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Donnerstag, 30. Juni 2011

Das Gehirn im Tank – Zweifel an der Existenz der Außenwelt

Die moderne Welt ist seit Jahrhunderten von starker Skepsis geprägt. Seit Descartes ist es ungewiss, ob unsere Erkenntnis den Dingen der Welt entspricht. Für Descartes ist es möglich, dass ein böser Dämon uns irgendwelche Gedanken und Bilder eingibt, die wir für die Wirklichkeit halten, ähnlich wie der Träumende das, was er träumt, für wirklich hält. Der Philosoph Putnam hat dies mit einem mehr unserer modernen Zeit angemessenem Gedankenexperiment veranschaulicht, nämlich dem „Gehirn in Tank“. Ein übler Neuwissenschaftler könnte demnach durch Verbindungen zu unserem Gehirn unsere Gedanken und Wahrnehmungen beeinflussen, so dass alles was, was wir als real betrachten, nur das Ergebnis der Manipulationen eines Neurowissenschaftlers ist.




Die scholastische Philosophie kennt, im Unterschied zur modernen Philosophie, keine eigenständige „Erkenntnistheorie“. Erkenntnistheorie ist vielmehr eingebunden in die umfassende Metaphysik. Moderne Philosophen neigen hingegen dazu, philosophische Probleme nicht innerhalb eines umfassenden Gesamtsystems zu untersuchen und zu beantworten, sondern dieses Problem zu isolieren und als einzelnes zu bearbeiten. Dies bereitet allerdings Probleme, da in den meisten, wenn nicht in allen Fällen metaphysische Voraussetzungen sich einschleichen, ohne das diese eigens thematisiert werden. Oftmals sind diese Voraussetzungen dann aber höchst problematisch.

Die aristotelisch-scholastische Tradition hat eine recht komplexe Analyse der menschlichen Erkenntnis ausgearbeitet, die hier natürlich nicht wiedergegeben werden kann. Aber die Umrisse dieser Analyse sollen doch kurz dargestellt werden und vielleicht bei späterer Gelegenheit erweitert werden.

Der Erkenntnisprozess lässt sich dabei folgendermaßen darstellen: Die sinnliche Wahrnehmung nimmt die Gegenstände der Welt auf und es entsteht ein Vorstellungsbild im Bewusstsein. Dieses Vorstellungsbild ist allerdings keine Repräsentation in Sinne der modernen, von Descartes beeinflussten Philosophie, sondern eher das Mittel, durch das der wahrgenommene Gegenstand wahrgenommen wird. Wir nehmen also nicht den Repräsentanten in unserem Bewusstsein wahr, wie Descartes meint, sondern den Gegenstand selbst und zwar durch das Vorstellungsbild.

Aus diesem Vorstellungsbild wird nun durch den Intellekt die Wesenheit abstrahiert. Durch diese Abstraktion erfasst der Geist nun begrifflich das, was er erkennt. Auch hier ist es nicht so, dass wir den Begriff als solchen erfassen, sondern durch den Begriff erfassen wir die Sache selbst. Diese Theorie lässt sich also durchaus als „direkter Realismus“ bezeichnen.

Wie aber kann ich mir nun gewiss sein, dass das, was ich wahrnehme und erkenne, tatsächlich mit dem übereinstimmt, was in der Welt vorkommt? Nach Thomas von Aquin hebt jede Erkenntnis mit den Sinnen an. So kann ich die Wesenheit oder Form einer Sache nur erfassen, wenn  sie mir durch die Sinne gegeben wird und ich diese durch den Intellekt aus dem Vorstellungsbild abstrahiere. Es ist also unbedingt notwendig, dass ich z.B. einen Löwen gesehen haben muss, um die Form des Löwen in meinem Geist zu haben.

Und nun kommt der entscheidende Punkt: In der Erkenntnis wird die Form des Gegenstandes im Geist präsent. Die substantielle Form des Löwen, die im Löwen materiell gegenwärtig ist und ihn zu einem Löwen macht, ist im Geist immateriell gegenwärtig. Es ist aber ein und dieselbe Form, die im Löwen und im Geist ist. Damit ist sichergestellt, dass die Erkenntnis mit dem Erkannten übereinstimmt.

Mir ist klar, dass diese sehr kurze Darstellung völlig unzureichend ist, um das Erkenntnisproblem zu beschreiben. Ich werde mich jedoch in einem späteren Blogbeitrag noch ausführlicher dazu äußern. Wichtig ist hierbei zunächst, dass die scholastische Philosophie einen grundsätzlichen Zweifel an der Realität der Außenwelt ausschließt. Dies bedeutet freilich nicht, dass es die Möglichkeit gibt, sich im einzelnen zu täuschen bzw. getäuscht zu werden, so dass man z.B. einen Hund für einen Löwen hält oder einen Löwen halluziniert. Doch grundsätzlich erkennen wir die Welt genau so, wie sie ist.

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