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Donnerstag, 2. Juni 2011

Ist mein Ferrari eine Substanz?

Bei gewissen Autoliebhabern kann man sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihr Fahrzeug wie ein lebendiges Wesen behandeln. Sie sprechen mit ihrem Fahrzeug, wie andere mit ihrem Hund, sie pflegen fast täglich ihre Karosse, basteln und schrauben... Doch weiß natürlich letztlich auch der Ferrari Fahrer, dass sein Auto nicht lebt. Doch was ist ein Auto, ein Telefon, ein Computer oder der „David“ von Michelangelo? Man nennt diese Dinge „Artefakte“, also künstliche Gegenstände, von Menschen gemachte Dinge. Diese Artefakte sind in unserer modernen technischen Welt oft so aufdringlich, dass sie, besonders in Städten, den Blick auf die natürlichen Dinge oft verstellen können. Doch was sind Artefakte?




Wie alles was es gibt, haben natürlich auch Artefakte eine Wesenheit. Die Wesenheit ist das, was in einer Definition ausgedrückt wird und ein Auto, ein Telefon, ein Computer oder ein  Kunstwerk sind definierbar, wenn dies auch zweifellos nicht immer leicht ist. Versuchen Sie mal zu definieren, was ein Computer ist!

Materielle Substanzen sind selbständige Seiende, die aus Form und Materie zusammengesetzt sind. Nun könnte man meinen, auch Artefakte seien Substanzen, denn sie sind zweifellos materiell, sie haben eine bestimmte Form und in einem gewissen Umfang sind besonderes moderne Maschinen, wie Computer und Roboter, auch selbständig.

Doch wer so denkt, hat das, was in der Philosophie mit „Form“ gemeint ist, nicht verstanden. Form meint nicht die Gestalt von etwas, sondern vielmehr das, was die Ursache der Gestalt von etwas ist. Die Form einer Substanz ist eines der beiden Prinzipien, aus denen eine Substanz zusammengesetzt ist und zwar das immaterielle Prinzip. Deshalb ist die Form der echten materiellen Substanzen, also besonders der Pflanzen, Tiere und Menschen, die Seele. Freilich muss der Begriff der Seele hier richtig verstanden werden und nicht so, als würde die scholastische Philosophie einen Animismus vertreten. Das Wort „Seele“ muss von dem her verstanden werden, was wir früher bereits als Form oder Formursache beschrieben haben.

Nun, ein Ferrari hat wohl keine Seele und wenn man jetzt nach der Formursache des Ferrari fragt, dann könnte man am ehesten sagen, dass diese durch den Zweck des Ferraris bestimmt wird. Allgemeiner gesagt: In gewisser Weise fällt die Formursache der Artefakte mit deren Zweckursache zusammen. Dies ist ein auffälliger Unterschied der Artefakte zu echten Substanzen.

Auch entstehen Artefakte nicht aus reiner, völlig unbestimmter Materie (materia prima), wie die Substanzen. Jedes Artefakt wird aus einer bereits bestimmten, d.h. geformten Materie hergestellt, so z.B. der Ferrari aus Metall, das zu Blech verarbeitet und in eine bestimmte Gestalt gebracht wird. Bei diesem Vorgang wird eine bereits geformte Materie, eine Substanz, in eine andere Gestalt gebracht.

Artefakte sind ontologisch abhängig von dem- oder denjenigen, die diese Artefakte herstellen oder gebrauchen. Deshalb bestehen sie als das, was sie sind, auch nur solange, wie sie innerhalb einer bestimmten Gesellschaft und Kultur in Gebrauch sind. Dies ist mit „ontologischer Abhängigkeit“ gemeint. In einer zukünftigen Welt, in der es keine Autos mehr gibt – eine Vorstellung, die uns angesichts der von den Medien berichteten Energieknappheit gar nicht so fern liegt – gibt es keine Ferraris mehr. In einer Welt, in der sich die Bedeutung und der Sinn für Kunst vollständig verändert hat, würde das „Letzte Abendmahl“ von Da Vinci aufhören zu existieren, selbst wenn es irgendwo an einem Ort herumstehen würde. Als Kunstwerk existierte es nicht mehr, sondern nur noch als irgendein Ding aus Leinwand mit bestimmten Farbflächen. Freilich könnte es jederzeit wiederentdeckt werden und dann würde es wieder als Kunstwerk existieren.

Artefakte haben einen menschlichen Zweck und wenn der oder die Besitzer dieses Zwecks verschwinden, dann verschwinden auch die Artefakte. Sie hören freilich nicht auf zu existieren, aber sie hören auf als Artefakte zu existieren. Sie sind nicht mehr das, wofür sie geschaffen wurden, sondern Gerümpel, Müll oder Steinbruch.

Aristoteles hat deshalb Artefakte als „akzidentelle Einheiten“ bezeichnet. Akzidentelle Einheiten sind Gruppen von Seienden die in einer bestimmten Weise miteinander verbunden sind, die sich von der Anordnung der Teile unter einer gemeinsamen Form unterscheidet. Das bedeutet, dass bereits bestehende Entitäten als Material verwendet werden, um daraus etwas neues zu gestalten, das für den menschlichen Gebrauch (in einem weiten Sinne) geeignet ist. Ein von Aristoteles und vielen anderen nach ihm verwendetes Beispiel ist eine Marmorstatue. Ein Stück Marmor wird als Material von einem Künstler, z.B. Michelangelo verwendet, um daraus z.B. den „David“ zu gestalten. Der Zweck ist hier das, was man als „Welt der Kunst“ bezeichnen könnte und nur innerhalb dieser „Welt“ existiert der „David“ als „David“. Außerhalb dieser Welt ist es nur ein Stück Marmor.

Kommentare:

  1. Artefakte sind für Aristoteles eine Sorte von Substanzen. Im Gegensatz zum Autoren des Artikels hat Aristoteles genau verstanden, was eine Form ist.

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  2. Vielleicht prüfen Sie die Argumente, die dafür sprechen, dass Artefakte keine Substanzen sind, als ein "Autoritätsargument" anzuführen. Die Stelle auf die Sie sich bei Aristoteles beziehen, würde mich interessieren. Aristoteles verwendet oft Artefakte als Beispiele zur Erläuterung des Hylemorphismus, der Zusammensetzung von Substanzen, ohne damit zu behaupten, Artefakte seien Substanzen.

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