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Freitag, 24. Februar 2012

Das Sein ist das Ersterkannte


Nach scholastischer Auffassung ist das zu allererst Erkannte des Verstandes nicht irgendein bestimmte Gegenstand, sondern: das Sein. Praktisch alle anderen philosophischen Systeme, insbesondere der Empirismus, bestreiten dies ganz entschieden, denn der Empirist ist überzeugt, dass wir irgendwelche individuellen Sinnesdaten zuerst erfassen. Dass diese empiristische Auffassung aber mit erheblichen Problemen belastet ist, zeigt sich nicht nur in Lockes Abstraktionstheorie. Die scholastische Theorie, dass das Sein das Ersterkannte ist, hat unter anderem den großen Vorteil, dass deren Abstraktionstheorie den Aporien des Empirismus aus dem Weg geht.





Ursprung jeder Erkenntnis ist das Sinnliche. Hier stimmen Thomas von Aquin und der Empirismus überein. Die menschliche Seele ist zunächst ein vollkommen unbeschriebenes Blatt, eine tabula rasa. Das, was zuerst vom Verstand erfasst wird, ist das Allgemeine. Stets wird das Allgemeinere vor dem Besonderen erkannt. Diese Behauptung hat zahlreiche Widersprüche erfahren, denn man ist der Auffassung, dass die intellektuelle Erkenntnis eine direkte Erkenntnis des Singulären, Vereinzelten ist. Übrigens sind auch die Scholastiker hier nicht einer Meinung. Duns Scotus z.B. ist auch der Meinung, dass das zuerst Erkannte eine spezifische Dingnatur (species specialissima) ist und er begründet dies damit, dass die Naturursachen immer zum Vollkommeneren hinstreben. Dies ist zwar in einer bestimmten Hinsicht richtig; z.B. wird ein Haus im Verlauf der Bautätigkeit immer vollkommener. Zudem bedeutet die Aussage des Aquinaten ja nicht, dass das Ersterkannte Sein vollkommen ist. Im Gegenteil.

Jede Erkenntnis die wir erlangen, sei sie nun sinnlich oder intellektuell, als verstandesmäßig, kann entweder klar, deutlich und bestimmt sein, oder eben nicht, d.h. unklar, dunkel und unbestimmt. Letzteres trifft zu, wenn die Erkenntnis einer Sache mit verschiedenen anderes Sachen vermengt und von diesen nicht klar unterschieden ist. Sie ist in diesem Fall zu allgemein. Und in der Genese unseres Erkennens ist es nun tatsächlich so, dass wir im Fortschritt der Erkenntnis vom Unbestimmten und Allgemeinen, zum Bestimmteren und Konkreten fortschreiten. Der Grund dieses intellektuellen Fortschritts liegt in der Natur des menschlichen Verstandes selbst, der von der Potenz zum Akt übergeht.

So wird nun vielleicht verständlicher, was Thomas damit meint, wenn er sagt, dass das Sein das Ersterkannte ist. Das Sein ist der allgemeinste Gegenstand und damit zugleich auch die allgemeinste Erkenntnis überhaupt. Es ist zunächst vollkommen unbestimmt und besagt nichts mehr als "Etwas" im Unterschied zum Nichts. Dieses Ersterkannte Sein ist nicht das, was der Philosoph in der Frage nach dem Sein als solchem erforscht, sondern eben diese konfuse, spontane und unbewusste Idee des Seins. Bei allem was wir durch den Verstand erkennen, erkennen wir zuerst, dass es ist.

Nur dieses obgleich objektive aber vollkommen unterschiedslose und unbestimmte Sein ist das, was der Verstand als das Erste erkennt. Es ist das "Sein an sich" als das Formalobjekt des Verstandes, das im Gegensatz zum Nichts steht und keinen weiteren Inhalt hat, als eben nicht nichts zu sein.

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