insbesondere von szientistisch orientieren Philosophen aufzugreifen und zu entkräften.



Edward Feser hat dazu bereits zu Beginn seines neuen Buches Aristotle’s Revenge. The Metaphysical Foundation of Physical and Biological Science (Seite 6/7), einige klare Hinweise gegeben, die hier erstmals in deutscher Sprache erscheinen:

Worum handelt es sich bei der Erkenntnistheorie der Naturphilosophie selbst?  Ist es eine a priori Disziplin, ähnlich wie Mathematik und Metaphysik?  Oder unterliegen ihre Behauptungen einer empirischen Falsifikation, wie sie für naturwissenschaftliche Behauptungen typisch ist?  Diese beiden Alternativen werden oft genommen, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die es in dieser Frage gibt, aber sie erschöpfen nicht alle Möglichkeiten und dies zu erkennen, ist entscheidend, um zu verstehen, wie sich die Naturphilosophie von der Naturwissenschaft unterscheidet.  Es gibt Propositionen, die eher empirisch als a priori sind, aber dennoch keiner empirischen Falsifikation fähig sind.  Zum Beispiel ist die These, dass es Veränderung gibt, eine solche, die wir nur durch Erfahrung kennen.  Aber keine Erfahrung könnte diese Proposition umstürzen, denn jede Erfahrung, die dies angeblich tun würde, müsste selbst Veränderungen beinhalten.  (…) Allgemeiner gesagt, könnte es sehr umfassende Merkmale von Erfahrungen geben, die, sofern sie Merkmale von Erfahrungen sind, nicht a priori erkannt werden, aber dennoch, weil sie so extrem umfassend sind, in jeder möglichen Erfahrung vorkommen, einschließlich solcher Erfahrungen, die man heranziehen könnten, um zu versuchen, Behauptungen als falsch zu erweisen.

Solche Merkmale gehören zu denen, mit denen sich die Naturphilosophie im Besonderen beschäftigt, denn sie sind relevant für die Bestimmung, wie eine mögliche materielle und empirische Welt aussehen müsste.  (Einige aristotelische Naturphilosophen haben diese besondere Art von Erfahrungsgrundlage für die Naturphilosophie „vorwissenschaftliche Erfahrung“ genannt.  Vgl. Koren 1962, S. 8-10; Van Melsen 1954, S. 12-15.)  Aber auch der Naturphilosoph ist verpflichtet, empirisches Wissen der üblichen Art, insbesondere das Wissen aus den Naturwissenschaften selbst, zu nutzen.  Es liegt nichts in der Natur dieses Themas, wodurch wir alle grundlegenden Merkmale eines natürlichen Phänomens sozusagen aus dem Sessel bestimmen könnten.  Zum Beispiel hält der aristotelische Naturphilosoph, wie wir später sehen werden, fest, dass alle Naturphänomene zumindest sehr rudimentäre teleologische Eigenschaften aufweisen.  Aber was genau die spezifischen teleologischen Eigenschaften eines bestimmten Naturphänomens sind, ob seine scheinbaren teleologischen Eigenschaften real oder auf eine grundlegendere Art reduzierbar sind und ähnliche Fragen, können nur beantwortet werden, wenn man das, was wir aus Chemie, Biologie und den anderen Spezialwissenschaften kennen, in die Tat umsetzen.

Zu einem Streit in der aristotelisch-thomistischen Philosophie des 20. Jahrhunderts über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Metaphysik und Naturphilosophie ist ein kurzer Kommentar notwendig.  Thomas Aquinas unterschied zwischen drei Abstraktionen des Intellekts von der konkreten Realität (die inzwischen als die drei „Abstraktionsgrade“ bezeichnet werden) und drei entsprechenden Untersuchungsfeldern. Erstens abstrahiert der Intellekt von den individualisierenden Merkmalen konkreter materieller Dinge, betrachtet sie aber dennoch im Hinblick auf die sinnlichen Eigenschaften, die sie gemeinsam haben.  Die Naturwissenschaft und das, was heute Naturphilosophie genannt wird (nicht von Thomas selbst unterschieden, wie auch nicht von Aristoteles), entsprechen diesem Abstraktionsgrad.  Zweitens abstrahiert der Intellekt selbst von den gemeinsamen sinnlichen Merkmalen der Dinge und betrachtet nur deren quantitative Merkmale.  Mathematik ist das Forschungsgebiet, das diesem Abstraktionsgrad entspricht.  Drittens abstrahiert das Intellekt sogar von den quantitativen Merkmalen und betrachtet nur die allgemeinsten Arten, wie eine Sache charakterisiert werden kann – in Bezug auf Begriffe wie Substanz, Attribut, Wesenheit, Existenz, etc.  Metaphysik ist das Forschungsgebiet, das diesem letzten Grad der Abstraktion entspricht.  Für den aristotelischen Naturphilosophen stellt sich natürlich die Frage, ob und wie diese Art der Aufteilung des Begriffsgebietes heute Anwendung findet.


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