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Mittwoch, 22. Juni 2011

Das Elend der modernen Theologie

Wie weit die katholische Theologie und Philosophie sich in den letzten Jahrzehnten von den Grundlagen der scholastischen Philosophie entfernt hat, könnte an zahlreichen Beispielen aus dem alltäglichen Lehr- und Publikationsbetrieb gezeigt werden. Mit fiel heute ein solches Beispiel in die Augen, als ich einen Beitrag in der nicht selten recht guten Zeitschrift „Die neue Ordnung“ mit dem Titel „Die Rolle der Religion im Zeitalter der Säkularisierung“ las. Dort heißt es doch wörtlich: „Daraus folgt ein weiteres fundamentales Prinzip des Denkens: Die Personalität des Sein.“




Woraus dieses angebliche „fundamentale Prinzip“ folgt können wir hier beiseite lassen. Wichtiger ist das sogenannte Prinzip selbst. Es besagt offensichtlich, dass das Sein personal ist, dass das Sein also so etwas wie eine Person ist. Der Autor ist Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholisch-Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach. Man sollte von einem solchen Theologen also zumindest gewisse philosophische Grundkenntnisse erwarten können.

Doch der Autor, wie auch viele andere moderne katholische Philosophen und Theologen sind völlig gefesselt von einer personalistischen Philosophie, die letztlich alles auf den Menschen ausrichtet und diesen zum Zentrum des Universums erklärt, wie dies bereits der Vorläufer dieser philosophischen Weltanschauung, der Existentialismus, getan hat.

Das Sein ist das Sein und keine Person und auch nicht personal. Vielmehr sind Personen, wie auch alles andere, seiend. Das Sein kommt in analoger Weise allen Seienden zu, nämlich insofern sie seiend sind. Nun kann man freilich sagen, dass Gott das Sein selbst ist. Ihm kommt das Sein nicht zu, sondern er ist das Sein, sein Wesen ist das Sein, wie Thomas von Aquin sagt. Und insofern Gott personal ist, kann man mit einer gewissen Berechtigung auch sagen, dass „Sein sei personal“. Doch dies bedarf einer eingehenden Erläuterung.

Allerdings ist dies bei dem Autor Peter Schallenberg nicht so gemeint. In personalistischer Terminologie folgt auf dem oben zitierten Satz die „Erläuterung“: „Der Mensch, geschaffen als Ebenbild Gottes, eignet daher das Recht zu leben, zu lieben und geschützt zu werden.“ Dies soll also aus der „Personalität des Seins“ folgen, wie mit dem Wort „daher“ angedeutet wird. Doch wie dies aus der „Personalität des Seins“ folgt, ist mir schleierhaft. Aus dem oben erläuterten Satz, dass Gott als Person das Sein selbst ist, folgt bestenfalls, dass alles Seiende sein Sein von Gott hat, also auch der Mensch. Dass der Mensch Rechte hat, folgt nur durch eine ganze Reihe von Zusatzprämissen, die aber nicht genannt werden und die Schallenberg wohl auch überflüssig findet, da er ja offensichtlich etwas anderes mit der „Personalität des Seins“ meint, als das, was wir darunter verstehen. Was er aber mit der „Personalität des Seins“ meint, bleibt offen.

Die „katholische Philosophie“ und Theologie, die seit etwa vierzig Jahren darum bemüht ist, sich von jeder Art Scholastik zu entfernen und stattdessen den philosophischen Modeströmungen des 20. Jahrhunderts hinterherhechelt, bleibt trotz dieser Bemühungen stets etwa zwanzig Jahre hinter den aktuellen philosophischen Entwicklungen zurück. So wäre es schon ein großer Gewinn für diese „Philosophie“ und „Theologie“, wenn sie die Erkenntnisse der analytischen Philosophie zur Kenntnis nähme. Von dort führt immerhin ein Weg zurück zur Scholastik.

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