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Dienstag, 15. November 2011

Verstand und Wille

Eine nicht geringe Verwirrung herrscht seit langer Zeit über die beiden Potenzen des menschlichen Geistes, über Verstand und Wille. Zahlreiche Probleme in verschiedenen Gebieten, wie der Rechtswissenschaft, sind dadurch entstanden und haben Folgen gezeitigt, die bis in das persönliche Leben des Menschen hinein wirken. Wäre zum Beispiel ein Rechtspositivismus möglich gewesen, wie er auch dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus zugrunde liegt, wenn man das Verhältnis von Vernunft und Wille richtig verstanden hätte? Der Anfang dieser falschen Auffassung über das Verhältnis der beiden geistigen Potenzen liegt in der Scholastik. Doch hier findet sich auch eine klare Unterscheidung der beiden und eine wahre Bestimmung ihres Verhältnisses.





Zunächst unterscheiden sich Verstand und Wille durch ihren Gegenstand. Gegenstand des Verstandes, d.h. das, worauf der Verstand gerichtet ist, ist die Wahrheit. Gegenstand des Willens ist das Gute. Ja, in der Tat, der Wille strebt stets nach dem Guten und kann gar nicht anders. Dabei ist freilich die Möglichkeit gegeben, dass er sich in dem, was gut ist, irren kann, wie sich ja auch der Verstand irren kann.

Entsprechend der Verschiedenheit des Gegenstandes, sind die Tätigkeiten von Verstand und Wille verschieden. Das Erkennen des Verstandes besteht im Besitzen der Form des extramentalen Gegenstandes. Das Erkannte ist der Form nach im Geist und zwar genau die gleiche Form, die der Gegenstand selbst besitzt und ihn mit der Materie konstituiert. Dabei ist der Verstand empfangend.

Beim Wollen ist die geradezu umgekehrt. Der Wille empfängt nicht, sondern er strebt nach den Dingen, denn das Gute ist in den Dingen selbst, während die Wahrheit im Verstand ist.

Dennoch sind Verstand und Wille nicht getrennt. Beide gehören zusammen, sie arbeiten gewissermaßen stets zusammen. Es ist der Wille, der den Verstand aktualisiert, aus der potentiellen Erkenntnisfähigkeit zum aktuellen Erkennen überführt. Der Wille jedoch ist als solcher blind, d.h. er will nicht etwas bestimmtes, zumindest nicht aus sich selbst. Das für den Willen erstrebenswerte wird ihm vom Verstand gezeigt. Das von Verstand erkannte Wahre wird als ein Gut vom Willen erstrebt. Hier hat stets der Verstand die Führung.

Bei Thomas von Aquin, dessen Auffassung wir hier wiedergegeben finden, hat stets der Verstand die Führung über den Willen. Der Wille als solche ist, wie gesagt, blind. Dementsprechend wird auch die Freiheit bei Thomas bestimmt: der Mensch ist frei, weil er vernünftig ist. Duns Scotus, einer der ersten mittelalterlichen Philosophen, dessen Denken dann für die Moderne bestimmend wurde, stellt den Willen und damit die Freiheit an die erste Stelle: der Mensch ist vernünftig, weil er frei ist. Dieser Gedanke, der bei Duns Scotus noch ganz im christlichen Geist eingebettet ist, wird dann in der Moderne von diesem Geist abgetrennt und in der Aufklärung und im Liberalismus führend. Die Freiheit wird als das Wesen des Menschen gesehen und der Verstand der Freiheit untergeordnet.

Doch was ist die Freiheit und was will der freie Wille, wenn er vom Verstand getrennt wird? Er selbst, der Wille bestimmt, was ist. Dies findet sich dann z.B. in Sätzen wie dem Immanuel Kants, dass unsere Erkenntnis sich nicht nach den Gegenständen, sondern dass sich die Gegenstände nach dem Verstand richten müssen. Der Wille bestimmt, was der Verstand erkennt, er bringt die Gegenstände im Erkennen selbst hervor. Dies ist dann die neuzeitliche Philosophie und der Boden der Ideologien des 20. Jahrhunderts.

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