Follow by Email

Montag, 18. April 2011

Individuation

Ein schwieriges Problem der Philosophie ist die Frage der Individuation. Dies ist auch in der Scholastik nicht anders. Jede Substanz ist von jeder anderen Substanz verschieden. Was aber ist der Grund für diese Verschiedenheit. Die substantielle Form kann nicht die Ursache sein, da sie eine Universalie ist, eine Form, die allen Dingen der gleichen Art zukommt, besser, die von allen Substanzen der gleichen Art instantiiert wird.
Es kann aber auch nicht die potentielle Materie sein, die materia prima, wie die Scholastiker es nannten, da diese völlig unbestimmt ist und daher nicht für die Individuation einer Entität verantwortlich sein kann.


Als letzter Grund der Individuation wurde deshalb die bezeichnete Materie angenommen (materia signata quatitativa). Die Materie ist der Grund für die Ausdehnungsgröße (räumlich als auch zeitlich) einer Entität. Diese potentielle Materie in ihrer Hinordnung auf eine ganz bestimmte Ausdehnung ist das Prinzip der Individuation der Entitäten. Vollkommen gleiche Einzeldinge, wie eine Menge neuer Eurostücke sind nur durch ihre raumzeitliche Position individuierbar.
Letztlich muss man allerdings die gesamte Substanz als aus Materie und Form zusammengesetzt als das Individuum begreifen. Oderberg (Real Essentialism, S. 112) fasst den ganzen Zusammenhang folgendermaßen zusammen: „The three claims are, then, to be reconciled in this way: it is the initial or logically prior influence of common form on otherwise indifferent matter which gives to matter the character by which it individuates the substance which, as a whole composite, is constituted as an individual entity.

Kommentare:

  1. Ich meine, dass die substantiellen Formen doch als Individuatoren in Frage kommen, weil sie im Kontext der Scholastik nicht als Universalien angesehen werden können. Die allerwenigsten Scholastiker waren bereit, Universalien anzuerkennen. Auch bei Thomas gibt es Universalien nur im Bewusstsein. Zudem vertreten viele heutige Aristotelesforscher, dass Aristoteles Universalien nur als Abstrakta im Bewusstsein zulässt. In Metaphysica Zeta identifiziert Aristoteles zudem das gewöhnliche Ding mit seiner substantiellen Form (eidos).

    Gegen die in der Neuzeit sehr verbreitete Individuation durch Raum und Zeit hat Gustav Bergmann eingewandt, dass sie die Individuation nicht tief genug gründet. Die Undurchdringlichkeit von Körpern ist ja weder ein ontologisches noch ein logisch Gesetz. Und sie ist vielleicht überhaupt kein Gesetz, d.h., sie besteht nicht in jedem Fall.

    Hinsichtlich des Individuationsproblems würde ich gern den Reflexionsstand des Spätscholastikers Suarez erreichen, der (vorbereitet von Avicenna) zu der Einsicht gelangt ist, dass jede Art von Entität individuiert werden muss, nicht nur das gewöhnliche Ding (der Körper, der Organismus). Also auch die erste Materie und die Akzidenzien und die Naturen (substanziellen Formen) selbst. Und natürlich die composita von Materien und Formen. Zu seiner Einsicht, dass jede Entität sich selbst individuieren muß, dass die Individuation nicht von einer bei gesellten Entität geleistet werden kann, bin ich auch irgendwann auch selbst mit meiner Ontologie gelangt.

    AntwortenLöschen
  2. Zunächst: Es geht hier nicht um eine historische Position. Der Blog behandelt aktuelle Themen der Philosophie der Gegenwart, insbesondere der analytischen Philosophie und wendet auf diese Themen „die Scholastik“ an. Ob einer historischer Scholastiker dies oder jenes so oder so gedacht hat, spielt dabei nur eine sekundäre Rolle.
    Formen werden in der aristotelischen Scholastik durchgängig als Universalien angesehen. Dagegen spricht überhaupt nicht, dass diese als im Bewusstsein beschrieben werden, denn als Universalien gibt es sie selbstverständlich nicht in der Welt; das wäre eine platonische Position, die von Aristoteles gerade zurückgewiesen wird. Wenn Formen aber Universalien sind, wenn auch nur solche, die im jeweiligen Gegenstand existieren, dann können sie nicht als Individuatoren dienen.
    Selbstverständlich ist das gewöhnlich Ding wesentlich durch die Form bestimmt. Doch die Form des Hundes Fido unterscheidet sich als Form nicht von der Form des Hundes Bello. Es ist ein und dieselbe Form die in beiden Hunden instanziiert wird. Die „Hundheit“ als Form selbst ist freilich eine Abstraktion des Geistes und existiert als solche nur in der menschlichen Seele (was etwas anderes als das neuzeitliche „Bewusstsein“ ist).
    Auch Formen sind freilich in gewissem Sinne individuiert, da sie eine Art oder Gattung darstellen, die es nur ein einziges Mal gibt. Die materia prima ist reine Potentialität und nicht wirklich, nur ein Prinzip.

    AntwortenLöschen
  3. "Universalien in der Welt" sind die Universalien bei Bergmann, Grossmann und mir. Sie sind auch wahrnehmbar als Bestandteile von Sachverhalten, obwohl sie weder räumlich, noch zeitlich lokalisiert sind. Wenn man derart vertritt, dass es Universalien nur im Bewußtsein gibt, so ist dies aber durchaus auf die gewöhnlichen Dinge außerhalb des Bewußtseins bezogen. Die Eigenschaften der gewöhnlichen Dinge sollen abstrahiert im Bewußtsein allgemein werden. Demnach sind sie an den Dingen nicht allgemein, also individuell. Also sind die Eigenschaften an den Dingen tropes und folglich, könnten sie diese individuieren.
    Der mentale Repräsentant der Eigenschaft eines körperlichen Dings (der Begriff)ist genau genommen keine Universalie, sondern nur der Ersatz für eine. Er repräsentiert tropes, aber dadurch dass er mehrere reräsentieren kann, wird er zu einem solchen Ersatz.

    AntwortenLöschen
  4. In Erwins Kommentar liegt der Widerspruch zur scholastischen Position nicht in den Tatsachen, sondern im Missverständnis. Dies ist überhaupt eines der größten Probleme in der modernen Auseinandersetzung mit der Thomistischen Philosophie (sofern es eine solche Auseinandersetzung überhaupt gibt).
    Universalien bestehen auch in der Sachverhaltsontologie nicht „an sich“, sondern nur als durch Sachverhalte exemplifiziert. Es gibt keine Farbe zinnoberrot unabhängig von zinnoberroten Dingen. Und dies ist im recht verstandenen Thomismus nicht anders, allerdings in der Weise, dass die Universalien „in“ den Dingen instanziiert sind und ihnen nicht nur äußerlich zukommen wie bei Sachverhalten. Dies gilt insbesondere für die substantiellen Formen. Auch im Thomismus sind Universalien selbstverständlich wahrnehmbar, nämlich in bzw. an den Dingen. Die akzidentellen Formen (=Universalien) werden durch die Dinge individuiert, die substanziellen Formen (= Universalien) durch die vorbezeichnete Materie. Die aristotelischen Scholastik behauptet nicht, dass es Universalien nur im Bewusstsein gibt, sondern dass sie als Universalien Abstraktionen der Seele (nicht des Bewusstsein allein) und als solche in der Seele sind. Es ist ein und dieselbe Form der Eiche, die in der Eiche ist und die in der Wahrnehmung in der Seele ist. In letzterer ist sie immateriell, in ersterer ist sie materiell, als Konstituens mit der Materie. „Mentale Repräsentanten“ gibt es nur in der neuzeitlichen Philosophie seit Descartes, nicht in der Scholastik. Was in der Seele ist, ist nicht eine Repräsentation der Eiche, sondern diese selbst, ihre Form (Wesenheit). Die Form ist nicht identisch mit dem Begriff der Eiche, da es scholastisch auch nicht-begriffliche Wahrnehmung gibt.
    Bei der Diskussion, dies sei noch einmal betont, sollte man die Aussagen zugrunde legen, die hier im Blog stehen und nicht irgendwelche Aussagen, die man meint in der historischen Scholastik gefunden zu haben.

    AntwortenLöschen