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Samstag, 30. April 2011

Wesenheiten

Infolge des nominalistischen Zweifels an der Erkennbarkeit von Wesenheiten hat wohl kaum eine andere scholastische Theorie mehr Kritik bekommen als die Theorie der Wesenheiten. Die meisten philosophischen Theorien der Gegenwart, also insbesondere der analytischen Philosophie, sind antiessentialistisch. Zwar gibt es neuere Entwicklungen in der analytischen Philosophie, die essentialistischen Theorien verteidigen, doch unterscheidet sich deren Theorie der Wesenheiten deutlich von der aristotelisch-scholastischen Auffassung. Nach letzterer ist eine Wesenheit die Natur eines Dinges, die durch eine metaphysische Definition des Fallens unter einen bestimmte Art oder Gattung und ihre spezifische Differenz charakterisiert ist. Das klassische Beispiel hierfür ist die Natur oder Wesenheit des Menschen als animal rationale, als vernünftiges Lebewesen.




Demnach fällt der Mensch unter die Gattung der Lebewesen, präziser der Tiere, und besitzt zu dieser allgemeinen Gattung die spezifische Differenz, vernünftig zu sein, bzw. vernunftbegabt zu sein. Diese Definition verweist auf die beiden Universalien Animalität und Rationalität, die die menschliche Wesenheit charakterisieren. Diese vollständige Wesenheit des Menschen ist selbst ein Universale und zwar eine komplexe, zusammengesetzte Universalie. Jeder einzelne Mensch instanziiert diese Universalie, jeder Mensch ist ein Exemplar, das unter diese Universalie fällt.

Das gleiche lässt sich auf jeden anderen natürlichen Gegenstand anwenden. Ein Fisch ist ein im Wasser lebendes Wirbeltier, das im ausgewachsenen Zustand Kiemen besitzt. Die Gattung, bzw. Art ist in diesem Fall ‚wasserlebendes Wirbeltier‘, die spezifische Differenz besteht im Besitz von Kiemen.

Man kann zwischen metaphysischer und physischer Wesenheit unterscheiden (D.S. Oderberg: Real Essentialism, New York & London, 2007, S. 24ff.). Was wir bisher beschrieben haben war die metaphysische Wesenheit. Die physische Wesenheit eines Dinges ist die konkret existierende Wesenheit dieses Individuums, das reale Konstituenzien als Teile beinhaltet. Im Falle des Menschen kann man sagen, dass ein Mensch konstituiert ist aus Geist und Körper. Der Geist exemplifiziert die Rationalität, der Körper die Animalität und der Mensch exemplifiziert beides aufgrund seines Geistes und seines Körpers. Deshalb kann man die physische Wesenheit einer Person in diesem besonderen Geist und diesem Körper erkennen.

Die meisten Kritiken des Essentialismus setzen eine empiristische Philosophie voraus. Eine heute weit verbreitete Theorie gegen die Annahme von Wesenheiten beruht auf der Behauptung, das Wesenheiten nichts anderes sind als notwendige Eigenschaften, d.h. solche Eigenschaften, die einer Entität x immer zukommt, oder in der Formulierung wie sie heute oft gegeben wird, eine Eigenschaft, die x in jeder möglichen Welt besitzt. Die Notwendigkeit von der hier die Rede ist, ist allerdings keine in der Sache selbst begründete Notwendigkeit (de re), sondern eine bloß logische Notwendigkeit (de dicto). Innerhalb der Welt gibt es nämlich nach empiristischer Auffassung überhaupt keine Notwendigkeit (David Hume). Dementsprechend lässt sich ‚Notwendigkeit‘ analysieren, bzw. reduzieren auf die Relation der logischen Folge: notwendig p besagt demnach, ‚folgt logisch aus y‘, wobei y irgendein Gesetz (Naturgesetz) darstellt und p ein konkretes Ereignis, das einen Fall darstellt, der unter dieses Gesetz fällt (R. Hüntelmann: Existenz und Modalität. Eine Studie zur analytischen Modalontologie, Frankfurt 2001). Notwendigkeit wird hier durch Gesetzmäßigkeit analysiert und Gesetze können folglich nicht selbst notwendig sein.

Dementsprechend sind das ‚Wesenheiten‘ Eigenschaften, die einer Entität gesetzmäßig, d.i. in allen Fällen zukommen und zwar äußerlich. Darin liegt nun der wohl wichtigste Unterschied zur scholastischen Theorie der Wesenheiten, denn diese versteht Essenzen als einem Gegenstand inhärent, als das, wodurch etwas das ist, was es ist und was die anderen Eigenschaften und Akzidenzien eines Gegenstandes bestimmt.

Die Widerlegung der empiristischen Kritik der Wesenheiten müssen wir auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

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