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Sonntag, 26. Februar 2012

Sein und Sollen


In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt der Redakteur  Lorenz Jäger in der Kolumne "Exerzitien" einen hervorragenden Beitrag über das Thema Sein und Sollen. Jäger schrieb früher fast ausschließlich diese Kolumne, doch seit einiger Zeit nur noch einmal im Monat, was der Qualität der "Exerzitien" leider sehr geschadet hat. Die anderen Autoren sind zumeist oberflächlich und langweilig. Jäger beginnt seinen Beitrag direkt mit dem Hinweis auf David Hume (1711 - 1776) der zu den schärfsten Kritikern der Zusammengehörigkeit von Sein und Sollen gehört und dessen Position in der Gegenwartphilosophie gewissermaßen zum unhinterfragten Dogma geworden ist. Lorenz Jäger führt das entsprechende Zitat von Hume an:





"Bei jedem System der Moral, das mir bislang begegnet ist, habe ich stets festgestellt, dass der Autor eine gewisse Zeit in der üblichen Argumentationsweise fortschreitet und begründet, dass es einen Gott gibt, oder Beobachtungen über menschliches Verhalten trifft; dann plötzlich stelle ich überrascht fest, dass anstatt der üblichen Satzverknüpfungen, nämlich 'ist' und 'ist nicht', ich nur auf Sätze stoße, welche mit 'soll' oder 'soll nicht' verbunden sind. Diese Änderung geschieht unmerklich. Sie ist jedoch sehr wichtig."

Jäger sagt ganz zutreffend, dass die von Hume im weiteren kritisierte Verknüpfung von Sein und Sollen ihren Grund in einem verengten Verständnis von Sein hat, das bei Hume und vielen anderen Philosophen vor und nach ihm praktisch nichts weiter bedeutet als Faktizität, Tatsächlichkeit, nackte Existenz. Kant drückt dies z.B. mit den Worten aus, Sein sei "kein reales Prädikat, sondern nur eine Position (Setzung) oder gewisser Bestimmungen an ihm selbst". Selbstverständlich kann man mit solch einem Seinsverständnis keine Verbindung zwischen Sein und Sollen erkennen.

Bei einem richtigen Seinsverständnis gibt es jedoch durchaus eine Beziehung zwischen Sein und Sollen. Ein Unterschied, eine strikte Trennung von Tatsache und Sollen kann es nur geben, wenn man ein mechanistisches und nominalistisches Seinsverständnis annimmt. Dazu gehört die Ablehnung von Wesenheiten, die Behauptung, dass es so etwas wie Wesenheiten nicht gibt, was ganz offensichtlich im Widerspruch zu dem steht, was wir alltäglich glauben.

Nach scholastischer Philosophie hat alles, was es gibt, nicht nur eine Wesenheit, sondern auch, und zwar mit der Wesenheit verbunden, ein Ziel oder einen Zweck. Und wenn dies zutrifft, dann ist das Sollen nicht etwas, was den Dingen fremd und nur durch die menschliche Subjektivität hinzugefügt wird, sondern findet sich objektiv in der Welt selbst.

Im besonderen trifft dies nun auf den Menschen zu. Die menschliche Natur, die Wesenheit des Menschen ist, wie jede andere Wesenheit, auf ein Ziel ausgerichtet. Dieses Ziel ist die vollkommene Glückseligkeit, wie bereits Aristoteles erkannt hat. Alle menschlichen Tätigkeiten verfolgen letztlich nichts anderes als dieses Ziel. Dieses Ziel lässt sich überhaupt nicht bestreiten, allenfalls gibt es Streit über die Frage, worin diese Glückseligkeit besteht.

Glückseligkeit ist zugleich das, was die menschliche Natur vollständig erfüllt. Alles was der Entfaltung der menschlichen Natur und seinem Ziel dient, ist gut, was hingegen diesem Ziel zuwider ist, ist schlecht, moralisch böse. So zeigt sich aus der Wesenheit der menschlichen Natur der Zusammenhang mit moralischen Kategorien.

In der FASZ fährt Lorenz Jäger fort: "In neueren kommunistischen, feministischen oder auch nur libertären Schriften dient Humes Beobachtung dazu, Personen eine von jedwedem Bezug auf Vorhandenes abgelöste Kraft zur Selbsterfindung zuzusprechen. Mit einem Schlag ist die bestimmende Kraft etwa von Traditionen, von sozialen oder Geschlechterrollen ausgehebelt."

Jäger trifft genau den entscheidenden Punkt der Moderne: wenn es keine Wesenheiten gibt und kein aus ihnen folgendes Sollen, dann kann sich der Mensch selbst erschaffen, dann kann er, wenn  gewünscht, täglich sich neu hervorbringen, dann kann er auch seine "geschlechtliche Rolle" je nach Wunsch und Stimmung selbst festlegen, was heute unter dem Begriff des "Gender Mainstreaming" Wirklichkeit in Politik, Gesellschaft und Kultur ist. Wenn es kein objektives Sollen gibt, das sich aus der Natur der Dinge selbst ergibt, dann ist der Mensch selbst, die Subjektivität, die festlegt, was moralisch gut oder schlecht ist. Und diese Festlegung kann selbstverständlich jederzeit geändert werden. Aus diesem Denken gehen Abtreibung und Euthanasie hervor und viele andere sittliche Verfallserscheinungen, die diejenigen, die noch ein Verständnis für die Natur der Dinge und das in ihnen liegende Sollen haben, oft beklagen.

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