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Freitag, 10. Februar 2012

Definitionen


Alles was existiert hat eine Wesenheit oder Natur. Die Wesenheit oder Natur einer Sache wird in der Definition ausgedrückt. Entsprechend gilt: Alles ist definierbar. Allerdings darf dieser Satz nicht erkenntnistheoretisch verstanden werden, denn faktisch, epistemisch, ist vieles nicht oder nur unvollständig definierbar. Der Satz ist ontologisch zu verstehen in dem Sinne, dass alles, was eine Wesenheit oder Natur hat auch eine Definition hat, selbst wenn es schwierig ist, diese Definition auszudrücken. Die Frage, der ich mich in diesem Beitrag widmen möchte lautet: Was ist eine Definition?





Diese Frage selbst fragt gewissermaßen nach der Definition der Definition. Und in gewissem Sinne gibt es tatsächlich eine solche, wie wir gleich sehen werden.

Zunächst aber noch eine Anmerkung zu der Behauptung, alles sei definierbar. Dies schließt selbstverständlich nicht aus – obwohl dieser Einwand nahe liegt – dass eine einfache, nicht-analysierbare und folglich auch nicht definierbare Entitäten gibt. Für solche Entitäten gilt dann, dass sie trivialerweise durch sich selbst definiert werden. Als Beispiele für nicht-analysierbare Objekte bzw. Ausdrücke kann man anführen: Individualität, Identität oder vielleicht auch Objekte wie Farben, z.B. froschgrün. Letzte kann zwar durch bestimmte Lichtwellen analysiert werden, doch damit hat man die Farbe auf etwas anderes zurückgeführt. Doch dies nur nebenbei.

Zunächst gibt es bestimmte Kriterien, die eine gültige, korrekte Definition erfüllen muss. Hier werden traditionell vier Kriterien genannt, nämlich 1. Klarheit, 2. extensionale Angemessenheit, 3. wenn möglich positiv und 4. mit Ausdrücken, die sich vom Definiendum unterscheiden.

Was die Präzision einer Definition betrifft, kann diese nicht immer so sein, wie in der Mathematik. Aristoteles wird deshalb nicht müde immer wieder zu betonen, dass eine Definition nur so präzise sein kann wie der Gegenstand der Definition es erlaubt.

In der gegenwärtigen analytischen Philosophie werden zum Teil weitere Kriterien genannt und hier werden Anforderungen an die Präzision gestellt, die von aristotelischen Vorstellungen oft nicht erfüllt werden. Dies hat jedoch einen Grund in dem anderen Verständnis der Definition in der analytischen Philosophie. Diese ist oftmals sehr streng an die mathematische Logik orientiert und dies bedeutet, dass diese Definition keine Realdefinitionen sind, d.h. keine Definitionen von Wesenheiten oder Naturen. Damit aber unterscheiden sich moderne formal-logische Definitionen ganz erheblich von Definitionen im Sinne Aristoteles‘ oder der Scholastik. In der analytischen Philosophie werden Wesenheiten oder Naturen weitgehend abgelehnt, womit diese philosophische Richtung in der Tradition der neuzeitlichen Philosophie steht. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, doch selbst bei diesen Ausnahmen (z.B. Kit Fine, Putnam, Elder und andere sogenannte „Neo-Aristoteliker“) versteht man unter „Wesenheit“ etwas anderes als das, was in der aristotelisch-scholastischen Tradition darunter verstanden wird.

Eine reale Wesensdefinition muss durch Gattung und Art ausgedrückt werden. Dies ist das vielleicht wichtigste Kriterium einer echten Definition und dieses Kriterium unterscheidet die aristotelisch-scholastische Wesensdefinition von anderen Definitionen. Dabei wird die Gattung als das verstanden, was Teil der Form einer Entität ist und nicht dessen Eigenschaft oder Akzidens.

Bei einer Definition gilt nun, dass die jeweils niedrigste Gattung in der Definition aufgenommen werden muss. Wenn man z.B. Wasser definieren will, so wäre es zweifellos zu weit gefasst, wenn man dieses als „materielle Substanz“ mit der molekularen Struktur H2O definiert. Stattdessen wäre hier der Gattungsbegriff „Flüssigkeit“ angemessener. David Oderberg (2007, 89) nennt ein anderes Beispiel: Gold ist eine materielle Substanz mit der Atomzahl 79. Die Definition ist extensional angemessen aber gleichwohl nicht richtig, da der Gattungsbegriff zu weit gefasst ist. Richtig wäre: Gold ist eine Metall mit der Atomzahl 79.

Der Gattungsbegriff der Wesensdefinition muss so gewählt werden, dass er für das zu Definierende konstitutiv ist. Und dies ist eben die nächstliegende Gattung. Bei Gold ist dies, wie wir auch von der Wissenschaft erfahren, dass es ein Metall ist. Eigenschaften wie der Schmelzpunkt, die kristalline Struktur, die Verformbarkeit, die Farbe etc. sind in diesem Sinne nicht konstitutiv, auch wenn sie sich regelmäßig bei Gold finden.

Damit lässt sich die am Anfang gestellte Frage beantworten, was denn die Definition ist. Eine Definition ist ein klarer sprachlicher Ausdruck für eine Wesenheit oder eine Natur durch die Zuordnung zum nächstliegenden Gattungsbegriff und die Bestimmung der spezifischen Differenz (Artbegriff) des zu definierenden Gegenstandes. Am Beispiel von Gold: Gold ist ein Metall, das sich von allen anderen Metallen dadurch unterscheidet, dass es 79 Protonen im Kern hat. Eine der besten Definitionen ist die des Menschen als eines vernunftbegabten Sinnenwesens. Die häufig verwendete Bezeichnung „Lebewesen“ ist zu umfangreich, denn auch Pflanzen sind Lebewesen. Der Mensch gehört aber zur nächsthöheren Gattung der Tiere oder Sinnenwesen und was ihn von diesen unterscheidet, ist der Besitz von Verstand. Dabei sind sowohl „Sinnenwesen“ als auch „Verstand“ keine Eigenschaften, sondern das Wesen des Menschen konstituierende Bestandteile.

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für diesen und alle älteren Einträge!

    Ich habe Ihren Blog erst vor kurzem zufällig gefunden und freue mich außerordentlich, auch im deutschsprachigen Raum ein wachsendes Interesse an der Scholastik zu sehen.

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